Das große Abhängen

„Pizzeria Napoli Erezione“. So steht es auf dem Schild. Hinterm Holzverschlag lugt eine weiße Mini-Kuppel hervor. Ganz urig so ein Steinofen, fast wie in Bella Italia.

Wir sind aber in Berlin, am Ufer der Spree, in der Nähe der East Side Gallery. Und ob die „Erezione“ im architektonischen oder biologischen Sinn gemeint ist – chissà, wer weiß das schon. Jedenfalls schmeckt die Pizza fast wie in Italien, allerdings eher Rom als Neapel, da der Boden dünn und der Belag reichhaltig ist.

Das Ganze genießen wir dann mit Blick aufs andere Ufer, nach Kreuzberg, und winken den enthusiastischen Schiffsausflüglern zu. Wieso bringen Bootstouren die Leute immer zum Grüßen? Ein ebenso lustiges wie zeitraubendes Phänomen, wenn man gerade einfach nur seine Pizza essen will. Und chillen.

Dafür eignet sich die Strandbar „Oststrand“ recht gut. Im oberen Bereich dürfen die Füße in den Sand gesteckt werden – zu einem Hauch von Mittelmeer zwischen Zitronen- und Olivenbäumen reicht es aber nicht. Denn wir sind ja in Berlin, und der Himmel zieht sich gerade mal wieder zu.

Der Kahn unter uns liegt gut befestigt am Ufer.

Mit der Pizza haben wir auf dem festgetackerten Kahn im tiefergelegten Teil der Strandbar Platz genommen. Ab und an, wenn eines der Sightseeingboote vorbeizieht, bewegt sich der Ponton kaum merklich in den Wellen.

Neben mir verscheucht ein italienisches Paar ein paar Tauben, auf der anderen Seite hat sich ein Grüppchen Niederländer eingefunden. Englisch hört man auch, die Welt ist ein Dorf.

Was uns auffällt: Heute ziehen die Wolken in dieselbe Richtung, wie der Fluss fließt. Und so liegt man in seiner Strandliege und tut nichts, rein gar nichts. Die Geräusche der Großstadt völlig ausgeblendet, nur das Wasser, die Bar-Musik im Hintergrund und die Stimmen der Leute. Erstes Strandbarfeeling: Das Leben zieht vorüber, während man ihm dabei zusieht.

Nächste Strandbar, nächstes Abenteuer: das Yaam

Zeit zum Mitziehen, und zwar zur nächsten Location. Weit entfernt ist sie nicht: das „Yaam“. Viel los ist hier zu dieser Tageszeit allerdings auch nicht. Da muss man sich schon nach der Agenda richten. Insofern geht der Hotspot mit Karibikflair wohl auch nicht als normale Strandbar durch.

Das „Yaam“ ist mehr, es ist Verein, Veranstaltungsort und Treffpunkt. Kiddies freuen sich nicht nur über die Spielecke, sondern kommen in den Genuss eines täglichen Programms mit brasilianischer Percussion, Hula Hoop und Tanztheater. In einer anderen Ecke des riesigen Geländes bei der East Side Gallery wird der Graffitisprüher-Nachwuchs herangezüchtet. Mauern zum Austesten gibt‘s genug, wenn auch nicht von DER Mauer.

Der Flohmarkt ist überschaubar, die Bars noch nicht besetzt. Nur am Ufer lümmeln sich ein paar Leute herum. Ich hatte mir mehr Reggae in the air erhofft, doch da müssen wir wohl zu einer der Abendveranstaltungen wiederkommen. Die es übrigens auch im Winter gibt, denn das „Yaam“ ist eben keine reine Strandbar.

Little Jamaica mitten in Berlin: das Yaam

Hier testet auch niemand, wie sich Olivenbäume mit dem Berliner Klima vertragen. Die Palme in der Mitte ist „nur“ gefräst und bemalt. Da das Ambiente aber genauso bunt, lässig und spartanisch wirkt wie an einem Strand auf der Insel, lasse ich mich hinreißen zu sagen: Let’s relax at Berlin, Jamaica.

Auch wenn sich der Sand unter den Füßen nicht karibisch anfühlt, auch wenn die Spree nicht türkisblau schimmert. Diese Atmosphäre von Slowmotion, Shabby und sozialem Engagement. „Barfuß für Afrika“ steht da für alle, die ihre „unwanted shoes“ vorbeibringen möchten. Und nächstes Mal… gehen wir auf ein Konzert. Aber nicht barfuß.

Nach dem Besuch beim Uferstrandbar-Prototyp und unserem Ausflug an die Spree-Karibik wollen wir hoch hinaus. Noch höher. Auf die wohl höchste Strandbar Berlins. Das „Deck 5“, so benannt nach dem gleich hohen Parkdeck der Schönhauser Arcaden, bittet erst mal zur Kasse: Wer rein will, muss einen Euro hinlegen.

Wer hoch hinaus will, fährt auf Deck 5 - mit dem Aufzug.

Dafür wird uns ein netter Blick auf Berlin von oben mit so markanten Punkten wie der Charité, dem Heliumballon am Potsdamer Platz und dem Stadion der Freundschaft geschenkt. Wieder ziehen wir uns zurück vom Brausen der City.

Umzingelt von Buddha-Statuen diverser Größe, Liegestühlen, coolen Hockern, Strandkörben und sogar kissenbestückten Tagesbetten lassen wir uns auf freien Plätzen an schnöden Holzbänken nieder. Die obligatorischen Bambuspflanzen fehlen nicht, wirken aber eher traurig, da halb vertrocknet.

Palmen gibt‘s auch – für die mediterane Note auf der Betonplattform. Eine lobenswerte Art, exponierten Raum zu nutzen, statt ihn mit Autos vollzustopfen. Ein bisschen Sand, Holzpaletten und Pflanzen können Wunder wirken.

Überraschung auf dem Dach der Arcaden: Buddhas und Palmen

In der Mitte unterm Zelt wird fleißig Einschulung gefeiert, ringsherum ein gemischtes Publikum von der Single-Oma bis zum Großfamilienkind. Hunde dürfen übrigens auch mit an Deck.

Es ist Aperitif-Zeit, und für den kleinen Hunger finden wie Salate, Wraps oder… Pizza (!) im Angebot. Ob sie so lecker ist wie bei „Napoli Erezione“, wissen wir nicht. Aber gut, dass man auf so unterschiedliche Arten in Berlin abhängen kann.

Text und Fotos: Elke Weiler

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