Penguin Days #6, Orne Harbour

Die Antarktis ist kein wirklicher Ort. Kein Ort zum Leben, zum Sein, außer du bist ein Pinguin, Buckelwal oder ein Skua. Nein, du erscheinst eher als eine Art Fremdkörper hier, stapfst traumwandlerisch über noch aktive Vulkane, schwimmst aus unbekannten Gründen sogar kurz im Südpolarmeer, obwohl du zu Hause nie zum Neujahrsbaden gehen würdest.

Du cruist auf einem Gummispezialboot sitzend zwischen Treibeis, und dein Schiff muss vor treibenden Schollen flüchten, wohlwissend, dass die Natur eine Urgewalt ist. Schließlich kletterst du eisige Wege hinauf, die eigentlich nicht existieren, und rutschst halb hinunter. Bist du etwa Shackleton, der seine Männer mit eisernem Willen aus einer schier ausweglosen Lage im Südpolarmeer befreit hat? Mitnichten.

Deine Motivation sieht ganz anders aus. Du verlässt die Komfortzone für kurze Zeiten, um dir immer wieder vor Augen zu halten, zu fühlen, zu erleben: Die Antarktis, ja, du bist wirklich hier. Diese Schönheit, dieser Traum. Das gebetsmühlenartig wiederholte „Es ist der Wahnsinn!“ offenbart nur deine eigene Unfähigkeit, Worte für diesen surrealen Ort zu finden.

Noch bist du hier, noch ist es wahr, und nichts wird je wieder so sein wie hier.

Als wir in Orne Harbour ankommen, fegt der Wind über das Meer. Wird es überhaupt klappen mit einer Anlandung? Werden sie die Zodiacs zu Wasser lassen können? Das Expeditionsteam steht auf Abruf bereit am Tender Pit. Alle warten. Inzwischen wissen wir, wie das antarktische Wetter tickt. Es wechselt rasch, und so ist es auch heute. Nichts ist sicher, nichts von Dauer.

Am Tender Pit

Wir werden erst nach dem Expeditionsteam in die Tenderboote steigen dürfen, erst wenn sie die Situation gecheckt und das Terrain abgesteckt haben. Dann hören wir, wie der Kapitän den Anker wirft. Wie Musik klingt das schwere Scheppern in unseren Ohren, bald wird es losgehen. Wir sitzen gleich im ersten Zodiac und suchen die Küste mit Blicken nach einem Anlandungsort ab. Zum ersten Mal können wir keinen Strand entdecken, nur Eis und Schnee, Schnee und Eis.

Dieses Mal ist der Punkt schmal und weiß, wo sie sich versammelt haben, erkennbar nur an den bunten Outdoorsachen, die wie Farbkleckse an der Küste hervorstechen. Dort sollen wir landen? Doch wenn ich etwas habe, dann restloses Vertrauen in dieses reibungslos agierende, Hand in Hand arbeitende Expeditionsteam.

Wo ist der Landeplatz?

Sie ziehen unser Boot an Land, und wir klettern einer nach dem Anderen hinaus. Ich schaue den steilen, weißen Berg hinauf und weiß: Dieses Mal wird es sportlich. Die Trekkingstöcke liegen schon bereit, der schmale, leicht festgetretene Pfad führt im gleichmäßigen Zickzack hinauf, alles wie üblich mit Fähnchen markiert.

Ich bin keine Bergsteigerin. Und wieder muss ich an Shackleton denken, beziehungsweise an die Worte von Arved Fuchs. Zu Ehren des britischen Polarforschers hat Fuchs im Jahr 2000 die Shackleton-Expedition wiederholt – mit einem originalgetreuen Nachbau seines Schiffs. Ernest Shackleton musste, um seine Männer zu retten, unter anderem das südgeorgische Gebirge überqueren.

Das Team

„Er war kein Bergsteiger“, weiß Arved Fuchs. Wie konnte er es schaffen, wie konnte er alle Strapazen überwinden, allen Schwierigkeiten trotzen? Er fühlte die Verantwortung, er wollte es, er musste es. Doch Shackleton hatte auch Glück. So wie wir mal wieder. Kaum, dass wir mit dem Auftstieg begonnen haben, klart es auf.

Emsige Zügelpinguine bahnen sich ihren Weg nach oben, denn nur die Spitzen der Berge sind ohne Schnee und Eis und daher als Brutstätten geeignet. Was für ein unglaublich langer Weg für diese kleinen Füße! Shackleton könnte mich nie so sehr beeindrucken wie diese Pinguine. Auf halbem Weg treffen wir den ersten Skua. Eier und Pinguinküken zählen zu seiner Lieblingsbeute.

Der erste Skua

Immer wieder bleibe ich stehen, fotografiere, schaue den Abhang hinunter. Anfangs war mir noch schwindlig von der holprigen Zodiacfahrt über die Wellen. Und Schwindel ist etwas, das an diesem steilen Berg nicht zu gebrauchen ist. Er verschwindet, je höher ich steige. Auch gewöhnen sich die Augen an das blendende Weiß. Unten landen schon die nächsten Tenderboote an, die Menschen wie winzige bunte Punkte, wie Ameisen.

Endlich sind wir oben angelangt, und Tomasz Zadrozny vom Expeditionsteam meint zu mir: „Jetzt geht’s ans Klettern!“ Ich schüttele den Kopf, dieser Witzbold! Er würde halt gerne. Klettern! Ich mache mir eher Sorgen, wie ich diesen Berg wieder heil hinunterkomme. Am liebsten nicht zu schnell, nicht rutschend.

Wir beobachten scheinbar zufrieden vor sich hin brütende Pinguine auf nacktem Felsgestein. Doch die Skuas lauern in der Nähe auf, einer hat sich ohne Skrupel direkt hinter der Kolonie platziert. Wartend. Jetzt dürfen die Pinguine keinen Fehler machen. Ein Stück weiter baut das Expeditionsteam einen Nachbau des historischen Zelts auf, das Amundsen 1911 benutzte, als er den Südpol erreichte.

Ich schaue es mir näher an und bezweifle, dass es viel von der Kälte abhielt. Diese Männer waren verrückt. Und immer noch sind viele von dem Geist der alten Abenteurer fasziniert, so wie Arved Fuchs, der uns auf dem Schiff davon erzählte. Der schon als Kind wusste, was er wollte. Und der erfahren hatte, dass es bei derartigen Expeditionen keinen Rückweg gibt. Dass der Wille, das Durchhaltevermögen die beste Lebensversicherung bilden.

Glücklich, die den Berg erklommen

„Glücklich sind die, die Träume haben und bereit sind, den Preis zu zahlen, damit sie wahr werden“, hatte Fuchs am Ende seines Vortrags an Bord den liberalen Kirchenreformer Léon-Joseph Suenens zitiert. Es könnte auch der Leitspruch hauptberuflicher Reiseblogger sein.

Wir müssen zurück zu den Zodiacs, den Platz freimachen für die Nächsten. Immer wieder rutsche ich auf dem Weg aus, obwohl die Stiefel ein gutes Profil haben. „Du musst zuerst mit den Hacken in den Schnee treten“, tönt es hinter mir. Schnee und Eis funktionieren halt anders. Ich sehe, wie eine Frau vor mir wie ein Pinguin ein Stück auf dem Bauch hinabgleitet, sich aber gleich wieder fängt.

Ein Glück. Den Pinguinen geht es ähnlich wie uns, sie stolpern, sie schlittern. Mit dem Unterschied, dass dieser Weg ihr täglich Brot ist. Zurück am Anleger spreche ich mit einem Paar aus Alaska, das sich gegen den Aufstieg entschieden und ein wenig Zeit hier unten verbracht hat. „Mein Hintern ist angefroren“, meint die Frau lachend. Die beiden sind glücklich, auch wenn sie Nein zum Berg gesagt haben.

Das Antarktis-Glück, es ist so ein inneres Strahlen.

Später stehe ich auf der Sonnenterrasse von Deck 9 und kann mich nicht satt sehen an Eisbergen und Schollen. Nach einer kleinen Cruise am Nachmittag mit dem sicheren Gespür für wunderschöne Blauaugen-Kormorane lichten wir den Anker und ziehen weiter die Gerlache-Straße entlang. In der Ferne kann ich ein Schiff ausmachen, vermutlich ein Transportschiff auf dem Weg zu einer der Forschungsstationen.

Es wirkt verloren und winzig vor diesen gewaltigen weißen Bergkulisse im tiefblauen Meer. Und das Ganze erscheint mir wie ein Spiegel: So sehen auch wir von weitem aus. Ein Beweis, dass wir wirklich hier sind. Es ist kein Traum, es ist Realität. Eine wundersame, unbegreifliche, atemberaubende, zum Sterben schöne Realität.

Klein ist der Mensch.

Unsere Winzigkeit und Bedeutungslosigkeit vor dieser Realität, das ist es. Zur Hölle mit allen aufgeblasenen Affen der Menschheit.

Text und Fotos: Elke Weiler

Infos

Orne Harbour erhielt seinen Namen von norwegischen Walfängern. Es liegt auf 64 ̊38’S, 62 ̊33’W an der Gerlache-Straße und zählt zum antarktischen Festland. Robbenjäger und Walfänger waren schon vor der großen Zeit der Polarexpeditionen vor Ort, immer noch finden sich Spuren der Walindustrie aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, siehe auf Deception Island. Innerhalb von 50 Jahren hatten Walfänger die großen Populationen fast ausgerottet.

Hinaus aufs Südpolarmeer

In den 60er Jahren war erst einmal Schluss, doch erst 1994 wurden 50 Millionen Quadratkilometer in der Antarktis zum Walschutzgebiet erklärt. Und seit Oktober 2016 sind immerhin anderthalb Millionen Quadratkilometer im antarktischen Rossmeer unter Schutz gestellt wurden, die größte geschützte Meeresfläche der Welt. Wenn auch nur befristet auf 35 Jahre. Siehe WWF-Report 2016 „Tracking Antarctica“.

Mit der nächsten Anlandung geht es nach Cuverville Island, unsere letzte Station in der Antarktis und vielleicht die schönste. Aber das dachten wir eigentlich bei jedem einzelnen Landgang zuvor…

Seit nunmehr vier Tagen bin ich zurück in meiner Welt. Ich war mit der MS Midnatsol unterwegs in der Antarktis – unterstützt von Hurtigruten.

  1. Pingback: Schwimmen im antarktischen Vulkankrater | Deception Island

  2. Pingback: Die ewige Schönheit von Cuverville Island | Expedition Antarktis

  3. Traumhaft geschrieben <3 Abenteuer pur!

  4. Wow, das ist ja irrsinnig schön! Bis auf die Skuas natürlich. Die sind auch Schuld daran, dass ich mit meinen Jungs unsere tolle Pinguin DVD nie zuende gucken können werde. Zu brutal.

    • Ja, das Leben ist hart dort, nicht nur wegen der Skuas. 😉 Wie alt sind die Jungs? Und was für eine DVD? Ich mag dein Logo übrigens sehr, Sabine!

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