Der Duft der Kekse

Es ist ein Ungetüm, das sich durchs Museum schlängelt. Wie ein Krake, der mit langen Armen sämtliche Stockwerke des ARoS Art Museums in Besitz nimmt. Sich mit seiner Buntheit dem neutralen Museumsweiß gegenüberstellt. Mit Pomp und Gloria Einzug hält, alles in den Schatten stellend.

Pilzartige Gebilde poppen nach oben auf oder fallen wie halbvolle Euter nach unten. Eine wilde Orgie aus Stoffen, die sich zu einem großen Ganzen zusammenfügt. Das ist es, was sich die portugiesische Gegenwartskünstlerin Joana Vasconcelos unter der Meeresgöttin Ran vorstellt. Ein alles vereinnahmendes Wesen, pompös und verspielt zugleich.

Krake oder Meeresgöttin? „Valkyrie Rán“ von Joana Vasconcelos

Ich bin gerade erst in Aarhus angekommen, und der erste Weg führt mich ins Kunstmuseum. Das ARoS bietet die größte Kunstsammlung Dänemarks außerhalb von Kopenhagen. Und ein Café mit leckerem Kaffee und Kuchen. Die Ausstellungen sind jedenfalls zu umfangreich für das kleine Zeitfenster, das mir zur Verfügung steht. Am schönsten wäre es wohl, das Museum an mehreren Tagen zu besuchen und häppchenweise zu entdecken.

Im ARoS Art Museum

Der Raum ist schwarz, hat keinen Anfang, kein Ende. Doch übt er eine Sogwirkung aus mit jenem Licht in der Mitte, jener Fließbewegung. Man möchte den Raum nicht gleich wieder verlassen, zu schön, zu intensiv ist das Erlebnis. Allerdings riecht es seltsam synthetisch im Raum.

Dieses magische Rieseln. Kein Sand, kein Schnee. Dampf, der fällt.

Der Erschaffer des Werks, Ólafur Elíasson, ist ein in Berlin lebender Däne isländischer Abstammung. Man spürt die Energie, die Kraft der Natur in seinen Werken. Fast ist es so, als würde der Betrachter durch die Installation „Beauty“ nach Island versetzt und sähe durch den Schleier eines sprühenden Geysirs.

„Beauty“ von Ólafur Elíasson

Eines der bekanntesten Werke von Elíasson führt mich über den spiralförmigen Treppenturm auf das Dach des kubusartigen Gebäudes. „Your rainbow panorama“ ist längst zum Wahrzeichen der Stadt geworden. Ein begehbarer Kreis in Regenbogenfarben, der die äußere Strenge der Architektur aufbricht, der alle Blicke auf sich zieht.

Was für Einstieg, über den Regenbogen in die Stadt.

Ein Weg aus Glas durch das Farbspektrum des Sonnenlichts, das sich heute rar macht. Zu unseren Füßen Alt und Neu, Bürgerhäuser, Backstein, Wolkenkratzer, spiegelnde Fassaden, der Hafen, das Meer. Mal ist Aarhus rot, mal blau, mal grün, mal gelb. Als würde es mit jeder Farbe neu geboren. Ein Blick aus den Wolken, abgehoben, traumhaft.

Nur die Regentropfen auf dem Glas holen mich ins Hier und Jetzt zurück, echte Regentropfen. „Your rainbow panorama“ macht neugierig auf diese Stadt, die vielschichtig erscheint. Sehe ich lieber die heitere, warme oder die kühle Seite? Das alte Zentrum oder das frische, neue Aarhus?

Das Latinerkvarteret

Ein blühender Kirschbaum in einem Hinterhof. Im Latinerkvarteret oder Latin Quarter, dem kuscheligen Kern der Stadt, sind diese Hinterhöfe oft zu sehen. Oder überraschende Passagen, die ich nur entdecke, wenn ich mich treiben lasse, den Einheimischen folge. Wenn ich in eines der kleinen Lokale gehe, in die Schaufenster der Boutiquen schaue.

Ein Hauch von Frühling

Zwar gilt das Shopping- und Ausgehviertel als ältester Teil der Stadt, doch wer ein Stück Alltag im Dänemark des 19. Jahrhunderts erleben will, geht nach „Den Gamle By“, ein Freilichtmuseum in der Nähe des Botanischen Gartens. Neben den Besuchern kreuzen Menschen im historischen Outfit meinen Weg. Eine Kutsche fährt einen Handwerker durch die Gegend, im Wind flatternde, historisch korrekte Wäsche rundet das Bild ab.

Dazu die teilweise begehbaren Häuser und Geschäfte. Gleich zu Anfang erzählt eine ältere Dame mit Häubchen in „ihrer“ Wohnung sitzend über die damalige Zeit und den Dichter Hans Christian Andersen. Ein Stück weiter werde ich vom Duft der Kekse und einer verlockenden Auslage in eine Bäckerei gezogen.

Den Gamle By

Die junge Frau erklärt mir, dass jegliches Gebäck hier nach Originalrezepten des 19. Jahrhunderts kreiert werde. Ich probiere einen Vanillekranz mit Mandeln, der köstlich schmeckt. Und da ist noch mehr in „Den Gamle By“, die Zeitreise endet nicht im 19. Jahrhundert.

Der Duft der Kekse

Plötzlich finde ich mich in einer Kommune der 70er Jahre wieder. Vier Leute, von denen zwei gemeinsam unter der Dusche stehen, zumindest sind ihre Schatten zu sehen. Sie erzählen von damals – mittels Bildschirm, mittels Einrichtung. Wir erfahren, dass eine Kommune in Dänemark „Kollektivet“ genannt wird.

Und dass unser Nachbarland in den 70er Jahren wohl weltweit führend im Kommunenleben war – umgelegt auf die Einwohnerzahl. Immerhin gab es 1972 ganze 1000 Kommunen in Dänemark. Mir fällt ein, dass im letzten Jahr der Film „Kollektivet“ von Thomas Vinterberg erschienen ist, den ich noch nicht gesehen habe.

Im Hintergrund läuft Musik von Simon und Garfunkel, und die ganze Wohnung dieses Altbaus in Den Gamle By wirkt so, als würde gleich eines der Kommunenmitglieder auftauchen, sich eine Tüte drehen und über Marx diskutieren wollen. Eines der ältesten Kommunen Dänemarks mit Namen „Maos Lyst“, gegründet 1967, existiert heute noch. Allerdings nicht in Aarhus, sondern in Kopenhagen.

In der permanenten Ausstellung „The Aarhus Story“ des Museums habe ich dann erfahren, dass die Anti-Atom-Sonne mit dem Spruch „Atomkraft – Nej tak!“ von einer jungen Dänin namens Anne Lund erfunden wurde. Am 1. Mai 1975 trat das Logo der Bewegung zum ersten Mal bei einer Demo in Aarhus in Erscheinung. Seither ist viel passiert. Tschernobyl. Fukushima. Doch immer noch investieren viele Länder in Atomkraft.

Zurück auf der Straße zieht es mich in ein Geschäft mit alten TV- und HiFi-Geräten – voll auf der Nostalgie-Welle schwimmend. Hinterm Tresen steht Johnny Højgaard, selbst einst Museumsdirektor eines historischen Gutshofs in Nordjütland, der uns nun mit Elan erzählt, wie sich dieser Laden aus Beständen gefüllt hat, die fast auf dem Müll gelandet wären.

Ein gutgelaunter Johnny

Aber Aarhus ist nicht nur ein Ort der Nostalgie, es möchte sich auch für die Zukunft aufstellen. Die zweitgrößte dänische Stadt möchte aus dem Schatten der Hauptstadt treten, die in allen Bereichen den Rhythmus vorgibt, vor allem als führende Fahrradstadt der Welt. Den Grundstein für diese Entwicklung haben die Kopenhagener schon vor 50 Jahren gelegt.

Mit dem Rad nach Aarhus Ø

Die kontinuierlichen Investitionen in die Radinfrastruktur der letzten Jahrzehnte sind allerdings schwer einzuholen. Während man in Aarhus fast nur Studenten auf Rädern sieht, düst in Kopenhagen fast jeder Zweite mit dem Rad zur Arbeit. „Es wird zur Zeit viel über neue Radwege diskutiert“, meint Nanna, die uns auf einer Radtour durch die City begleitet.

Unterwegs mit Nanna

Investiert wurde allerdings in ein vollautomatisches Parkhaus: Hier lässt der Fahrer sein Auto am Aufzug zurück, das dann ohne ihn nach unten befördert und einsortiert wird. „Durch den Zuzug haben wir ein Verkehrsproblem“, erklärt Nanna. Aarhus zählt derzeit über 330.500 Einwohner.

Wir schnuppern Hafenluft und spüren von alldem nichts. Hier ist nur die Weite, der Himmel, das Meer. Und neue Projekte, denn Aarhus entwickelt sich beständig weiter, was nicht nur mit der Ernennung zu einer der beiden Kulturhauptstädte 2017 zusammenhängt. Wir halten vor dem Dome of Vision, ein ambitioniertes Projekt, das in Stockholm und Kopenhagen startete.

Wie im Gewächshaus

Es geht darum, die Klimaziele mit den Anforderungen des täglichen Lebens abzustimmen. Die Kuppel setzt sich aus wabenförmigen Elementen thermoplastischen Kunststoffs zusammen, die sich wie Fischschuppen überlappen, so dass keine Dichtungsmittel nötig sind, um die Kuppel wind- und wasserdicht zu machen.

Dome of Visions

Die Außenhaut trägt sich selbst, isoliert besser als Glas und kann bei Abnutzung an den Hersteller zurückgegeben und recycelt werden. Sieht so eine Wohnform der Zukunft aus? Wie in einem Gewächshaus fühle ich mich im Dome. Eine Gärtnerin ist noch beim Bepflanzen, während Sofa und Sessel schon den Besuchern zur Verfügung stehen. „Ein öffentlicher Raum“, erklärt Nanna. „Jeder kann auf einen Kaffee hierher kommen.“ Und kreativ sein, mit Meerblick arbeiten.

In der Tat hat der Dome etwas Inspirierendes, und das liegt nicht nur an der Lage im Hafen, an der Weite und den Reflexionen des Wassers. Vielmehr an der Kuppel, der Offenheit, am Licht, dem Duft der Kräuter und jenem Gefühl, vor Ort zu sein. Man fühlt sich als Teil der Umgebung, des Großen und Ganzen.

Gut für die Kreativität

Wir radeln noch ein Stück weiter, zum neuen Stadtteil Aarhus Ø. Wie in anderen Städten sollte auch hier der ausgediente Teil eines Hafens neu bebaut und in ein Wohn- und Arbeitsquartier umfunktioniert werden. Und wie üblich wirkt dies am Anfang recht kühl. „Noch fehlt das Leben“, meint Nanna.

Dabei haben wir bereits diesen schönen Kontrast entdeckt: Vor dem neuen Wahrzeichen von Aarhus, den grellweißen Wohnhäusern des Eisbergs, auf Dänisch „Isbjerget“, wird ein offizielles Urban Farming Projekt betrieben: Ø-Haven. Willkommenes Grün! Jeder, der möchte, kann hier seinen eigenen kleinen Garten anlegen. Allerdings existiert schon eine Warteliste.

Ø-Haven mit Boot

Vermutlich muss ich im Sommer wiederkommen, wenn die Aktivitäten der Kulturhauptstadt in vollem Gang sind. Wenn die Hobbygärtner die Früchte ihrer Arbeit ernten. Wenn die Beachbar, die Nanna uns im Hafen gezeigt hat, voller Leben ist. Wenn die Einheimischen ins Meer springen.

Text und Fotos: Elke Weiler

Und noch ein paar Tipps:

Aarhus wurde als skandinavische Shoppingstadt ausgezeichnet. Vor allem im Latinerkvarteret rund um den Dom lässt es sich gut bummeln. Es sind nicht die Kaufhäuser und Ketten, sondern die kleinen Boutiquen mit ihren besonderen und vielfach auch skandinavischen Produkten, die diese Auszeichnung verdient erscheinen lassen. Hinzu kommt, dass neben den Boutiquen auch entzückende Cafés existieren.

Auf einen Kaffee

Auch dem Hype rund ums Street Food will sich die Stadt nicht verschließen. So existiert bereits ein umfunktioniertes Busterminal mit 30 Ständen „Aarhus Street Food“ an der Ny Banegaardsgade 46 sowie die Edelvariante „Aarhus Central Food“ am Skt. Knuds Torv. Hier bringen u.a. auch Fischer ihren Tagesfang her, es darf geshoppt werden.

Nun zu den Restaurants, zwei habe ich ausprobiert. Fischesser werden das „Mefisto“ im Latinerkvarteret (Volden 28) lieben. Nach dem Motto „Platz ist in der kleinsten Hütte“ speist man auf engstem Raum edle Tageskreationen. Das „Mefisto“ wurde im letzten Jahr zum besten Fischrestaurant in Dänemark gewählt. Ich habe ein Tartelett mit Hummer gegessen und im Hauptgang Rochenflügel mit Blumenkohl. (Etwa 39 Euro.)

Rochen mit Blumenkohl

Anders Kristensen ist Chef im „Langhoff & Juul“ auf der Guldsmedsgade 30 – ebenfalls im Latinerkvarteret. Hier liegt der Schwerpunkt auf organischen Zutaten und Nachhaltigkeit. Ich habe Schellfisch mit Seehasenrogen und Radieschen und glasiertes Kalbfleisch mit Blumenkohl probiert. Zwei Gänge des Abendmenüs kosten umgerechnet knapp 35 Euro.

Velbekomme!

Mit Dank an Visit Denmark und Visit Aarhus, die diese Reise unterstützt haben.

  1. Liebe Elke,
    vielen Dank für dieses kleine Stück Skandinavien an diesem verregneten Donnerstagmorgen. Mir hast du auf jeden Fall Lust gemacht, auch Aarhus mit in meine Reiseroute aufzunehmen, wenn ich mir irgendwann den Traum vom Roadtrip durch Skandinavien erfülle.
    Ansonsten freue ich mich nun umso mehr auf meinen Schwedenbesuch nächste Woche.

    Ganz liebe Grüße,
    Franka

    • Danke, liebe Franka, das freut nicht! Und Malmö wird bestimmt super! Ich freu mich auch schon auf Schweden, aber bei mir geht’s erst in zwei Wochen los! Liebe Grüße und eine tolle Reise! Elke

  2. Liebe Elke,

    vielen Dank für diesen Artikel! Er hat für mich eine Stadt bebildert, in die ich schon seit langem wegen der dort neu eröffneten Bibliothek Dokk1 fahren will. Das war bisher der einzige Grund für mich.

    Jetzt merke ich, dass es falsch wäre, nur wegen des Dokk1 nach Aarhus zu fahren und dass ich mir wohl auf jeden Fall mehr Zeit nehmen muss.

    Viele Grüße

    Uwe

    • Lieber Uwe,

      danke dir! Vielleicht lohnt sich auch, nur wegen Dokk1 nach Aarhus zu fahren, wer weiß! Leider hab ich mir die Bibliothek noch nicht angesehen. Aber beim nächsten Mal bestimmt. Soll schön sein. Der Rest ist jedenfalls auch nicht übel. 😉 Viele Grüße, Elke

  3. Ich wusste gar nicht, dass Aarhus dieses Jahr Kulturhauptstadt ist. Wir kommen im Sommer zurück nach Frankreich, da wäre ein Abstecher nach Aarhus vielleicht eine gute Idee ? Auf jedenfall schaut es so aus, als ob es da sehr viel zu tun gibt !

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