Der Duft der Lussekatter

Wir werden verfolgt. Mitten in Malmö. Schon auf der Östergatan ist mir den Typ aufgefallen. Grauer Bart, verdächtig viel grauer Bart. Das Gesicht – nicht zu erkennen. Und dann die rote Mütze! Damit fällst du auf. Aber vielleicht ist genau das die Masche. Codename Jultomte, Weihnachtswicht.

Als wir unauffällig und flott in eine Gasse abbiegen, höre ich es, höre ihn. Vielmehr seine hufbeschlagenen Begleiter, klakkak, klakkak, macht es auf dem Pflaster. Vermutlich eine Art James Bond, kostümiert und entschleunigt. Mit Kutsche statt Sportwagen. Gestern Nachmittag eine Lichterkönigin auf dem Motorrad. Was kommt danach? Der Weihnachtsmann auf dem Skateboard?

Im Safranrausch

Es weihnachtet überall, und wie jedes Jahr rund um den 13. Dezember hängt der Duft von Safranschnecken in der schwedischen Luft. Lussekatter, wohin das Auge blickt, in den Cafés, Hotels, teilweise sogar in Shops. Bei jeder Gelegenheit greifen wir zu, recherchieren, probieren. Der reinste Safranrausch.

Der tägliche Lussekatt
Der tägliche Lussekatt

Wir mögen die kleinen Weihnachtsmärkte. Den in der Karoli-Kirche und den in der Gertrudenpassage. Wo es schwedisches Design, ausgefallenes Handwerk und originellen Weihnachtsschmuck gibt. Wo heiße Schokolade gekocht wird. Wo Crêpes gebacken werden. Wo uns alle auf Schwedisch ansprechen.

Später laufen wir in Richtung Västra Hamnen, Westhafen, wo es eher nach Meer als nach Lussekatter riecht. Wo uns der Wind um die Nase pfeift. Genau dort haben wir eine Verabredung. In dem neuen Stadtteil, einem ehemaligen Werftgelände von Malmö, Wasser von allen Seiten. Heute ein Wohnviertel, das sich mit Windenergie und Fotovoltaik energetisch selbst versorgt. Vereinzelt finden wir Cafés, Restaurants, Frisöre und Tante-Emma-Läden. Und den besten Blick auf Brücke, Öresund und Kopenhagen von der Sundspromenaden.

Wahrzeichen Turning Torso
Wahrzeichen Turning Torso

Um 14.30 Uhr sollen wir bei Anna und Per sein. Die beste Zeit für eine schwedische Fika also, die Kaffeepause, die viel mehr ist als Kaffee trinken und Kuchen essen. Es geht um Geselligkeit. Nicht, dass ich unsere Gastgeber persönlich kennen würde. Ich habe sie übers Netz gefunden: A Slice of Swedish Hospitality, ein Stück schwedische Gastlichkeit also.

Fika bei Einheimischen

Statt klassisches Sightseeing: Kontakt zu den Einheimischen, an ihrem Leben, ihren Traditionen teilhaben, das ist Slow Travel. So mag ich es, neue Orte kennenzulernen. Wir sind um Pünktlichkeit bemüht, denn wir wissen schon, das Schweden nicht Italien ist. Und die Schuhe ziehen wir auch brav an der Garderobe aus, obwohl unsere Gastgeber absolut nicht darauf bestehen.

Hafenwasser
Hafenwasser

Anna und Per reisen selber sehr gerne und lieben es, hier und dort hinter die Kulissen zu schauen. Da war es ganz logisch, dass sie sich vor zwei Jahren entschieden, in Südschweden als Gastgeber Teil dieses Netzwerks zu werden. Ihren Gästen bieten sie nicht nur Kaffee und Teilchen, sondern auch einen atemberaubenden Blick über Wasser und Hafen.

Schweden lieben Griechenland

Vor zehn Jahren haben sie sich für das Neubaugebiet Västra Hamnen entschieden. Per hat hier schon gearbeitet, als noch Schiffe fabriziert wurden. Beide sind in Malmö geboren und haben an der Traditions-Universität von Lund studiert. Das müssten sie heute nicht, denn Malmös Wandel von der Industriestadt am Öresund hin zur Stadt von Forschung, Wissen und Ökologie hat sich vor allem in den letzten Jahren vollzogen.

Altstadt
Altstadt

„Früher war die Stadt langweilig“, erinnert sich Per. „Heute finden wir hier alles, was wir brauchen“, ergänzt Anna. Und dass sie nur am Meer leben wolle. Bei 300.000 Einwohnern ist Malmö übersichtlich geblieben. Die Stadt am Öresund hat sich verjüngt, aufgehübscht, ist lässig geworden. Eine Stadt mittlerer Größe mit allem Komfort. Mit einem Kaltbadehaus und einer direkten Verbindung nach Kopenhagen über die Öresundbrücke.

In knapp dreißig Minuten bringt dich der Öresundtåg zum internationalen Flughafen. Griechenland sei übrigens gerade ganz angesagt unter Schweden, erzählen die beiden. Dort hätten sie bei ihrer letzten Reise sogar einen Bären gesehen. Richtig, nicht in Kanada! Nein, im Norden von Griechenland. Die beiden Städter wandern sehr gerne. Wir reden und reden, trinken Kaffee, widmen uns den Lussekatter und einem ganzen Buffet von Teilchen und Plätzchen.

Västra Hamnen
Västra Hamnen

Die Dunkelheit legt sich über den Hafen – Zeit für die Lichterkönigin. Denn heute ist der 13. Dezember, da feiern die Schweden traditionell das Lucia-Fest. Anna und Per kennen das gut, doch für uns ist es das erste Mal. Also brechen wir auf zum Stortorget, wo die offizielle Malmö-Lucia laut unseren Gastgebern ab 17 Uhr singen soll. Wir umarmen uns und haben das Gefühl, alte Bekannten zu verabschieden. Die beiden wollen uns einen Gegenbesuch abstatten, wenn sie das nächste Mal zur Nordsee fahren.

Lucia mit dem Lichterkranz

Wir finden Lucia unterm Reiterdenkmal auf dem Stortorget. Gut erkennbar am Lichterkranz auf dem Kopf, weiß behandschuhte, gefaltete Hände, ernste Miene. Gemeinsam mit ihrer Entourage steht sie vor dem Publikum, singt mit schönster Stimme schwedische Lucia- und internationale Weihnachtslieder. Das Beste am Ende: die schwedische Version der „Santa Lucia“, einem neapoletanischen Song aus dem 19. Jahrhundert. Herzerweichend.

Santa Lucia, Santa Lucia
Santa Lucia, Santa Lucia

Bis 1699 galt der 13. Dezember nach dem Julianischen Kalender als kürzester Tag des Jahres. Eine lange, dunkle und daher gefährliche Nacht folgte, in der die Tiere sprechen konnten. Alles konnte passieren! Die Nacht der Trolle und bösen Mächte. Es brauchte eine Lichtgestalt, die den Menschen Hoffnung und Wärme brachte.

Für diese Rolle schien die Heilige Lucia aus Syrakus wie gemacht. Heute wählt jede Gemeinde ein junges Mädchen aus, dass rund um den 13. Dezember als Lichterkönigin nicht nur in Kirchen oder auf Plätzen singt, sondern auch in die Krankenhäuser und Altenheime zieht, um die Menschen mit Gesang und Gebäck zu beglücken.

Die Liebe siegt

Viele Kinder sind am Stortorget unterwegs, junge Elternpaare sowie ältere Frauen. Und das multikulturelle Malmö. Lucia zieht sie alle an. Synkretisch wie in der Herkunft, scheint das Fest auch in seiner Wirkung zu sein. Nach dem italienischen Schlusslied haben wir Lust auf Pizza und kehren ins nächste Restaurant ein. Einer der Kellner fragt uns, ob wir Italiener seien. Er selbst spricht fließend Italienisch, hat in Mailand studiert, kommt aus Albanien.

Lille Torg by night
Lille Torg by night

Er mag Malmö, und ich auch. Zur Fensterfront des Jugendstilgebäudes hinaus schauend denke ich, was jetzt noch fehlt, ist Schnee. Doch der scheint in Südschweden so rar zu sein wie in Nordfriesland. Zum krönenden Abschluss gehen wir ins benachbarte Arthouse-Kino und sehen ausgerechnet James Bond. Im Original. „I’m out of bullets“, einer seiner letzten Sätze. Er schmeißt das Magazin weg. Die Message zu Weihnachten? Die Liebe siegt, nachdem es im Film zuvor wie üblich kräftig krachte. Kein Krieg? Schön wär’s.

Text und Fotos: Elke Weiler

Frohes Fest!
Frohes Fest!
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Weihnachtsgeschenke…
Meine Malmö-Tipps im Winter:
Und noch drei Tipps:

Übernachten: Im historischen Scandic Kramer am Stortorget. Das Turmzimmer im vierten Stock!
Speisen: Einfach köstlich und mit Blick auf die Öresundbrücke: Salt & Brygga an der Sundspromenaden im Westhafen.
Fika und ein Hauch von Frankreich: Pâtisserie David auf der Östergatan.

  1. Hört sich ja wirklich toll an, richtig schön traditionnelle kleine Weihnachtsmärkte.

    • Ja, und an so gemütlichen, fast versteckten Orten wie einer ehemaligen Kirche und einem Hinterhof. Dafür muss man allerdings genau wissen, was wann wo ist.

  2. Ist das ein schöner Artikel. Ich könnte mich so in den Flieger setzen und lösdüsen.
    Vielen Dank dafür.

    Ich wünsche Euch eine schöne Weihnachtszeit.
    Liebe Grüße, Heike

  3. Wundervoll!
    Ich habe Lucia verpasst da ich (ausnahmsweise) in Deutschland bin…
    Umso schöner hier trotzdem „dabei“ sein zu können 🙂
    Liebe Grüße,
    Rike

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