Endlich in Marseille

Marseille in SchwarzweißMarseille in Schwarzweiß

Manchmal hörst und liebst du den Sound einer Stadt, die du noch nie gesehen hast. Es ist nicht die „Marseillaise“, die wir damals im Französischunterricht unter die Lupe genommen haben. Schwungvoll im Rhythmus, blutrünstig im Text – Marseille unterstützte die Französische Revolution in Paris.

Nein, es ist die perfekte Mischung von Massilia Sound System, einer Band, die mal auf Französisch, Okzitanisch und mal im Marseiller Slang singt. Und es klingt nach der Bandbreite einer multikulturellen Stadt:

Ein Teil Nordafrika, eine Prise Karibik, dazu Europa am Mittelmeer.

Endlich bin ich in Marseille. In der ältesten Stadt Frankreichs. In der Antike eine florierende Kolonie der Griechen und heute ein Melting Pot, wie es sich für eine lebendige Hafenstadt gehört. Die Zeit läuft. Es ist nur eine Nacht plus ein paar Stunden am nächsten Tag – Marseille im Laufschritt.

Am Abend erreichen wir nach wunderbaren Tagen in der Provence das „Mama Shelter“ im Viertel La Plaine. Eigentlich sind wir noch nicht bereit für neue Erlebnisse. Die letzten Tage waren zu stark, zu eindrucksvoll, zu betörend. Die Provence hatte uns in Windeseile eingewickelt, in Rosé getränkt und in das bodenlose Blau der Côte d’Azur getaucht.

Die Provence hat uns geschluckt, und nun stehen wir da, ausgespuckt mitten in Marseille. Verwirrt. Wir laufen ein bisschen nach da, ein bisschen nach dort. Der Plan ist in der Tasche, ich frage einen Passanten nach dem Cours Julien. Wir sind in der falschen Richtung unterwegs.

Irgendwann finden wir die Straße mit der wohl höchsten Dichte an Restaurants, Cafés und Pubs von ganz Marseille, den Cours Ju, wie er auch genannt wird. Irgendwann finden wir das Lokal mit den coolen Kellnern, die eine Casquette auf dem gestylten Schopf tragen. Den Innenhof mit Baum, das Stimmengewirr, die Pasta.

Immer noch verwirrt laufen wir durch das abendliche Marseille, das der neugierigen Blicke, der gelben Lichter, der Graffiti, Treppen, Nachtschwärmer. Wir mögen unser Hotel: Es mischt die formschöne Fassadenwelt des bürgerlichen Jahrhunderts mit poppigen Farben und Formen auf. Philippe Starck.

Marseille verändert dich. Ich setze die Hasenmaske auf, der böse Wolf heftet noch an der Wand. Selfie-Time. Der Spiegeleffekt, der mein Bett vervielfacht. Kekse liegen auf dem Schreibtisch, ich schaue in den Innenhof, unten ist ein Schachbrett in den spitzen Winkel integriert. Blumentöpfe an den Wänden.

Dort ist die Bar, die laut eigenen Angaben 40 verschiedene Sorten Pastis anbietet. Dort sitzen wir später wieder, dieses Mal drinnen, blicken abwechselnd auf die leuchtenden Schwimmreifen an der Theke und in die Karte. Bestellen drei Sorten Anisschnaps, darunter den Klassiker Ricard.

Wie ein pastellfarbenes Farbsortiment wirkt das Trio, bevor wir es mit Eis und Wasser auffüllen. Marseillerinnen mit rotlackierten Fußnägeln drängen in die Bar, wo gutaussehende junge Kellner die Cocktails mixen. An den Turntables der künstlerische Leiter des Hotels, dahinter die Gitarrensammlung.

Mitten in der Nacht donnert und blitzt es. Der DJ ist unschuldig, Regen ist für den ganzen Sonntag angesagt. Doch Marseille überrascht. Kaum bin ich unterwegs, reißt der Himmel auf. Den Weg zum Cours Julien kenne ich nun ja, von dort geht es links hinunter ins Nouailles-Viertel.

An einer Ecke bleibe ich stehen. Der Marché des Capucins? Dann dürfte der Alte Hafen nicht mehr weit entfernt sein. Mit dem Plan in der Hand schaue ich mal nach rechts, mal nach links, und will gerade den alten Mann ansprechen, den Mund schon halb geöffnet.

Wo bitte geht's zum Hafen?

Wo bitte geht’s zum Hafen?

„Kann ich Ihnen helfen?“, kommt er mir zuvor. Mais oui. Dass ich zum Vieux Port möchte, antworte ich. Auf Französisch. Er so: Das sei hier entlang und dann dort. Monsieur hat den selben Weg, dreht sich um, wiederholt, erklärt. „Merci beaucoup“, sage ich immer wieder. Lächelnd. Auf dem Markt spüre ich die Blicke der Leute.

Mein Guide dreht sich noch einmal um, schaut auf meine Kamera. „Stecken Sie sie besser weg!“, sagt er leise, und ich lasse sie in der Tasche verschwinden. Kurz darauf bin ich schon auf der alten Prachtstraße La Canebière gelandet, die mich direkt zum Hafen führt.

Die Schiffe, die Möwen, der Fisch. Nur wenige Stände sind aufgebaut: Meeresfrüchte, Makrelen, Doraden, Rotzungen in babyblauen Becken. Jetzt würde ich gerne Fisch kaufen und in meinem Marseiller Garten grillen, wenn ich denn einen hätte.

Ohne Haus, Garten und Boot in Marseille laufe ich am Hafen entlang und denke mir den Teil der Altstadt hinzu, der von den Besatzern im Zweiten Weltkrieg gesprengt wurde. Der ein Hort der Résistance war. Das widerspenstige Marseille. Der Geist der „Marseillaise“.

Die verbliebene Altstadt, das Viertel Panier, werde ich heute nicht mehr zu sehen kriegen. Hier wohnten einst die korsischen und italienischen Einwanderer. Die die Krimi-Trilogie von Jean-Claude Izzo* spielt hier, Journalist und Schriftsteller, Sohn eines Süditalieners und einer Spanierin. Nächstes Mal also das Panier.

Inzwischen stehe ich vor dem alten Fort Saint Jean – Stadtgeschichte vom 13. bis zum 21. Jahrhundert. Denn im Rahmen des Projekts Kulturhauptstadt wurden zwei Brücken errichtet: eine zum neuen Völkerkunde-Museum „MuCEM“, die andere zur Altstadt hin.

Die Glasfassade des Gebäudes, das den äußersten Punkt des Hafens markiert, ist an zwei Seiten von einer dunkelgrauen Matrix verhangen. Leichtigkeit aus Stahlbeton, dessen Stofflichkeit sich am Wasser aufzulösen scheint, so transparent ist das Gewebe.

Ich stehe am Hafen der Gegensätze, in der Stadt der Gegensätze, im Herzen des Melting Pot. Und ich wünsche mir, dass es nicht das letzte Mal ist.

Text und Fotos: Elke Weiler

Herzlichen Dank an Atout France und Marseille Tourisme, die diese Reise ermöglicht haben.

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11 Kommentare

  1. Juhu, Marseille ich komme! Aber erst im Oktober, psst…nicht weitersagen. Und an Jean Claude Izzo hast Du mich dankenswerterweise erinnert, den werde ich mir wieder mal „vornehmen“….

  2. Ich will jetzt auch…. War leider noch nicht da. Ich kann das aber gut nachvollziehen, hat man irgendwann mal von irgendeinem Ort gehört und ist begeistert, beispielsweise in der Schule, will man hin.

    Liebe Grüsse,
    Simon

    • Ja, manchmal weiß man ja selbst nicht so ganz genau, warum es einen wo hinzieht. Aber es zieht! 😉

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  6. Marseille ist wunderschön ! Ich darf das sagen, denn ich wohne (normalerweise) dort. Es ist eine Stadt mit vielen Gesichtern und seit ungefähr 10 Jahren wird auch viel renoviert, neue Museen gebaut, das Hafenviertel aufgewertet. In Marseille findet man alle Kulturen und Traditionen. Es ist wie eine Reise in der Reise 🙂

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