480 Elefanten auf dem Dach

Mittendrin. Im politischen Epizentrum, Berlin. Wen es hier in luftige Höhen zieht, der muss zunächst durch den Sicherheitscheck – wie am Flughafen.

Für eine Besichtigung der gläsernen Reichstagskuppel geht nichts ohne vorherige Anmeldung. So hat man sich zwar das ewige Schlangestehen gespart, sollte aber pünktlich auf der Matte stehen.

Am besten eine Viertelstunde vor dem gebuchten Termin. Was mir leider nicht vergönnt ist. Schuld wie immer der Verkehr, nicht etwa mangelndes Zeitmanagement. Aber auch ohne die Viertelstunde lässt man mich zum Glück hinein in die gute Stube, beziehungsweise Sicherheitsbaracke.

Dort tummeln sich gerade ganze Schulklassen aus fröhlichen Nachbarländern. Man wartet und schaut zum architektonischen Teil des Gebäudes aus dem 19. Jahrhundert hinüber.

Sehr wuchtig wirkt die historisierende Mischung aus Renaissance, Barock und klassizistischen Elementen. Am schönsten war der Reichstag ja, als er im Sommer ‘95 von Jeanne-Claude und Christo verpackt worden war.

Endlich Aufbruch, denn in der Baracke staut sich die Hitze mit so vielen gutgelaunten Leuten. Der uns zum Gebäude begleitende Security-Mann wirkt weniger happy.

In militärischem Ton scheucht er alle auf die linke Seite der Rampe. Nachzügler werden mit scharfen Worten zur Eile getrieben. Alles auf Englisch.

Ufo auf dem Dach? Nein. Nur eine Glaskuppel.

Im Aufzug dann, rundum verglast bis bespiegelt, geht erst mal das große Geknipse unter den Teens los. Dabei vergesse ich fast das latente Ölsardinenbüchsengefühl – mit quasi einer ganzen Schulklasse im Höhenflug.

Ruckzuck sind wir auf dem Niveau der Dachterrasse. Hier gibt‘s auch die Audio-Guides: Mein Wunsch nach der beliebten Bernd-Führung stößt zunächst auf Unverständnis, da ich ja aus dem Kindesalter heraus bin.

Doch dann geht alles ganz schnell. Mit Bernd, dem kastenförmigen Brot und Pechvogel, sowie in Begleitung seiner chaotischen Freunde Briegel der Busch und Chili das Schaf stoßen wir in den Kern der Hightech-Architektur von Sir Norman Foster vor.

„Hallo, du am Kopfhörer!“, begrüßt mich Bernd sehr persönlich. Ich lausche dem einschlägigen Sound während der Kuppelbesteigung: „Geh‘ nun weiter die Rampe entlang … babedapbaba babedeba …“ Hohes Ohrwurm-Potential!

Aber auch knallharte Fakten sind unvermeidlich: Die Kuppel hat einen Durchmesser von 40 Metern und wiegt 1200 Tonnen, was etwa 480 Elefanten entspricht, so Bernd.

Wobei dieser Rechnung allerdings das Gewicht eines kleineren Dickhäuters zu Grunde gelegt worden sein muss, vermute ich. Denn die Jungs können ja locker fünf Tonnen auf die Waage bringen.

Statt der massiven Tiere hat man lieber Stahl und Glas verbaut, was letztendlich Wirkung und Nutzen der Kuppel und des in den Plenarsaal führenden Trichters zugute kommt.

Dient der Trichter doch die Belüftung der „denkenden Abgeordneten“. Meint Bernd.

Kommt immer auf das Ergebnis an, denke ich.

Historistische Architektur, zur Zeit unverpackt!

Die von den Politikern produzierte Wärme kann lustigerweise zum Heizen weiterverwendet werden. Die Kuppel, ein Kreislauf. Das von den Spiegeln reflektierte Licht landet im Saal, was immerhin Energie zum Beleuchten einspart.

Ich gehe die schneckenförmige Rampe hoch und genieße die Aussicht mit 360° Panorama auf der oberen Plattform. Strahlende Sonne über Berlin. Vor dem Bundeskanzleramt protestieren Greenpeace-Aktivisten.

Bernd verabschiedet sich irgendwann: „Ich hoffe, du hattest Spaß. Für mich war es die Hölle.“ Er hat unter den verrückten Ideen seiner Freunde gelitten, landete unsanft im Trichter und so weiter. Alles rein akustisch natürlich.

Ich werde noch auf die historischen Fotos unterhalb des Trichters hingewiesen. Und dass ich bitte nicht vergesse, den Kopfhörer zurückzugeben! Natürlich nicht. Die Bernd-Führung vom Band hilft mir ja bei der anschließenden Rikscha-Tour durch Höfe und Scheunenviertel nicht. Da ist alles live und spontan.

Auf dem Weg zurück vom Reichstag zum Ausgang werde ich noch einmal mit Schmackes auf die linke Seite beordert. Live und spontan. Dann doch lieber Bernd und seine quietschigen Freunde. Oder beim nächsten Mal einen fremdsprachigen Guide? Türkisch, Portugiesisch, Russisch?

Alles gratis. Wie der wunderbare Kuppelblick.

Text und Fotos: Elke Weiler

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