Rhythmus im Rund

Zentralbauten – entweder sie schwingen oder ruhen in sich. Egal ob Rotunde oder Oktogon, egal ob Pantheon in Rom, San Vitale in Ravenna oder der karolingische Teil des Aachener Doms.

Ich mag das. Und zwar nicht erst, seitdem ich Santa Maria della Salute in Venedig so gut kennengelernt habe, damals, zu kunsthistorischen Studienzeiten. Jene Achteckige am Canal Grande mit den großen Voluten. Ein Unikum auf der Laguneninsel.

Nun stehe ich mitten auf einem anderen Eiland und freue ich mich. Denn auch auf Bornholm gibt es runde Architekturen, vier alte Kirchlein. Eine davon liegt auf unserem Weg.

Die Älteste unter den Rundbauten

Von Gudhjem aus sind wir landeinwärts gefahren und haben den weißen Bau schon auf der Anhöhe gesehen, 100 Meter über dem Meeresspiegel, drei Kilometer vom Meer entfernt. Überhaupt entpuppt sich Bornholm als recht hügelige Insel.

Østerlars
Klein, aber oho!

Da ist sie also nun, die Älteste, Bekannteste und Größte unter den Runden: Die Østerlars Kirche stammt aus dem frühen 12. Jahrhundert. Ganz schön stämmig, mit ihrem massigen Mauerwerk.

Zwei Meter dick sollen die Wände sein? Das rührt wohl daher, dass es auf der handelsstrategisch günstig gelegenen Insel nicht immer friedlich zugegangen war.

Im bauchigen Rund

Schon zu Wikingerzeiten wurde nicht nur gut gewirtschaftet, sondern auch verteidigt. Und diese hübsche Kirche diente gleichzeitig als Festung. Unter der starken Kalkung kommt fast nirgendwo der Feldstein zutage, der für den Bau auf den Äckern und Stränden gesammelt wurde.

Dicke Mauern
Dicke Mauern

Für die Maueröffnungen und Bögen haben sie Kalkstein von der Insel verwendet und teilweise bildhauerisch bearbeitet, etwa an der sogenannten Frauentür. Wir gehen ins Innere, das heute von größeren Fensteröffnungen erhellt wird, die aus der Reformationszeit stammen.

Das bauchige Rund mit den mächtigen Pfeilern im inneren Zirkel wirkt wie ein echter Zufluchtsort. Wuchtig, beschützend, intim. Der von der Pfeilern gebildete zentrale Raum wird seit jeher „Ofen“ genannt. Wer hier im äußeren Kreis umher geht oder das Zusammenspiel von Bögen, Wölbungen und Pfeilern betrachtet, spürt ihn, den Rhythmus des Runds.

Vorräte und Verteidigung

Aber auch die Details lohnen sich. Der romanische Taufstein in der Mitte des „Ofens“. Schlicht, aber schön. Augenfälliger ist da schon der Fries aus dem 14. Jahrhundert: Kalkmalereien illustrieren die Eckpunkte im Leben von Jesus. Auch zwei Werke aus der Spätrenaissance lenken die Aufmerksamkeit des Besuchers auf sich: die aufwendigen Schnitzarbeiten von Kanzel und Altar.

Kalkmalereien
Kalkmalereien

Wir klettern die schmalen, hohen Steinstufen hinauf in die oberen Stockwerke, die nichts mehr mit der Kirchenfunktion gemein haben: Zum einen konnten hier Vorräte gelagert werden, und bei Bedarf schoss man durch schmale Schachte zur Verteidigung des Kirchenspiels.

Was heute zum Glück nicht mehr notwendig ist. Stattdessen genießen wir den Blick durch die etwas größeren Fenster im Zwischengeschoss auf die wellenartige Landschaft Bornholms.

Text und Fotos: Elke Weiler

Und noch ein Lesetipp: Wie man so als Rastaschaf die dänische Insel Bornholm erlebt…

Danke an die Reederei Færgen, Destination Bornholm und Sannes Familiencamping, die diese Reise ermöglicht haben.

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