Sonntags am Pier

Carpe diem? Funktioniert nur, wenn du unfreiwillige Pausen nutzt. Weil du nämlich nicht so genau auf den Fahrplan geschaut hast. So stehst du quasi allein am Pier, sieht man einmal von dem Angler ab, der seit Stunden sein Glück versucht. Du hast ihn schon bei der Ankunft in Neoi Epivates gesichtet.

Doch dann, als da nichts ist außer Wind im Haar, Wellen, die sich an der Mauer brechen, und entfernten Tönen von Lounge-Music, siehst du mit einem Mal klarer. Du wartest auf ein Boot, aber eigentlich wartest du nicht mehr. Du bist genau hier, auf diesem Pier. Du lebst den Augenblick. Vorher und nachher egal.

Die Szenerie erinnert entfernt an die melancholische Leere in den Bildern des Amerikaners Edvard Hopper. Die getrockneten Algen auf dem Boden, die der Wind hin und her schiebt. Die rostigen Poller und Ringe an den Rändern. Risse und Unebenheiten in der Betondecke. Die hellen Schreie der Kinder, die am Strand spielen. Als würde der Geruch von Sonnencreme bis zum Pier herüber wehen.

Den 25 Kilometer von Thessaloniki entfernten Küstenort kann man mit einem schnöden Stadtbus erreichen, oder wie ich, mit einem Boot von Thessaloniki Waterways. Was eine gute Entscheidung für 2,70 Euro pro Strecke ist. Eine knappe Stunde über den Thermaischen Golf, die Nordwestägäis. Allein das entschleunigt, weitab vom Trubel der Großstadt ins Blau einzutauchen.

In Neoi Epivates auszusteigen und die Strandtasche in der Mambo-Bar zu deponieren. Schirme und Liegen sind hier gratis, für Getränk und Croque Monsieur bezahle ich vier Euro, Beilagen-Pommes inklusive. Aber erst mal ins Meer, das noch schön warm ist im September. Mein Equipment auf der Liege habe ich im Blick, einziger Nachteil der Location: die Lounge-Music.

Ein bisschen Schatten
Ein bisschen Schatten

Ein wenig aufdringlich, wenn man einfach nur den Wellen und den griechischen Gästen lauschen will. Denn eines fällt mir sofort auf: Die Nachbarn gehen nicht zum Schwimmen an den Strand. Hier geht es um Erfahrungsaustausch. Egal, ob auf den Liegen oder im Wasser, es wird geratscht, was das Zeug hält.

Mangels Diskussionspartner, und weil ich schon mehrere Runden geschwommen und wieder vor mich hin getrocknet habe, ist es Zeit für einen Café-Besuch und einen Freddo. Cappuccino oder Latte mit Eiswürfeln trinkt man hier so – passend zum Wetter. 30 Grad in der Sonne.

Das Café Alexandros ist zugleich Bäckerei und Patisserie – und nun kommen wir zum wahren Grund meines Besuchs: Bougatsa, eine Spezialität der Gegend. Ein Wunderding aus Blätterteig mit raffiniert integriertem Pudding und einem Hauch von Zimt. Ganz frisch.

Bougatsa, die echte
Bougatsa, die echte

Vom Café aus sehe die Schiffe kommen und gehen, höre das Horn tuten, genieße die Bougatsa. Bis ich denke, bald muss das Nächste kommen, das mich zurück in die Stadt bringt. Und laufe zum Pier. Dort sitze ich, im Hier und Jetzt versunken, als ein Trupp griechischer Seniorinnen auf mich zukommt. Hemmungslos reden sie auf mich ein, auf Griechisch natürlich.

Soweit ich verstehe, wollen sie wissen, wie es mit dem Schiff ausschaut. Ja, das Schiff, antworte ich auf Englisch. Gut, gut! Irgendwann wird es kommen. Die Verständigung funktioniert mehr über Blicke und Gesten, aber perfekt. Jetzt hat die eine Dame mich auch schon wieder eingeordnet: Natürlich, ich war doch die Fotografin vom Boot! Wir haben uns bereits auf der Hinfahrt gesehen.

Irgendwann kommt es.
Irgendwann kommt es.

Nach und nach füllt sich der Pier. Wäre ich meinem ursprünglichen Plan gefolgt, hätte ich insgesamt fünf Stunden dieses herrlichen Sonntags in Bussen verbracht. Der Lohn wäre dafür ein schöner Ort und ein toller Strand gewesen, irgendwo auf Chalkidiki. Aber ich bereue nichts, wie ich hier so am Pier stehe.

Wohlmöglich hätten an den Superstränden von Chalkidiki nicht so viele Kippen im Sand gelegen wie in Neoi Epivates, doch immerhin ist die Wasserqualität mit der „Blauen Flagge“ ausgezeichnet worden. Und ich habe ein paar nette Leute getroffen, eine phänomenale Bougatsa inhaliert. Der Seeweg ist der Straße vorzuziehen, hundert Mal.

Nach Chalkidiki kann ich beim nächsten Mal reisen, mit etwas mehr Zeit im Gepäck und mindestens einer Übernachtung, denke ich, als ich nach einem Tag am Strand wieder im Hafen von Thessaloniki lande, an Pier 1. Fast schon mit alter Gewohnheit meinen Weg zurück durch das Viertel Ladadika laufe, Richtung Hotel. Zum Dinner werde ich wieder hinunter ans Wasser gehen. Der große Vorteil von Hafenstädten.

Aber zu Thessaloniki später mehr, sehr viel mehr…

Text und Fotos: Elke Weiler

Mit Dank an Discover Greece und Aegean Airlines sowie Holiday Inn Thessaloniki, die meine Reise nach Thessaloniki unterstützt haben.

Lunch am Strand
Lunch am Strand
  1. wunderbar ge- und beschrieben, danke!
    Es gibt wohl deutlich schlimmere Orte, um eine Wartezeit zu verbringen… 😉

  2. Das klingt doch eigentlich nach einer sehr angenehmen Wartezeit. 😉 Vor allem das „Tratschen“ erinnert mich aber auch an einige Urlaube, in denen ich war. Besonders neugierig sind mir die Ungarn im Gedächtnis geblieben, aber sogar beim Camping Brixen wurden die Zeltnachbarn immer zutraulicher. Das kennt man ja als Norddeutscher nicht unbedingt so. *g*

  3. Für die Bougatsa würde ich den Weg auf mich nehmen… Sieht sündhaft lecker aus! Und irgendwie hab ich jetzt gerade Lust auf ein Plätzchen unterm Sonnenschirm. Meine Güte, ich bin reif für einen echten Urlaub : ) Schönes Wochenende Elke, Jutta

    • Du wirst es nicht glauben, liebe Jutta, aber exakt deswegen (also Bougatsa und Sonne und auch die Nettigkeit in Thessaloniki, aber davon später mehr) plane ich schon fürs Frühjahr den nächsten Besuch. Liebe Grüße und schönes Wochenende!!

  4. Pingback: Die Tage und Nächte von Thessaloniki

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