Das Geisterschiff

© Elke Weiler© Elke Weiler

Lohnt sich eine Reise nach Stockholm allein wegen der Vasa?

Heute möchte ich es wissen. Außerdem hege ich den Wunsch, einmal einzuschiffen in dieser Stadt, die aus Inseln besteht. Und da sich Sonntage immer gut für Museen eignen, nehme ich die „Djurgården“ – Schiff und Ziel sind namensgleich. Alles passt.

Es ist ein Katzensprung von Skeppsbron aus, dem Hafen der Altstadt. Mein Ziel ist also der Tiergarten, so heißt Djurgården nämlich übersetzt. Ein Stadtteil, eine Halbinsel und beachtliche Parkanlage, ehedem vom König bejagt.

Gröna Lund ist das Erste, was ich von der grünen Insel zu sehen kriege: Stumm ragen die blauen Stahlschienen der Achterbahn in die Höhe. Eingemottet der Vergnügungspark, verwaist bis zur nächsten Saison. Fast alle steigen hier aus, um sich auf die Museumslandschaft von Djurgården zu verteilen.

Zwei Frauen sprechen mich auf Schwedisch an, wie es alle hier tun. Auch in Dänemark und in den Niederlanden bin ich so gut wie eingebürgert. Ohne drei Worte Schwedisch zu sprechen, verstehe ich, dass die beiden nach Junibacken wollen, in die Fantasiewelt Astrid Lindgrens. Ja, der Weg ist der richtige. Mit meinem Patenkind, einem eingefleischten Pippi-Langstrumpf-Fan, wäre ich ihn auch gegangen. So aber habe ich mich für eine andere Reise entschieden.

Die Vasa von vorne: was für eine Eleganz!

Als erstes fällt mir die ungewöhnliche Form ins Auge: Das Vasamuseum ist vielfach geschichtet, eine Betonarchitektur mit teilweiser Holzverkleidung. Die Staffelung erinnert fast an Meereswogen, aus dem drei stilisierte Masten herausragen. Sie sollen die Rigghöhe des Schiffes anzeigen, das im Innern des Gebäudes verankert ist.

Bin ich also vorbereitet? Nein. Als ich in die Dunkelheit des Riesenraumes trete und vor ihr stehe, könnte die Wirkung nicht überwältigender sein. Ich fühle mich wie im Film. Pirates of the Caribbean. Als das Geisterschiff aus der Tiefe des Meeres noch oben steigt.

Die Vasa haut einen schier um. Ein aufwendig verziertes Holzschiff, das in einem Gebäude des 20. Jahrhunderts gestrandet ist. Ein Gebäude, das sich wie eine konservierende Hülle um einen Schatz legt. Ein kostbares Relikt auf dem 17. Jahrhundert, das einzige seiner Art. Die Vasa ist ein Wahnsinn.

Nach einem komplexen, mehrjährigen Bergungsmanöver hievten die Retter geschätzte 700 Tonnen aus dem Schlamm: Das Schiff war 1628 im Stockholmer Hafen gesunken. Nur über 1300 Meter ging ihre Jungfernfahrt, ihre erste und letzte Reise. Was für eine Verschwendung, denke ich.

Dynamik der Form,  Überschwang der Dekoration: die Vasa

Mit offenem Mund vor den alten Planken stehend, die eleganter kaum geschwungen sein könnten. Bug und Heck nicht üppiger dekoriert. 700 Skulpturen! Der Zahn der Zeit hat am Schiff genagt, und doch wirkt es längst nicht so, als hätte es 333 Jahre im Brackwasser der Ostsee gelegen.

Warum kenterte die Vasa? Ein Film im Museum gibt darüber Aufschluss, doch ich kann mich kaum vom Schiff loseisen, um weitere Exponate anzuschauen und in das Leben des 17. Jahrhunderts in Stockholm einzutauchen. Der Grund für das Unglück war: Der König kriegte den Hals nicht voll.

Sein tolles, neues Kriegsschiff sollte zwei Reihen Kanonen auf jeder Seite haben. Das bedeutete, ein entsprechender Belast an Steinen musste postiert werden, doch dafür war nicht genug Raum. Bei der zweiten Bö kippte die Vasa und zog einen Teil der Besatzung mit in die Tiefe. Ein paar Skelette sind ebenfalls im Museum zu sehen.

Was damals als Katastrophe in die Geschichtsbücher ging – uns ermöglicht es heute den Eintritt in eine andere Welt. Ein Glück, das die Vasa nicht im Krieg zerschossen wurde.

Gebannt starre ich auf den dynamischen Schnitt des Schiffskörpers, die reiche Ornamentik und dieses alte Holz, das zu atmen scheint. Die Vasa lebt. Sie zu sehen, ist mehr als nur eine Reise in jene Zeit, als die Form noch nicht allein der Funktion folgte.

Die Vasa von hinten

In der Dunkelheit der Halle fühle ich mich wie untergetaucht. An jene Stelle versetzt, wo das Geisterschiff im Schlamm hin und her schaukelte. Und trotz der vielen Leute um mich herum, der staunenden Kinder und Erwachsenen, spüre ich: Mit der Vasa geht die Reise unter Wasser. Ein Geisterschiff eben.

Und ja, die Reise nach Stockholm lohnt sich. Ohne die Vasa, aber auch nur für die Vasa.

Text und Fotos: Elke Weiler

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11 Kommentare

  1. Spannend. In Kalkar gibt es auch ein Schiffswracksmuseum, was nicht mithalten kann mit Stockholm, weil sie dort kein ganzes Schiff zeigen können. Aber die Geschichten warum diese Schiffe sanken, sind ähnlich.

  2. Was für ein toller Artikel! Ich liebe ja alte Schiffe und kann davon einfach nicht genug kriegen, aber die Vasa scheint nach Deinen Fotos ja etwas wirklich ganz Besonderes zu sein. Skandinavien rückt als Reiseziel auf meiner Bucket-List damit ein ganzes Stück weit nach vorne 🙂

  3. Ja, das ist komisch: Eigentlich ich bin gar nicht so schiffsaffin, aber das hat mich wirklich umgehauen. Vielleicht habe ich auch zu viele Piratenfilme geguckt… 😉

  4. Ich war im Sommer 2011 auch in der Stadt und natürlich auch im Vasa-Museum. Ich kann deine Worte nur unterschreiben. Das Schiff ist schlichtweg überwältigend!

    Ich habe auch darüber gebloggt und bin zu der Meinung gekommen, dass sich alleine deswegen der Besuch der Stadt schon gelohnt hätte. Ist ja lustig, dass das jetzt wirklich jemand (fast) so gemacht hat 😉

    http://blog.mahrko.de/2011/09/02/vierter-tag-vasa-museum/

  5. Danke dir für deinen Hinweis, ich habe mir die vielen Fotos, die du von diesem Wahnsinnsschiff gemacht hast, schon angesehen! Es war wirklich sehr beeindruckend…

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