Ein Hauch von Anarchie

Was für ein Glück. Wäre die Kastanienallee in Berlin zu DDR-Zeiten abgerissen und mit Plattenbauten bestückt worden, hätte sie heute nicht diesen Altbau-mit-Graffiti-Charme.

Jenes Flair des Bunten und Anarchischen. Schon vor der Wende siedelte sich hier vorzugsweise junges Volk an, das auch heute noch das Bild der Prenzlauer Szenestraße bestimmt.

Wer auf der Kastanienallee nicht als lässiger Kapuze-über-Mütze-Träger übers aufgeplatzte Trottoir schlendert oder älter als 25 ist, könnte tendenziell als spießige Erscheinung ins Auge fallen. Aber im Grunde interessiert das nicht.

Deswegen tauchen zwischen den Jungen, Alternativen und Studis auch immer wieder hippe Familien auf, die sich modisch individuell unters Volk mischen. Skatende Mütter, die ihre Kinder auf Rollern zur Schule schubsen.

Vorbei an kleinen Geschäften mit Berliner Mode, Friseurläden mit originellen Namen wie „Vokuhila“ oder ebensolchen Cafés. Etwa das mit dem wohl längsten Lokalnamen der Welt: „An einem Sonntag im August“.

Klingt poetisch. Aber wie kürzt man das sprachökonomisch ab? Treffen wir uns im Sonntag? Oder im August? Besser, man nimmt sich die volle Zeit für diese Verabredung.

Netter shoppen als im Kaufhaus!

Die Kastanienallee gilt auch als Berliner Falafelhochburg. Während es nur einen Sushiroller gibt, scheint die Auswahl an libanesischen Imbissen schier unüberschaubar.

Aber da ist noch mehr Internationalität: Dank des Sprachschulencampus und der vielen Studenten herrscht babylonisches Sprachengewirr unter den Flaneuren. Traumwandlerisch über die sogenannte Castingallee zu schlendern, wäre ein Fehler: zuviel Hundekot auf dem Weg.

Ansonsten: die volle Freiheit. Da existiert der Tätowiershop neben hellen Designerläden, während ein vollgestopftes Plattengeschäft gegen Abend die Straße mit Nostalgieklängen beschallt.

Und kaum ein Laden, der nicht das Hanfblatt-Logo der Bürgerbewegung „Kastanienallee 21“ trägt, um die Anwohner gegen eine bereits beschlossene Sanierung und Aufhübschung der Straße zu mobilisieren.

Dieses Mal geht es nicht um Neubebauung sondern Neuorganisation der Straße, die zur Zeit glücklicherweise nur mäßig befahren ist. Durch ein Bürgerbegehren will man eine verkehrsberuhigte Zone und nur notwendige Ausbesserungen des Pflasters durchsetzen.

Das für Fahrradwege, Parkbuchten und neue Bürgersteige eingesparte Geld soll nach Meinung der Engagierten lieber in Mauerpark und Stadtbad investiert werden.

Jenes ganz spezielle Flair der Kastanienallee bliebe so erhalten. Und es wäre ja nicht das erste Mal.

Text und Fotos: Elke Weiler

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