Physiognomie einer Biike

Im Winter herrscht skandinavische Dunkelheit in Nordfriesland. In klaren Nächten funkeln die Sterne dafür umso heller am Himmel, bei Vollmond wirst du geradezu geblendet. Umso mehr freut sich der Nordfriese, wenn die Tage wieder länger werden. Wenn die ersten Schneeglöckchen ihre Köpfe aus der matschigen Erde recken, wenn die Biiken entlang der Küste auflodern.

Zum geselligen Frühlingsfeuer trifft man sich, schaut andächtig dem Funkensprung zu und futtert anschließend Grünkohl in einer rustikalen Gastwirtschaft, wo sie ihn so machen wie einst die gute Oma. Gemäß der tiefen Erkenntnis, dass jede Biike anders ist, möchte ich in diesem Jahr mal die Föhrer bei der fachgerechten Vertreibung des Winters unterstützen.

Aber wo dort? Bei insgesamt 14 Feuern habe ich die Qual der Wahl. Das meiste Feiervolk läuft beim Wyker Fackelumzug mit, wo auch der Piader, eine Strohpuppe als Verkörperung des Winters, zum Biikehaufen getragen wird. Was ich hingegen suche, ist ein Feuer am Meer. Eine wilde, schöne und intime Biike. Durch Zufall finde ich sie, als ich am Sonntag am Gotinger Kliff spazieren gehe.

Der Wind bläst mir ins Gesicht, nur ein paar Leute kommen mir entgegen, dick eingemummt, die Mützen tief ins Gesicht gezogen. Das Meer singt im Duett mit dem Wind das Lied der Küste. Einzelne Soloeinlagen von Möwen und Austernfischern dazwischen. Auf dem Rückweg nehme ich einen anderen Aufgang, da stehe ich plötzlich vor ihm, einem enormen Haufen, der zwischen den Dünen hervorlugt.

Also inspiziere ich die kunstvoll aus Ästen, Stroh und ausrangierten Weihnachtsbäumen aufgeschichtete Biike. Am 21. Februar brennen jedes Jahr die Baken an der nordfriesischen Küste. Warum genau dann? Der Termin wurde gegen Ende des 19. Jahrhunderts festgelegt, als man die Feierlichkeiten rund um Fastnacht im Februar kanalisieren wollte.

Dass der Termin mit der Verabschiedung der Walfänger zusammenhängen könnte, ist eine Erfindung des Sylter Lehrers C.P. Hansen im 19. Jahrhundert. Die Föhrer Seeleute trafen sich im 17. und 18. Jahrhundert traditionell am 22. Februar, um ihren Abfahrtstermin fürs Frühjahr festzulegen. Natürlich fuhren sie erst später los.

Museum, Wyk
Termin im Friesen-Museum

Als ich am Nachmittag die Leiterin des Friesen-Museums Jutta Kollbaum-Weber treffe, klärt sie mich über die Entwicklung einer Tradition auf, die es 2014 in die Liste des immateriellen Weltkulturerbes geschafft hat. So hat es auf Föhr vor 200 Jahren keine Bäume gegeben, und Holz musste vom Festland eingekauft werden. Früher liefen junge Männer im Februar mit Stroh- oder Teerfackeln durch die Gegend.

Die festen Biikehaufen und die Feierlichkeiten in ihrer aktuellen Form entstanden in den 50er Jahren des letzten Jahrhunderts. So hat sich in Nordfriesland aus dem uralten Brauch des Frühlingsfeuers eine eigene Erscheinung ausgebildet. Ich werde das Gefühl nicht los, dass sich rund um die Biike noch ein paar Geheimnisse ranken.

Als ich das Museum wieder verlasse, ist der Regen stärker geworden. Ich fahre nach Oldsum, ins Café „Stellys Hüüs“, wo ebenfalls diese eine Frage im Raum steht: „Zu welcher Biike gehst du heute?“ Dieses Problem habe ich glücklicherweise für mich gelöst und wärme mich vorsorglich schon mal mit einem Kräutertee auf.

Café auf Föhr
Hier ist der Frühling schon angekommen: Stellys Hüüs

Ob das Meer in Goting noch zu sehen sein wird, bezweifle ich. Zu diesig, zu düster wird es sein. So mancher Einheimische spart sich bei dem Wetter das Treffen am Feuer und geht gleich zum Grünkohl über. Als ich gegen 18 Uhr über Süderende in Richtung Goting düse, mache ich einen fast verlassenen Haufen auf einem schlammigen Acker aus. In einer halben Stunde sollen die Feuer gezündet werden.

Oder fällt das Biikebrennen wegen des Dauerregens aus? In Goting kann ich unweit des Biikehaufens parken, doch es sind kaum Autos und Menschen dort. Nur noch 20 Minuten. Tiefhängende Wolken und der Regenmantel verschlingen den Horizont, die Nacht legt sich übers Meer. Ich höre Wattvögel in der Dunkelheit.

Ein Wunder, wenn die Fachleute es schaffen, das feuchte Holz zu entzünden. Ein Wunder oder ein fähiger Brandbeschleuniger. Jeder Haufen wird von der freiwilligen Feuerwehr des zugehörigen Dorfes überwacht. Und sie schaffen es tatsächlich: Die Biike brennt. Es knistert, flackert, zischt und knallt verdächtig.

Die Flammen breiten sich nur langsam aus, über lange Zeit können sie den höchsten Punkt des Haufens nicht erreichen. Doch egal, selbst einige Meter vom Feuer entfernt wärmt die Biike noch. Am Rand stehen ein paar Erwachsene, mehr als 20, 30 Leute feiern hier nicht. Auch ein Hund mit Leuchtband, der auf das Spektakel stiert und keinen tieferen Sinn darin zu sehen scheint.

Ein paar Kinder haben es sich am Rande der Dünen auf Heuballen bequem gemacht und wärmen sich an ihrem eigenen Minifeuer. Das Meer rauscht irgendwo im Hintergrund, übertönt vom Prasseln des Feuers. Keine friesischen Gesänge, keine politisch motivierte Feuerrede wie auf Sylt. Die Stimmung ist ruhig, fast andächtig. Es wird die niedlichste und nasseste Biike, die ich bislang erlebt habe.

Die Feuchtigkeit verleibt sich alles ein, das Objektiv malt Lichtflecken auf die Bilder, wenn ich es nicht ständig abwische. Irgendwann merke ich, dass die nasse Kälte immer höher kriecht, und beschließe zu gehen. Auf zum Grünkohlessen nach Nieblum, der krönende Abschluss eines zünftigen Biikefests. Auf Föhr gehört auch der Manhattan dazu, doch dazu bald mehr.

Wie kam der Manhattan nach Föhr?
Wie kam der Manhattan ausgerechnet nach Föhr?

Gemeinschaftliches Futtern des beliebten Wintergemüses. Viel wuchs ja früher nicht auf der Insel, und Grünkohl galt als vitaminreich und war vor allen Dingen verfügbar in der kalten Jahreszeit. Auf die Fleischplatte für eine ganze Fußballmannschaft, die zu Kohl und drei Sorten Kartoffeln gereicht wird, kann ich verzichten.

Erst spät falle ich ins Bett, und am nächsten Tag zeigt sich, wie erfolgreich das Frühlingsfeuer auf Föhr gewesen ist: Blau blitzt der Himmel zwischen den Wolken durch, die Sonne zeigt sich. Endlich. Föhr wirkt gleich frischer, wenn auch noch leicht verkatert und ausgebleicht vom Wintergrau.

Noch ein letztes Mal suche ich meine Biike in Goting auf. Mal schauen, wie der Haufen sich verändert hat. Rauchschwaden steigen immer noch in die Luft, verkohlte Äste schmoren stoisch vor sich hin. Fast erinnert mich die Landschaft an einen vulkanischen Krater, unter dem die Erde brodelt, hier und da aufglüht.

Was von der Biike blieb...
Was von der Biike blieb…

Bye, bye, Biike! Du warst meine erste in den Dünen und meine erste auf Föhr. Und nächstes Jahr? Werde ich wieder nach dem Frühling rufen, genau um diese Zeit. Vielleicht auf einer Hallig oder auf der Nachbarinsel Amrum.

Text und Fotos: Elke Weiler

Dieser Artikel bildet den Auftakt einer neuen Reihe zum nordfriesischen Lebensgefühl. Wo sich die Welt um Deichschweine, Kühe und Krabben dreht.

Mehr Biike-Lesestoff und Tipps findet ihr hier:

Ich war bereits bei einer plattdeutschen Biike in Schobüll mit Meerblick, einer lustigen Beach-Biike in St. Peter-Ording und einer Acker-Biike in Keitum mit Feuerrede und Gesang auf Söl’ring.
Alles über die Entwicklung und die Hintergründe könnt ihr in dem Buch von Albert Panten nachlesen: Das Biikebrennen der Nordfriesen.
Einige Hotels bieten spezielle Biike-Arrangements an, etwa das Hoftel Föhr zwischen Nieblum und Alkersum, eine meiner Lieblingsunterkünfte auf der Insel.

Mit herzlichem Dank an Föhr Tourismus, die mich bei meinen Vorhaben nach Tatkräften unterstützt haben.

  1. Stauf gabriele

    Sehr schöner Bericht. Waren letztes Jahr zum biike auf föhr. Sind auch durch Matsch im regen gelaufen, aber die Feuer brannten. Eine Freundin hat uns mehrere Feuer gezeigt und es War trotz Nässe sehr schön. Muss man mal gesehen haben. Anschließend gings zum grünkohlessen . War was für ausgehungerte.! War alles sehenswert, doch nun fahren wir im März.

    • Herzlichen Dank! Im März ist es bestimmt auch super, und noch nicht so viel los, zumindest vor Ostern! Eine schöne Reise wünsche ich!

  2. Hallo Elke,
    ein ganz toller Artikel, bei dem meine Nordseesehnsucht wieder wächst – ich konnte das Meer rauschen und das Feuer knistern hören. Wenn man mal an der See gewohnt hat, kann man sich gut vorstellen, wie sich das „Schietwetter“ an deinem Biikeabend angefühlt hat.

  3. Beate Gottfried

    Wunderschöner Bericht! Man kann den Geruch des Feuers förmlich riechen, Regen und Wind spüren, das Rauschen der See hören.
    Nächste Woche sind wir wieder auf der Insel!

  4. Pingback: Föhr im Winter | Nordfriesland

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