Zwischen Himmel und Meer

Der bequeme Sessel auf der Brücke wirkt verwaist. Jetzt oder nie! Und schon habe ich Platz genommen, lasse den Blick in die Ferne schweifen, den alten Friesenspruch „Rüm hart, klaar kiming“ im Kopf. Großes Herz, klare Kimme – also die Linie zwischen Meer und Himmel. Der Horizont.

Schon die friesischen Seefahrer wussten: Zeichnet sich die Linie klar ab, ist das Wetter beständig. Einst gab es viele und gute Seefahrer in Nordfriesland. Die historischen Kapitänshäuser auf Inseln wie Föhr oder Sylt sprechen noch heute davon.

Aber ich bin nicht zu Hause, nicht an der Nordsee. Weiter östlich gleiten wir übers Meer. In Kopenhagen hat die Fähre abgelegt, die Crown Seaways. Mit Kurs Richtung Oslo. Wir schippern durch den Öresund, erreichen das Kattegat. Gegen Morgen werden im Oslo-Fjord einfahren, und die Kenner haben bereits kundgetan, das wäre das Beste.

Kapitänin für drei Minuten
Kapitänin für drei Minuten – top fotografiert von Nicole @unterwegsunddaheim

Stundenlang aufs Meer schauen

Ich greife zum Fernglas, fühle mich gut auf der Brücke dieses riesigen Schiffs. Die See ist ruhig, der Horizont klar. Später muss ich umherlaufen und jeden Winkel erkunden von diesen 170,90 Metern Länge und bis zu 27,60 Meter Breite. Unvorstellbare 35.900 Tonnen, die sich mit maximal 22 Knoten übers Meer bewegen.

Ich neige dazu, mich auf den Decks zu verlaufen. Am liebsten stehe ich draußen, und schaue einfach aufs Meer und den Horizont wie eine alte Seefahrerin. Wie mag die Wassertemperatur des Kattegat im Mai sein? Nicht warm genug jedenfalls, um sich länger als zwei Minuten darin aufzuhalten.

Ich stelle mir vor, die Verantwortung für 1790 Passagiere zu haben, und bin heilfroh, dass es nicht so ist. Den Kapitän lernen wir hier und heute nicht kennen, er hat gerade Ruhezeit. Morgen früh im Oslofjord wird er auf der Brücke stehen oder eben auf diesem Platz sitzen, möglicherweise mit Fernglas in der Hand. Wegen des guten Wetters werden zahlreiche kleine Boote unterwegs sein, dann heißt es aufpassen.

Doch ich werde morgen nicht mehr an die Brücke denken, sondern die Einfahrt genießen, die Inselchen, Leuchttürme und norwegischen Häuser anschauen, während der Kapitän und seine Leute unbemerkt ihren Job machen. Ich werde einen ersten Kontakt zu Einheimischen aufnehmen. Möwen, die an Deck posen und fotografiert werden wollen. Der Fjord und die Stadt als willkommene Kulisse.

Es ist die vielleicht schönste Art, in Oslo anzukommen. Sich einer Stadt im Zeitlupentempo nähern, die sich zum Fjord hin öffnet wie eine Auster. Die Perle? Oslos Architekturen, vor allem die neueren. Beim Einfahren wächst die Lust, alles zu entdecken. Eine Annäherung auf dem Wasser als größte Inspirationsquelle.

An der Spitze Jütlands

Die Oper am Fjord, ein glänzend weißes, vielschichtiges Gebäude, das wie ein Eisberg aufpoppt. Dort muss ich auf jeden Fall hin. Doch vorher haben wir noch ein Stück Kattegat vor uns, zur Rechten Schweden, zur Linken Dänemark. Die Inseln Anholt und Læsø liegen auf dem Weg. Die Spitze Jütlands, die ich im Juni von der Landseite kennenlernen werde.

Der Kuss der Meere.

Die Oper – Oslos musikalischer Eisberg
Oslos musikalischer Eisberg

Statt des Kapitäns klärt uns der erste Offizier Sune auf, wie es auf der Brücke grob funktioniert. Ein Wirrwarr von Knöpfen, Hebeln und Bildschirmen vor mir. So eine Einarbeitung braucht Zeit, viel Zeit. Ich bin nicht bereit und schaue lieber durchs Fernglas, entdecke Schiffe und Küstenstriche.

Klaar kiming!

Zeit fürs Abendessen. Auf der Hinfahrt mische ich mich unter die Massen und probiere mich durch die Auswahl am Büffet „7 Seas“. Wie der Name schon andeutet, gibt es genug Meeresfrüchte und Fisch. Buffets überfordern mich meist, auch die Menschen, die sich davor drängeln.

Nach dem Hauptgang entdecke ich es, eigentlich der Clou für die Kids: Es gibt eine Softeismaschine. War klar, die Fährgesellschaft ist eine dänische! Auf der Rückfahrt peile ich eines der Restaurants an, es geht auch individuell. Im „Little Italy“ muss ich nicht mal reservieren – wie praktisch.

So finde ich flott ein freies Plätzchen und bestelle Pizza, frisch aus dem Steinofen, römische Art. Der Boden also flach, kross und herzhaft. Dazu ein Gläschen Wein.

Fehlt noch? Der Sonnenuntergang. So lange am Heck des Schiffes sitzen und dem schäumenden Strahl zuschauen, bis der Wind auffrischt. Was sagt der Horizont einer alten Seefahrerin? Klaar Kiming. Morgen wird’s schön.

Text und Fotos: Elke Weiler

Mit Dank an DFDS Seaways, die diese Fährreise ermöglicht haben.

  1. Ach komm‘, Claudia, das ist hoch professionell! 😀

  2. absolut hoch professionell! ich kenn die Fotografin 😉

  3. Total schöner Bericht! Und diese Überschrift!!! So poetisch, dass ich Lust habe, gleich noch einmal aufs Sonnendeck zu steigen, der untergehenden Sonne zu zu blinzeln und einfach schauen, schauen, bis nach Oslo.
    Liebe Grüße
    Nicole

  4. Ein richtig schöner Bericht mit tollen Bildern

  5. toller Bericht und schöne Fotos! Ich bin ja totaler Fan der Oper in Oslo (Architektonisch)

    Ich spiel mit dem Gedanken bald auch mal nen Oslo Trip zu machen. Wie behindertengerecht bzw. barrierefrei würdest du Oslo einschätzen?

    Liebe Grüße
    Marcel

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