Verwirrt in Neukölln

Endstation Hermannstraße. Im seltenen Fall eines Druckverlustes… Ich schrecke hoch. Wie kann man am helllichten Tag und mit offenen Augen schlafen? Und wo fährt eine U-Bahn hin, wenn sie ihre letzte Station erreicht hat? Wieder zurück vermutlich, hin und her, bis zum letzten Mal. Ich werde es heute nicht mehr erfahren, springe auf und hechte auf den Bahnsteig.

Ich wohne in Berlin, wenn auch nur für ein paar Tage. Hier, wo die Hausflure diesen ganz speziellen Geruch haben. Eine Mischung aus Mauerschweiß, Putzmittel und Geschichte. Ende 19. oder Anfang 20. Jahrhundert, hohe Decken mit Stuck, verzierte Türen.

Per Zufall hat Neukölln dieses Mal das Rennen gemacht. Einfach, weil mir diese kleine Wohnung so zugesagt hat. Laut der Berliner Statistiken setzen sich die über 300.000 Neuköllner aus fast 150 Nationen zusammen. Und in der Tat, das Bild auf der Hermannstraße ist bunt.

Schöner wohnen im Kiez
Schöner wohnen im Kiez

Ich residiere quasi um die Ecke, und doch fernab des Trubels und Straßenlärms in einer Seitenstraße. Jeden Tag biege ich beim türkischen Gemüsehändler ab, der hier alle außer mir zu kennen und mit Handschlag zu begrüßen scheint.

Auf der Suche nach einer Gelegenheit für ein schnelles Frühstück lande ich in einem Bäckerladen – angelockt von den orientalischen Süßigkeiten. Ein junger Mann mit Migrationshintergrund geht vor mir hinein, hält mir die Türe auf und besteht auch noch darauf, dass ich zuerst meine Bestellung aufgebe.

So viel Höflichkeit mitten in Berlin! Die Stimmung ist gut, die Preise sind unglaublich günstig: 12 Cents pro Schrippe, wie der Berliner sein Brötchen aus unerfindlichen Gründen nennt. Für eine Tasse Kaffee und ein Schoko-Croissant muss ich lediglich 1,50 Euro hinlegen. Das wäre mir in Mitte nie passiert.

Meinung im Kiez
Meinung im Kiez

Dabei hat sich der ehemalige Problemkiez bereits in ein angesagtes Viertel verwandelt. Nach Kreuzberg geht es weiter, die Gentrifizierung macht vor keinem Viertel halt, auch nicht Neukölln. Hip ist vor allem der Norden, das sogenannte Kreuzkölln, sowie der Schillerkiez.

Abends versacke ich mit der Kollegin Claudi von „Claudi um die Welt“ in der „Markthalle 9“. Das ist eigentlich schon Kreuzberg, aber die Grenzen sind fließend. Und donnerstags steppt hier der Bär. Ein wildes Treiben im historischen Gemäuer, das fast zugunsten einer schnieken Shoppingmall abgerissen worden wäre.

Fast. Hätten sich nicht ein paar Privatleute dafür engagiert, der Markthalle neues Leben einzuhauchen, und in einer Unterschriftenaktion für einen neuen Kiezmittelpunkt geworben. Volltreffer! Als wir gegen acht ankommen und uns zwischen einem Überangebot von Streetfood durch die schmalen Gänge zwängen, können wir uns kaum entscheiden.

Ich probiere japanisches Curry, ohne zu wissen, wie es sich von indischem Curry unterscheidet. Die Gewürze! Über allem eine Schärfe, die nicht brennt. Wie durch ein Wunder haben wir zwei der raren Sitzplätze ergattert und beschließen, nie mehr aufzustehen.

Zumindest bis unsere Sitznachbarn versichern, auf Taschen und Tischanteil aufzupassen. Es gibt Kasspätzle, Tapas, Dumpings, Humus-Teller, Waffeln, Ceviche. Focaccia wie in Italien. Wo versteckt sich das nigerianische Fufu? Klöße, die man hinunterschlucken muss, weil sie zu klebrig zum Kauen sind. Unsere Mägen auf Weltreise.

Choucroute, denke ich plötzlich. Wie ein sinnloses Fragment poppt das Wort auf. Wieder fahre U-Bahn in Berlin, und wieder steht etwas völlig zusammenhanglos im Raum. Beziehungsweise im Kopf, die französische Variante des elsässischen Wortes Sürkrüt für Sauerkraut.

Ich verdränge Choucroute, Berlin scheint mich zu verwirren. Sauerkraut in meinem Kopf, das es noch nicht mal beim legendären „Streetfood Thursday“ in der Markthalle 9 gab. An drei anderen Tagen ist dort übrigens Markt, regional und mit Bio-Anteilen.

Irgendwo in Neukölln
Irgendwo in Neukölln

Choucroute ist ebenso plötzlich aufgetaucht wie zwei Tage später ein Mittelding aus Sänfte und Bauwagen, getragen von ein paar Männern und Frauen in Verkleidung. „Was ist das?“, fragt Meike vom Blog „meikemeilen“, als wir auf der Hermannstraße stehenbleiben.

Ich tippe zunächst auf Jungesellenabschied, es ist ja Samstagnacht. Doch schon im nächsten Moment verwerfe ich den Gedanken. Die Verkleideten meinen es ernst, und so frage ich nach. Ein Mann mit Locken und Hut erzählt von einer illegalen Kunstaktion, von einem ehemals leeren Haus auf der Mainzer Straße. Von einer wirren Fantasie, irgendwo zwischen Mutterkuchen und Wald.

Ich verstehe nichts. Berliner Fragmente. Untergrund-Kunst auf dem Weg in die Legalität, Crowdfunding macht es möglich. Wie Youtube für Musiker oder Selfpublishing für Autoren. Und der Mann mit dem Hut bleibt bei der Selbstvermarktung recht authentisch.

Hip auf der Boddinstraße
Hip auf der Boddinstraße

Meike und ich haben eine Tour durch den Schillerkiez hinter uns: „Pizza al taglio“ mit zig Sorten zur Auswahl bei „Pazzi x Pizza“, Vino, Espresso, Tiramisú. Dann in der allerletzten Minute ins Rollberg Kino. Im Schwarzen Saal läuft „Pepe Mujica“, ein genialer Film über den 80jährigen Urugayo, ehemaliger Widerstandskämpfer gegen die Militärdiktatur der 70er bis Mitte 80er Jahre.

Und seit Anfang März Ex-Präsident von Uruguay. Pepe, der den Großteil seiner präsidialen Bezüge an die Armen spendete. Präsident Pepe, ein volksnaher Mann und brillanter Redner, der den Mitbürgern die Politik des Linksbündnisses regelmäßig im Radio erklärt.

Ein einfacher Mann, der das Arbeiten auf dem Feld liebt. Der nicht reisen will. Der seine Frau im Untergrund kennengelernt hat und später von ihr zum Präsidenten vereidigt wird. Der private Pepe, der den Tango von Gardel liebt. Seinen humpelnden Hund und den alten VW-Käfer.

Sonne im Schillerkiez
Sonne im Schillerkiez

Wir trinken noch einen Absacker im „L’eustache“, Meike und ich, doch Pepe ist irgendwie mit dabei. Ich wünschte, mehr Politiker wären so bescheiden, großherzig, ehrlich und rechtschaffen. Ein Hauch von Uruguay im Schillerkiez, Neukölln. Eine Utopie. Rundherum französisches Flair, Holzstühle und Vintage-Musik. Elvis Presley.

Du reales Berlin! Manchmal bist du verwirrend, manchmal verrückt, manchmal anregend. Irgendwie bist du Choucroute, und ich mag das.

Text und Fotos: Elke Weiler

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  1. Hallo Elke,

    schöner Beitrag. Es ist toll mal ein paar Eindrücke von außen zu lesen, wenn man sich selbst jeden Tag zwischen Schillerkiez und Markthalle 9 bewegt. Die Markthalle ist aber schon tiefstes Kreuzberg und relativ weit weg von Neukölln. Aber egal.

    Viele Grüße aus Kreuzberg
    Sebastian

    • Hi Sebastian,

      danke dir!! Ne, so weit war das von mir aus nicht. Klar, ist Kreuzberg, hab ich ja auch geschrieben. Du Glücklicher hast wahrscheinlich schon sämtliche Stände durchprobiert! 🙂 Grüße von der Nordsee!

  2. Ein toller Artikel! Habe ich mit großem Vergnügen gelesen. Beim nächsten Mal Berlin muss ich auch unbedingt die Markthalle 9 besuchen. Unser gemeinsamer Abend im Schillerkiez mit anschließendem Kinobesuch war klasse!
    Liebe Grüße, Meike

    • Danke, liebe Meike! Ja, das fand ich auch! Am nächsten Morgen war ich noch mal kurz dort: Man kann in Berlin tatsächlich sonntags auch vor 12 Uhr frühstücken!

  3. Ich kann mich Sebastian nur anschliessen. Ich finde es auch immer spannend wie „Besucher“ über Berlin schreiben und was sie so alles wahrnehmen und auch fotografieren das ich nicht mehr sehe.

    Dazu auch noch toll geschrieben!

    LG Synke

  4. Was für ein schöner Beitrag Elke! Was mir am Besten gefallen hat: Die Verwirrung. Denn nur, weil wir weiterhin in Deutschland sind, heißt das ja nicht, die gleiche Verwirrung erleben zu können mit diesem gleichen, feinen Gefühl der Ahnungslosigkeit wie im Ausland, das mir jedenfalls sehr bekannt vorkam. 🙂
    LG /inka

    • Danke, liebe Inka! Du hast recht, und dieses urbane Grundrauschen kommt dazu, während Landschaften eher beruhigend wirken.

  5. Pingback: Zeit für Frühling in Berlin – wenn eine Pfütze, ein Roboter und ein Nashorn entzücken | – meikemeilen –

  6. Irgendwo in Neukölln ist ein geiles Bild. Hipp auf der Boddinstraße ist eine alte Ost Schwalbe. Freut mich die Dinger zu sehen, in Suhl, wo sie gebaut wurden, habe ich sehr lange gelebt. Und in Berlin habe ich auch zwei Jahre residiert. Damals war es noch nich hip, sondern realer, grauer Osten. Aber wenn es jetzt schön dort ist, dann freut mich das. Grüße aus Todendorf/ Stormarn

  7. Liebe Elke,

    ein wirklich schöner Bericht!
    Ich habe demnächst auch vor, das veränderte Neukölln zu erkunden.
    Bisher bewege ich mich mehr in Kreuzberg. Die Markt Halle 9 liebe ich. Sie ist immer wieder einen Besuch wert!
    Liebe Grüße

    Nic

    • Danke, Nic! Du hast recht, die Markthalle in Kreuzberg ist der Renner! Habe mir auch fest vorgenommen, beim nächsten Mal entweder in Kreuzkölln oder Kreuzberg zu wohnen. Liebe Grüße von der Nordsee!

  8. Ich freue mich immer wieder über Beiträgen von Meerblog! Es ist so etwas wie Sonnenschein für mich.

  9. Brötchen für 12Cents ?! Das ist ja unglaublich, hier kostet das normale bis zu 40Cents , das nächste Mal wird es Neukölln

  10. Maximilian

    Es ist immer wieder schön so etwas zu lesen, wenn man gerade aus der Stadt kommt, die beschrieben wird. Wenn man sich dort dann noch ganz gut auskennt, ist es sogar noch besser. Vielen Dank dafür!

  11. Reisebiene

    Hi Elke, schöner Artikel, Berlin ist eben immer für Überraschungen gut und Neukölln sowieso. VG Nina

  12. Pingback: Tanz in der Telefonzelle | Berlin für Fortgeschrittene

  13. Thx. Berlin, Berlin. Ick vermisse Dich. Bitte mehr davon!

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