Amrum bei Ostwind

Erst rauschen sie vorbei, dann fangen sie an, vor meinem Fenster zu tanzen. Schneeflocken. Ende März und immer noch Winter. Grau in Weiß in Grau das Meer, die Küste, der Himmel. Eis statt grüner Warften, Häuser on the rocks. Im schnellen Tempo ziehen wir an den Halligen vorbei. Nordstrandischmoor, Gröde, Langeness.

Dann der erste Stopp: Sonne über Hooge. Wegen der Kälte gehe ich nicht aufs Außendeck, die ganze Fahrt bis Amrum schaue ich nur aus dem Fenster. Egal, wie es sein wird, egal welches Wetter, wir werden uns auf dem Kniepsand wiederfinden. Blickrichtung Meer. Doch die Sonne bleibt, der Wind fegt von Osten über die Insel, der Schnee ist geschmolzen.

„Vor zwei Tagen sah das hier ganz anders aus“, sagt der freundliche Mann, der uns am Anleger abholt und nach Norddorf bringt. Im Hotel Seeblick erwartet man uns schon, Kolumnistin Julchen und mich.

Braver Hund auf der Fähre
Braver Hund auf der Fähre

Dem Hund liegen die Herzen zu Pfoten. Wenn ich nun leicht zerzaust und mit einer himmelblauen Schleife herumliefe, würde ich dann mit dem gleichen Enthusiasmus begrüßt werden wie er? Wir freuen uns, Julchen inspiziert das Zimmer. Geräumig, sauber, sonnige Farben, Hundeplatz mit Näpfen und Decke.

Julchens erstes Mal im Hotel

Wir sind im Parterre untergebracht, Gartenanteil inklusive. Ein Einzelzimmer in Doppelzimmergröße. Kingsize-Bett. Julchen legt ihre Nase auf die Bettkante und setzt ihren unwiderstehlichen Nougatblick auf. „Nein, in diesem Bett schlafe ich allein“, gebe ich zu verstehen. Sie akzeptiert, und wir haben einen Deal.

Hotel Seeblick
Angekommen!

Es ist ihr erstes Hotelerlebnis, und sie will einen guten Eindruck hinterlassen. Reisen gefällt dem Hund, so lange er überall bewundert und verhätschelt wird. Unser erster Weg führt an den Strand. So kurz vor Ostern ist trotz des starken Ostwindes einiges los. In Norddorf gibt es diverse Häuser für Mutter-Kind-Kuren, und die kleinen und großen Kurgäste tummeln sich vielsprachig im Ort.

„Ernes!“, ruft eine Mutter ihrem Sohn hinterher, der sich auf den Hund fixiert hat und uns wie ein Hubschrauber umkreist. Dann düst er weiter richtig Wildgänse. „Ernes!“ Auch der Hund würde gerne, ist aber angeleint und daher verhindert. Halb Amrum gilt als Naturschutzgebiet, und dementsprechend fiept und piept es hier. Ein Paradies für Vögel.

Fast alles unter Naturschutz
Fast alles unter Naturschutz

Jedes Mal, wenn wir zum Strand laufen, begegnet uns ein Kiebitz mit seiner markanten, zweizipfligen Haube. Er scheint es opportun zu finden, mitten auf der Straße zu stehen und sich zu zeigen. Erst beim beim Näherkommen fliegt er auf. Provokativ?

Endlich Kniepsand unter den Füßen

Wir haben den Strand erreicht, rechts geht’s zum Hunde-Abschnitt. Julchen sprintet los. Endlich am Kniepsand, endlich die Weite der Insel spüren. Widerspricht sich das nicht? Inseln sind von Natur aus begrenzt. Amrum nicht.

2.300 Einwohner teilen sich die 20 Quadratkilometer große Geestkerninsel. Der Kniepsand zählt extra, insgesamt 10 Quadratkilometer, also ein Drittel des Gesamtbildes. Das ausschlaggebende Drittel. Wer einmal am Amrumer Strand gestanden hat, spürt genau hier die Weite. Und auf dem Kniepsand passiert es meist, wenn sich mal wieder jemand in Amrum verliebt.

Amrum und das Gefühl von Freiheit
Amrum und das Gefühl von Freiheit

Der Hund jedenfalls scheint augenblicklich vom Freiheitsvirus befallen zu sein. Ich schon längst, und jedes Mal von neuem. Also halten wir uns tapfer gegen den Wind, der uns auf dem Rückweg den feinen Sand ins Gesicht peitscht. Wir machen Station im Strandcafé und blicken von hier aus auf die wilde Schönheit.

Zeit für eine Massage

Die Dünen, wüstenartige Massen von Sand, das Meer. Auf Amrum ist es immer da, manchmal näher, manchmal weiter weg. Aber es verschwindet nie ganz. Wir gehen zurück zum Hotel, Julchen verabschiedet sich zur Siesta, ich zur Massage bei Simone. Eine Stunde später, komplett durchgeknetet und entspannt von den Fußspitzen bis zur Stirn, wanke ich wieder hinaus.

In Entdeckerlaune
In Entdeckerlaune

Jetzt täte eine Siesta gut, doch der Hund ist in Entdeckerlaune. Also kurz ausruhen und wieder hinaus. Wir sind ganz im Norden der Insel, über uns nur noch die Odde, eine ins Meer hinausragende Landzunge. Ganz Norddorf ist auf den Tourismus ausgerichtet, und wir treffen an jeder Ecke weitere Gäste.

Darunter eine Kollegin von Julchen, ein Bearded Collie aus Hamburg mitsamt Zweibeinern, ausgewiesene Amrum-Kenner. Besonders zu Silvester sei Norddorf unter Hundebesitzern sehr beliebt, da kaum geballert wird, so erzählen sie.

Feinheimische Küche

Als ich abends im Hotelrestaurant einkehre, lautet die erste Frage: „Ist Julchen nicht dabei?“ Hunde dürfen nämlich gerne mitkommen, so lange sie sich benehmen. Die Tische werden dann dementsprechend in Randlagen reserviert. Ich freue mich auf ein viergängiges „feinheimisches“ Menu. Das bedeutet, etwa 70 Prozent der Zutaten stammen aus Schleswig-Holstein, vieles ist bio.

Friesendessert
Friesendessert

Das Hotel Seeblick wird in der vierten Generation von der Familie Hinrichs-Hesse geführt, aktuell halten Gunnar und Nicole Hesse das Zepter in der Hand. Jung und motiviert. Dem Koch lag viel daran, sein Restaurant dem Verein Feinheimisch anzuschließen. So liegt der Schwerpunkt bei regionaler Küche. Und wer die Amrumer Wildaustern probieren möchte, bekommt sie hier. Das Paar hat eigens einen Fischer mit dem Sammeln beauftragt.

Im Mondschein

Aus der Küche dringen Klatsch- und Klopfgeräusche bis an meinen Tisch, da erreicht mich auch schon der Gruß: Mousse vom Räucheraal, ein Hauch von Fisch, Leichtigkeit mit Küstenaroma. Slow food, slow motion. Wer auf Amrum nicht entspannt, schafft es nirgendwo.

Es folgen: Terrine vom Kokländer Butterhuhn, klare Bouillabaisse von Nordseefischen, geschmorte Bio-Gallowayschulter aus Bunde Wischen mit Karotten-Ingwerstampf und Altbierjus. Alles zum Glück in Gourmetportionen, damit auch das Dessert noch passt. Ein Friesendessert, bestehend aus einer geeisten Rote-Grütze-Schnitte und Friesentorte mal anders.

Abendspaziergang
Abendspaziergang

Letztere hat es mir besonders angetan. Vanilleschaum auf Zwetschgenröster! Es wird Zeit für etwas Bewegung, also entdecken Julchen und ich Norddorf by night. Erstaunlich, wieviel hier noch los, es gibt auch immer noch Leute, die nach einem Hotel suchen.

Vor dem Frühstück in die Dünen

Da die Temperatur aber nicht wirklich angenehm ist, bleibt es ein kurzes Gassi durch die Gassen des Dorfes. Der Mond scheint hell über Amrum, und wir hoffen, bald dem Frühling zu begegnen.

Am nächsten Morgen zieht es uns noch vor dem Frühstück in die Dünen. Nicole Hesse hatte mir nämlich den Tipp gegeben, auf einem der Bohlenwege einen Rundgang zu starten. „Es riecht auch gut.“ Sie lächelt. Unser Ziel ist die Aussichtsdüne. Auf Schritt und Tritt begegnen wir den Nachfahren der Wildkaninchen, die um 1230 vom dänischen König auf Amrum eingebürgert wurden.

Dünen mit Schnee
Dünen mit Schnee

Sie fühlen sich auf Amrum sichtlich wohl – trotz des beliebten Wildbrets. Wegen des Naturschutzes in den Dünen muss der Hund an der Leine bleiben. Ich versuche ihn zu erahnen, diesen Duft der Dünenlandschaft, der Heide. Bingo. Trotz der kalten Winterluft.

In der Ferne blitzt das Meer auf, die Spitze des Leuchtturms schiebt sich zwischen die Hügel. Auf der Aussichtsdüne angekommen fragt mich ein weiterer Morgenspaziergänger, ob es wohl die höchste Düne Amrums sei.

Solche Dinge weiß ich nie. Doch während ich in die Ferne schaue, wird mir eines klar: Amrum ist eine der schönsten Inseln, die ich je gesehen habe.

Text und Fotos: Elke Weiler

Mit Dank an das Genuss- & Spa Resort Seeblick für Unterkunft, Speis & Trank.

  1. Pingback: Amrum bei Ostwind | ReiseblogsReiseblogs

  2. Die Dünen, wüstenartige Massen von Sand, das Meer …. und ein Beardie muss an der Leine bleiben.
    Das er sich wohlfühlt ist bei diesem Artikel eindeutig klar. Toll!
    LG sendet Dani

  3. Wird Zeit, dass ich auch mal wieder auf die Insel komme…schön sehnsüchtig geschrieben!

    Viele Grüße,
    Alex

  4. Wenn ich Deinen Artikel so lese, dann würden mich auch der Schnee und der Wind nicht stören, vor allem, wenn’s anschließend so leckere Sachen im Hotel Seeblick gibt. Da läuft mir das Wasser schon vom Lesen im Munde zusammen.

    • Ja und weißt, liebe Monika, ich hab ja die Wildaustern noch nicht probiert. Ein zwingender Grund, bald wieder hin zu fahren… 😉

  5. Ich würde dich ja gerne mal „leicht zerzaust, mit einer himmelblauen Schleife“ sehen 🙂
    Wie immer: ein wunderschöner Sehnsuchtstext.

    • Danke, Kristine!

      Zerzaust ist eigentlich normal hier oben, mit dem Wind. Die Schleife müsste ich vom Hund ausleihen. 😉

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  7. Moin Elke,
    ein toller Meerblog, kann garnicht aufhören zu stöbern…. und dann entdecke ich auch noch diesen wunderbaren Bericht über Amrum, meine Lieblingsinsel… und dann die Hallig Hooge. Vielleicht schreibst Du ja auch demnächst was über die Hallig Langeneß (meine große Leidenschaft) ?
    Würde mich freuen, wenn Du mal bei meinem neuen Blog (Hauptthemen sind Halligen und Nordseeinseln) vorbeischaust. Ich werde jedenfalls von nun an Deinen Meerblog stetig verfolgen, danke für diese schöne Publikation.
    Schönen Gruß.
    Helmut

    • Danke, Helmut, das freut mich sehr! Ich habe auch schon einen Blick auf deine Hallig-Impressionen geworfen – sehr schön! LG, Elke

  8. Pingback: An der Odde im Süden von Sylt

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