Keitum im Februar

Tjen di Biiki ön!

Kaum haben wir den enormen Haufen aus Ästen, Strandgut und vertrockneten Weihnachtsbäumen erreicht, werfen die Feuerwehrleute die ersten Fackeln hinein. „Tjen di Biiki ön!“ Es ist der einzige Satz, den ich auf Söl’ring kenne, auf Sylter Friesisch. Hat es jemand gerufen?

Das trockene Holz lodert sofort auf. Nach und nach werfen auch die anderen – Einheimische wie Gäste – ihre Fackeln ins Feuer und haben wieder beide Hände frei. Für den Punsch oder was auch immer. Wir stehen in Keitum zwischen Dorf, Bahndamm, Watt und schauen gebannt auf das zuckende Spiel der Flammen.

Es ist meine erste Biike auf einer Insel, meine erste Biike auf Friesisch (in Husum und auf Eiderstedt wird Plattdeutsch gesprochen) und die erste „Aktive“, also mit Fackeln. Vertreibt sich der Winter so effektiver?

Die Feuerrede

Im letzten Jahr war er recht hartnäckig, der Herr Winter, und etwas unterkühlt. Dieses Mal ist alles anders. Die Dämmerung weicht der Dunkelheit, und ich wate blindlings durch Matsch und Pfützen rund um das Feuer. Meine erste Biike auf einem Acker.

Reetdachhaus Keitum
Startpunkt: Benen-Diken-Hof

Es wird vorgesprochen, die sogenannten Feuerreden. Auf Hochdeutsch zunächst, dann auf Söl’ring. Kritisch bis spitz geht man auf die aktuellen Probleme der Insel ein. Vor allem der Wegfall der Geburtenstation schmerzt die Sylter sehr. „So werden unsere Kinder demnächst Flensburger“, sagt Gastgeber Claas-Erik Johannsen vom Benen-Diken-Hof.

Ich denke, es gibt Schlimmeres, und welche Rolle spielt der Geburtsort schon? Doch was ein stolzer Sylter ist, denkt da wohl anders. Problematisch finde ich eher den Hubschrauberflug für Hochschwangere. Während ich beim Fotografieren fast in den Matschrillen des Ackers verloren gehe, erklingt endlich das Sylter Lied: „Üüs Söl’ring Lön'“.

Rinder mögen keine Fackelumzüge

Denn was ein stolzer Insulaner ist, der schmettert es am Nationalfeiertag der Sylter stimmgewaltig dem Feuer entgegen. Über das Sylter Land, das ihm heilig ist und sein Glück bedeutet. Über die Sehnsucht der Fortgezogenen und über ewige Treue. Doch von Schmettern kann keine Rede sein. „Der Chor fehlt“, erklärt mir Johannsen, als der Gesang gar schüchtern ertönt.

Biike, Keitum
Ins Feuer mit den Fackeln!

Nun, sie haben schon weit Dramatischeres am Biike-Tag erlebt. Zum Beispiel, als sich einmal, aufgescheucht vom Fackelumzug, eine Galloway-Herde aus dem Konzept bringen ließ. „Zum Glück hat der Zaun gehalten“, meint mein Gastgeber. Und bei kräftigem Wind mit funkensprühenden Fackeln durch ein Reetdachdorf wie Keitum zu ziehen, ist auch nicht ohne.

Nach dem Feuer

Wind weht heute wenig. Kein Schnee, kein Eis. Es ist meine erste Bike ohne abfallende Finger beim Fotografieren, meine erste Bike bei Temperaturen über Null. Kann man da noch von Winteraustreiben reden? Mit der Zeit wird es dann doch recht frisch auf dem Acker.

Und so sitzen wir schon kurze Zeit später zusammen im Restaurant des Benen-Diken-Hofs, wärmen uns mit Grünkohl und netten Gesprächen auf. Und kommen damit der Bedeutung, die das Biike-Fest im 19. Jahrhundert hatte, ein gutes Stück näher. Nach dem heidnischen Wintervertreiben mit Feuern längs der nordfriesischen Küste ging es am Ende darum, das Zusammengehörigkeitsgefühl der Sylter zu stärken.

Biike Feuer
Es brutzelt, zischt und knarzt.

So saß man nach dem Erlöschen des Feuers beim Grünkohlessen zusammen, um ernste Themen zu besprechen und sich gegenseitige Hilfe zuzusichern. Erst am Tag danach, dem 22. Februar, wurde es beim sogenannten Petritanz richtig lustig. Der ist heute noch für die Kinder da – ein Event in fast allen Dörfern für Einheimische wie Gäste.

Das große Grünkohlessen

Beim Grünkohl wird nicht getanzt, nur geredet. „Mein Vater ist noch ein echter Muttersprachler, er hat erst in der Schule Deutsch gelernt“, meint Johannsen und lässt seinen Papa, der den Benen-Diken-Hof anfangs noch als Landwirt führte, ein paar Sprüche auf Söl’ring zum Besten geben.

Eine der Weisheiten besagt, dass nach dem Petritag nicht mehr bei Kerzenlicht, sondern bei Tageslicht zu Abend gegessen wird. Ja, die Tage werden heller, die Winterdunkelheit verflüchtigt sich. So sitzen wir zusammen beim großen Grünkohlessen, und ich frage Johannsen Senior: „Wieso eigentlich Grünkohl?“

Keitum, Biike
Jede Biike ist anders.

„Das war einst die Hauptnahrung der Sylter im Winter“, erklärt der gute Mann. „Sehr gesund!“

„Und der Fleischberg dazu?“, will ich weiter wissen. Der Grünkohl wird nämlich nicht nur mit drei Sorten Kartoffeln (ganz klassisch zum Gericht sind auch die Karamellisierten), sondern vor allem mit Wurst, Kassler und Schweinebauch serviert.

Sünhair!

„Damit man den Schnaps hinterher trinken kann!“, meint Johannsen Senior schlagfertig, und alle lachen. Der Schnaps ist also ein fester Bestandteil des Grünkohlgelages am 21. Februar. Da an meinem Tisch außer Kielern und einem weiteren Düsseldorfer auch Franken mit von der Partie sind, erfahre ich gleich einen typischen Trinkspruch aus Nürnberg: „Schütt die Brüh noa!“

„Hau wech!“, meinen die Norddeutschen. „Doch wie sagt man auf Friesisch?“, will ich vom Senior wissen. „Sünhair!“ Das hieße eigentlich Gesundheit. Ich hatte es bereits auf einem Schild im Dorf gelesen und das „Sünhair“-Lokal als Friseurladen eingeordnet. Was nun wiederum für Lacher bei den Tischnachbarn sorgt.

Söl’ring werde ich wohl nicht so schnell lernen. Aber die Sylter Biike, die war trotzdem schön.

Text und Fotos: Elke Weiler

Mit Dank an die Crew von Sylt Marketing, die meine Biike-Reise organisiert und mich mit einem Grundwortschatz ausgerüstet haben.

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  2. Ich liebe Grünkohl!!! Das Fleisch lasse ich allerdigns immer weg … Im südlichen Niedersachsen heißt das übrigens „Braunkohl“. Meine Eltern waren diese Woche schon dreimal auf Braunkohl-Wanderung + Essen!

    • Streut ihr auch Zucker obendrauf? Ich kannte das vorher nicht, die Kieler hatten das angeraten, und es war eine gute Idee. So eine Wanderung wär‘ natürlich auch mal ’ne Maßnahme! 🙂

  3. hahaha, sehr schön und stimmungsvoll wie immer. Nicht lang schnacken,…

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  5. Also, liebe Elke, gegen Sylt hege ich ja schlimme Vorurteile … Wahrscheinlich alles Missverständnisse à la „Sünhair“ : ) Am 21. Februar also? Ich streiche es mir dick im Kalender an. Vielleicht schaffe ich es ja bis auf die Insel. Toller Bericht! Sonnige Grüße, Jutta

    • Danke, liebe Jutta! Das Biike-Brennen findet ja an der ganzen nordfriesischen Küste statt, da ist bestimmt an Ort für dich dabei. Biiken am Meer, ganz intim in Schobüll oder ein bisschen voller in St. Peter. Oder auf einer Hallig? Ansonsten eine gute Gelegenheit, Vorurteile zu begraben. 🙂 Liebe Grüße vom Deich!

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