Stadt in den Wolken

Kein Auto, kein Bus, keine Bahn. Nur über eine Fußgängerbrücke ist der Ort zu erreichen. Der einzige Weg, der die tiefe Schlucht überwindet.

Ein bisschen Puste kostet der Eintritt in den Kosmos von Civita di Bagnoregio schon. Keine Fehlinvestition, selbst an einem regengrauen Tag wie diesem. Wenn alles miteinander verschmilzt: der Untergrund, die Häuser, das Drumherum. Eine zerklüftete Landschaft, die an die Perspektivmalerei der frühen Renaissancekünstler erinnert.

Das nördliche Latium, ganz in der Nähe des Bolsenasees, ist vulkanischen Ursprungs. Schon die alten Etrusker liebten die Hügellagen und gründeten vor etwa 2500 Jahren eine Stadt, wo sich heute der mittelalterliche Ort erhebt.

Das antike Volk wusste, dass man sich von hier oben gut verteidigen konnte. Nur ein Zugang und rundherum der steil abfallende Fels. Der heutige Name des Dorfes lässt sich vom lateinischen „Balneum Regis“, Bad des Königs, ableiten. Nach einer Legende erholte sich der Langobarde Desiderius an den heißen Quellen des Ortes.

Eintritt in eine andere Welt, hoch über dem Tuffstein.

Im Jahr 1695 bebte die Erde und rings um das mittelalterliche Dörfchen sackten große Teile des fragilen Tuffsteins ab. In luftiger Höhe trotzt das Dorf noch immer dem langsamen Verfall. La tristesse auf dem Hügel.

Je weiter wir hochgehen, desto fragiler erscheint uns der Ort. Der Zahn der Zeit nagt weiter am Tuffstein, immer noch bröckelt es von den Rändern Civitas ab. Wird die Stadt eines Tages sterben, wie einige befürchten?

Wir sind oben angelangt, geborgen zwischen den Häusern und Höfen. Es ist ruhig, fast zu still. Zum Glück pfeift der Wind durch die Gassen. In dem kleinen Ort scheinen die Uhren stehengeblieben zu sein. Und alles andere auch. Eine Art Museum also?

Nur vereinzelt zeigt sich ein Anwohner draußen, es mag am Nieselregen liegen. Wir schauen uns um. Alte, zum Teil restaurierte Steinhäuser, Geranien vor der Tür, eine Katze. Irgendwann kommt jeder automatisch zum Eingang zurück. Ausgelaufen.

Früher wurde jede Pflanze, jedes Lebensmittel per Esel nach Bagnoregio hinauf getragen werden.

Mag der Blick auf die bizarr modellierte Tuffsteinlandschaft die Dorfbewohner für fehlenden Luxus und Komfort der mobilisierten Welt entschädigen. Denn wer in Civita di Bagnoregio wohnt, hat sich bis vor einem Jahrzehnt noch alles per Esel hinauftragen lassen.

Heute übernimmt ein kleiner Traktor den Job, das einzige zugelassene Transportmittel des Dorfes. Es gibt eine Bar, ein paar Geschäfte und Restaurants, Bed & Breakfasts, ein Hotel sowie viele Ferienhäuser. Die Wochenendbesucher haben Bagnoregio erobert. Die Künstler und Romantiker, die Heiratswilligen und Ruhesuchenden.

Doch heute ist die Stimmung eher gedämpft. Irgendetwas zwischen Melancholie und Magie. Eine Art Präsenz des Vergänglichen, das zugleich fasziniert und betrübt. Nein, keiner von uns möchte hier wohnen. Höchstens einen Urlaub lang. Selbstvergessen. Um sich danach wieder in die Schnelllebigkeit unserer Zeit zu stürzen.

Fotos an der Wand, vergilbt. Es sind Aufnahmen der Stadt in den Wolken, Postkarten diversen Alters. Die verbliebenen Einwohner machen Werbung in eigener Sache, denn die Ferienhausbesitzer und die Tagestouristen bilden so etwas wie die letzte Hoffnung für die Entwicklung des Ortes.

Schön, aber einsam: die Stadt in den Wolken.

Immerhin über 3.600 Menschen sind in der gesamten Kommune Bagnoregio gemeldet, doch nur acht leben dauerhaft innerhalb der alten Mauern von Civita. Die ganz Harten. Wind und Wetter trotzend. Vor allem aber der Einsamkeit, der Einöde. Denn nur Lage und Landschaft sind hier spektakulär. Auch wenn Civita damit vielen anderen sterbenden Dörfern etwas voraus hat.

Der Status Weltkulturerbe, den mittelalterliche Städte wie San Gimignano in der nahen Toskana oder Urbino in den Marken tragen, wurde Civita di Bagnoregio bislang noch nicht beschert. Immerhin ist der Ort aber Mitglied im „Club“ der schönsten Dörfer Italiens, i Borghi più belli d’Italia. Und das zu Recht.

Text und Fotos: Elke Weiler

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  1. Ein ergreifender Artikel. Auf der einen Seite vermitteln die Bilder einen erhabenen, imposanten Eindruck – auf der anderen Seite sind da die behutsam gewählten Worte, die von der zerbrechlichen Welt dort oben berichten. Ein wirklich gelungener Bericht, Chapeau!

  2. Die Bilder sind bewegend – eine Liebeserklärung an Italien.

    Vielen Dank für einen Moment Fantasie im Alltag.

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