La Bohème: Berlin im Café

Mit einem Mal regnet es richtig. Und es bleibt mir nichts anderes übrig als hineinzugehen. In das erstbeste Café? Schon bei der Ankunft am Savignyplatz fiel mir das Literaturcafé auf. Und wie der Zufall so will, hat es sogar eine Geschichte.

Eine passende Story zu dieser Gegend der Künstlerlokale. Ganz in der Nähe das legendäre „Paris“, das vielen zu schick geworden ist. Oder der „Zwiebelfisch“, in den ich kurz einen Blick geworfen habe. In beiden ist es nicht ungewöhnlich, bekannte Gesichter zu treffen. La Bohème.

Das Literaturcafé passt also in diese Ecke. Es gehört zur Autorenbuchhandlung, die mir im übrigen vom Vermieter meines Apartments empfohlen wurde. Meine Berliner Wohnung auf Zeit: Ein zartes Türkis an den Wänden, softgrüne Mosaikkacheln im Bad – meine intensivsten Farben in der wintergrauen Stadt. So komme ich vom Meer, um hier, in der großen Stadt, eine Erinnerung an glasklares Wasser zu haben. An Sommer.

Schöner wohnen in Charlottenburg.
Schöner wohnen in Charlottenburg.

Dieses Mal probiere ich, wie es ist, in einem Terrassenhaus der 70er Jahre zu leben, das zum Innenhof hin treppenförmig gebaut wurde, um jedem Mieter sein eigenes Stück an der frischen Luft zu gönnen. Das Türkis der Türen und das Grün der Fassadengliederung wurden im Innern des Apartments wiederaufgegriffen.

Im Literaturcafé

Auch wenn die Straßen der Umgebung noch bis spät in den Abend wegen der gut frequentierten Lokale belebt sind: Himmlische Ruhe herrscht in meiner blauen Wohnung. Ich höre nur das Tröpfeln des Regens auf dem Balkon.

Im Literaturcafé tauche noch ein bisschen mehr in die 70er Jahre ein, als ich die Speisekarte lese, die in Buchform vor mir liegt. Neben der Getränke und Kleinigkeiten steht die ganze Geschichte der Autorenbuchhandling drin. Geburtsstunde 1976, eingebettet die Geschehnisse einer hochpolitischen Zeit.

Zeitung und Zitronentarte
Zeitung und Zitronentarte

Ich bestelle und schaue mich um. Es ist so, dass ich hier locker einige Stunden am Stück verbringen könnte. Kaum etwas ist anregender als das Treiben in einem Café…

Mir gegenüber eine zerbrechlich wirkende, sehr junge Frau neben einem gutaussehenden Mann. Sie stumm wie ein Fisch, während der Ältere ununterbrochen doziert. Kenne ich ihn nicht irgendwoher? Ist er ein Schauspieler, Dirigent, Regisseur?

Allein unter Schafen

Auch zwei Touristen sind unter den Gästen. Sie reden nicht, sind aufs Essen konzentriert. Die Einzigen mit wahrem Appetit im ganzen Café. Die Anderen diskutieren entweder heiß wie die beiden Französinnen zu meiner Linken, oder sie lesen und schreiben wie ich. Arbeiten vor dem Laptop, sehen hinaus in den Else-Ury-Bogen, den Durchgang mit seinen Geschäften und Lokalen.

Else-Ury-Bogen: oben Züge, unten Bücher
Else-Ury-Bogen: oben Züge, unten Bücher

Es wird fast still im Raum, als das ungleiche Paar geht, wäre da nicht die Musik. Gerade tönt Nostalgie-Jazz aus den Boxen. Ein Mann mit akurat geschnittenem Haar möchte sich mir gegenüber niederlassen. Er fragt freundlich. Natürlich kann er, es ist ja ein Gemeinschaftstisch.

So vis-à-vis kann ich ihn schwer beobachten, und einen Beruf weiß ich ihm auch nicht zuzuschreiben. Bibliothekar? Rechtsanwalt? Er schaut zwar in die Zeitung, interessiert sich aber offensichtlich für das Geschehen rundherum.

Bestelle ich noch einen Kaffee nach dem Salat? Draußen wird es langsam dunkel. Vielmehr war es den ganzen Tag nicht richtig hell. Und doch gefällt es mir, so mitten in Berlin. Ein willkommener Kontrast zum Zustand unter der Woche: allein unter Schafen. Kühe auf den Straßen. Hunde kurz vorm Nervenzusammenbruch.

Kühe auf den Straßen? Nordfriesland!
Kühe auf den Straßen? Nordfriesland!

Ich nehme noch einen Cappuccino und eine leichte Zitronentarte. Wie viele Kilometer habe ich mit dem Zug zurückgelegt – zwischen zwei Welten? Zu wenige. Mein Gegenüber geht, doch er schaut noch einmal zu mir, lächelt. Ab und an begegne ich auch anderen Blicken im Raum.

Lesestoff!

Ein Großstadtcafé, in dem die Leute sich ansehen. Eine offene, kommunikative Stadt, ganz Berlin scheint nur auf ein Stichwort zu warten. Das merke ich später auf Schritt und Tritt, bei jeder Frage, die ich stelle und einen ganzen Redeschwall ernte.

Nach der Tarte statte ich der Buchhandlung einen Besuch ab, die direkt ins Café übergeht. Lesestoff brauche ich immer, und ich hege die Hoffnung, dass dieses Geschäft ob seines besonderen Konzepts auch eine besondere Auswahl hat.

Welches Buch nehme ich?
Welches Buch nehme ich?

Die Buchhandlung der Künstler und Kulturschaffenden, die den Start ihres gemeinsamen Projekts „autorenbuchhandlung“ dort feierten, wo ich heute wohne: in der Carmerstraße von Charlottenburg.

Darunter Elias Canetti, Elfriede Jelinek, Heinrich Böll, Martin Walser und viele, viele andere. Mehr als 30 Jahre später existiert die Buchhandlung immer noch. Ich freue mich und gehe mit „The Moons of Jupiter“ wieder hinaus. Passt ja bestens, dass die Geschichte von Alice Munro 1977 erstmalig veröffentlicht wurde.

Text und Fotos: Elke Weiler

Mit Dank an Suite.030, die „mein“ türkisfarbenes Apartment in Charlottenburg zur Verfügung gestellt haben.

  1. So nun ist es vorgemerkt … der nächste Besuch in Berlin steht schon im Terminkalender und dank Deiner wunderbaren Fotos und dem klasse Artikel weiß ich nun auch, wo ich unterkomme. Klasse!
    LG sendet Dir Daniela

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