Unter Gauklern

Vor der Koutoubia-MoscheeVor der Koutoubia-Moschee

Es ist wie im Film. Eine nächtliche Kulisse, die alle Klischees aus tausendundeiner Nacht in Pastelltönen inszeniert. Morgens war ich noch in Nordfriesland, abends unter Gauklern, Schlangenbeschwörern, Geschichtenerzählern.

Rauchschwaden ziehen über den Djemaa el Fna, das Herz von Marrakesch.

Wir werden umnebelt von tausendundeinem Duft. Gebratene Spieße, gekochte Schnecken, gegrillter Fisch. Pampelmusen, frisch gepresst. Pfefferminztee, Kardamom, Süßigkeiten mit Rosenduft. Und überall der hypnotische Sound von Trommeln und Flöten. Sie locken uns hierhin und dorthin, die Kellner vor den Fressbuden, die Verkäufer vor den Geschäften.

Wenn Kobras sich bedroht fühlen...

Wenn Kobras sich bedroht fühlen…

Kreise von Männern haben sich gebildet. Ich kann nicht erkennen, worauf sie warten, was im Innern passiert. Verschleierte Frauen sitzen auf Hockern und bieten Henna-Tattoos auf Händen und Füßen an. Vipern liegen müde auf dem Steinboden, Kobras richten sich auf, wenn der alte Mann spielt. Doch Schlangen sind taub.

Lieber stehe ich bei den Musikanten und lasse mich von der Musik forttragen wie auf einem fliegenden Teppich. Betrachte den Djemaa el Fna von oben, wie vom Café de France, wo wir frisch gepressten Orangensaft trinken. Das Gewimmel unter dem Rauch kann dich stundenlang aus der Entfernung faszinieren, bis du dich wieder hineinwirfst ins brodelnde Leben.

Es wird wieder gegrillt.

Es wird wieder gegrillt.

Wir sind müde und überwältigt, laufen wie in Trance umher. Durch die schmalen Gassen der Souks, begleitet von den ewigen Lockrufen der Händler. Wir spüren die geballte Energie in der Enge, weichen instinktiv den Fahrrädern, Mopeds und Gemüsekarren aus. Meist in der letzten Sekunde. Nur ein Kinderwagen erwischt mich kalt.

Eierkartons werden turmhoch auf dem Rücksitz eines Mofas gestapelt, Obst und Gemüse auf Handkarren transportiert. Ein einsamer Wasserträger mit Bommelhut steht am Rand, längst nur noch Staffage in diesem pastellfarbenen Film, der wirklich ist.

Getrocknete Schlangenhäute und Kalebassen baumeln über unseren Köpfen, Chamäleons sitzen auf Käfigen, fast unbeweglich. Junge Männer laufen mit Klapperschlangen durch die Gegend. „Hast du dich erschreckt?“, fragt der Eine auf Englisch. Grinst frech. Die Schlange ist nämlich aus Holz.

Marokko scheint sämtliche Sprachen zu sprechen. Neben Marokkanisch, einem arabischen Dialekt, natürlich Berberisch und Französisch. Außerdem Englisch, Spanisch und oft auch Deutsch. Man wird schneller verstanden, als man denkt, und das ist nicht nur eine Sache der Sprache.

Jeder Blick wird gedeutet, Handeln mutiert zur reinsten Schauspielerei. Nie zuviel Interesse zu zeigen, ist essentiell. Das Fremde verführt uns. Wir verlieren uns in der Buntheit der Souks, zwischen Lampen, Gewürzbergen, spitzen Schlappen und Teppichen.

Kissen? Pouf? Teppich?

Kissen? Pouf? Teppich?

Ein Meer von Details, eine Reizüberflutung. Eine Sinfonie der Ausrufezeichen: „Schau‘ hier, sieh‘ dort, komm‘ herein!“ Und trinke Tee, der wie Kaugummi schmeckt. „Nimm‘ eine Dattel, rieche an der Minze, lass‘ dir das Chamäleon auf die Hand setzen.“ Kaufe! Lebe!

Mubarrak trägt ein langes, braunes Kapuzengewand, eine Djellaba, damit wir ihn im Gewühl heraus erkennen. Doch unser Guide verschmilzt mit der Dunkelheit der Nacht. Wir verlieren ihn ständig, wir sind zu langsam, der Film ist zu schnell. Und doch erscheint es mir, als wäre ich nicht langsam genug. Als spürten wir nur die Spitzen der Wirklichkeit um uns herum, als wären wir noch gar nicht da, obwohl mittendrin.

Das Rufen nimmt kein Ende. Dabei mag ich die schüchternen Verkäufer, die ruhigen und die unsichtbaren. Oder die Charmebolzen, die ihr Handwerk verstehen und den richtigen Zeitpunkt kennen. Wo sind sie?

Ich mag die unsichtbaren Verkäufer.

Ich mag die unsichtbaren Verkäufer.

Nur in einem Geschäft kehren wir ein. Den Zuschlag erhält der Verkäufer, der einfach „Bonsoir“ sagt, uns alle Freiheiten lässt und nett lächelt. Seine Nachbarn in dieser Gasse, deren aufdringliche Ansprachen wir mit „Merci!“ abblocken, rufen uns zur Krönung „Bloody tourists!“ hinterher.

Wir versuchen, in einer anderen Gasse glücklich zu werden, weit weg von den Lauten und Ungeduldigen. An einem Ort ohne Ausrufezeichen. wir finden eine Gasse im Gewirr der Souks, die unserem aktuellen Gemütszustand entspricht. Nur ein einziger Kellner versucht, uns in sein Lokal zu lotsen. „Später“, sagte ich. „Später“, schlägt er in den Handel ein. „Aber nicht vergessen!“

Die breiteren Gassen sind relaxter, es scheinen sogar weniger Mofas unterwegs zu sein. Wir finden einen aufgeräumten, hellen Laden ganz ohne Verkäufer. Wir sehen uns um: Seife, Bio-Arganöl, Tee und Gewürze. Ich will wissen, ob es das legendäre Ras el Hanout gibt, eine Gewürzmischung für Couscous und Tajine, der Geschmack Marokkos.

In einem versteckten Winkel des Ladens mache ich den Mann schließlich ausfindig, still und fast unsichtbar sitzt er da. Meine Frage setzt ihn in Bewegung, er lächelt unmerklich, kommt freundlich auf mich zu. Bis zu 35 Gewürze können in einer Mischung stecken, gibt er bereitwillig Auskunft.

Warum es wohl doppelt so viel kostet wie die normale 100 Gramm-Tüte? Weil Ras el Hanout eine Kunst ist. Chefsache. 50 Dirham für die Mischung, umgerechnet etwa fünf Euro. Ich weiß, das hier ist kein Ort zum Handeln. Und mir fehlt auch der sportliche Ehrgeiz dafür.

Der Geschmack Marokkos

Der Geschmack Marokkos

„Man nimmt nicht viel vom Ras el Hanout“, erklärt der Mann, der in sich ruht. Der um die Qualität seiner Produkte weiß. Ich vertraue ihm. Natürlich verrät er nicht, welche Gewürze in seinem Ras el Hanout stecken, als er die 100 Gramm abfüllt.

Am Ende bietet er uns einen Tee an: „Mit Minze?“ Wir willigen ein. Er verschwindet eine Weile und kommt mit dem besten grünen Tee von ganz Marrakesch zurück. Nicht zu süß, nicht zu bitter.

Der Wind fächert durch die Blätter der Palmen, nichts ist mehr da vom Brodeln des Djemaa el Fna, als ich im Hotelzimmer bin. Brunnen plätschern vor dem Haus, doch ich weiß, da draußen geht es weiter. Bis in die Morgenstunden. Und dann höre ich sie wieder: Die Trommeln, das Pochen. Den Herzschlag Marrakeschs.

Text und Fotos: Elke Weiler

Zu Füßen der Koutoubia-Moschee

Zu Füßen der Koutoubia-Moschee

Mit Dank an Öger Tours und Visit Morocco, die diese Reise ermöglicht haben.

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Kategorie Marokko, Marrakesch, Städte

Kunsthistorikerin, durch Zufall im Tourismus gelandet. Hat nach ein paar Jahren als Redakteurin erkannt: am liebsten frei! Journalistin & Buchautorin (u.a. "Ecological Living", teNeues). Aktuell lebt die Rheinländerin an der Nordsee und bloggt hauptberuflich.

37 Kommentare

  1. Eigentlich muss man nicht mehr sagen, dass man auch mal hin will, gerade war ich ja da 😉 Wunderbar beschrieben! Freu mich auf mehr aus 1001 Marokko! 🙂

    LG Claudi

  2. Ganz toller Bericht. Ich kann deine Stimmung gut nachempfinden. Es ging mir ähnlich aber trotz Chaos Marrakesch lässt einen nie mehr los! ☺
    LG Nicole

  3. Was soll ich sagen? Ich bin begeistert! Du hast die Stimmung toll eingefangen – ich könnte sofort die Koffer packen. Hast du das Ras el Hanout schon ausprobiert?

    • Danke, liebe Monika! Ich habe das Gefühl, du bist sowieso ständig dort. 🙂 Für das Ras el Hanout suche ich noch nach einem schönen Rezept. Tipps sind immer willkommen!

  4. Wow Elke, das klingt genauso, wie ich mir Marrakesch vorstelle.. Wir überlegen grad, in den Winterferien einen Kurztrip dahin zu machen. Meinst du, das ist eine gute Idee mit drei Kindern? Oder sollten wir die besser bei Oma lassen?
    LG, Jenny

    • Wie alt sind eure Kids denn? Ich glaube, Marrakesch wäre mir zu wuselig für einen Familientrip, dann lieber Essaouira, da geht es entspannter zu, und es ist am Meer. Oder ihr lasst sie wirklich bei der Oma. 😉

  5. Toller Bericht! Macht mich ein wenig traurig, dass Marokko in nächster Zeit nicht in unsere Reisepläne passt, aber wer weiß, wohin der Wind uns noch bläst. Danke jedenfalls! Liebe Grüße und gute Reise Steffi

    • Danke, Steffi! Bei mir hat es auch etwas länger gedauert, bis es mit Marokko geklappt hat… Ich drück‘ dir die Daumen! Liebe Grüße, Elke

  6. Zauberhaftes Marrakesch zauberhaft beschrieben. Am liebsten möchte ich nach all dem Zauber wieder zurück. Vielleicht mag mich die große Zauberkünstlerin Elke dahin simsalabimsen? LG Mad

    • Man suche einen funktionsfähigen Flughafen, nehme ein Flugzeug von Berlin nach Marrakesch und – huschhusch – bist du wieder da! 😀

  7. Wie seltsamen Geruch Kardamom! Ich Bilder von Gewürzen sehen und mich um den Bildschirm zu überqueren und sie alle wollen. Hoffentlich kann ich eines Tages zurückkehren. Große Artikel!

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  10. Liebe Elke,

    wunderbar eingefangen und für mich eine Rückkehr, wo ich vor rund 10 Jahren einmal war. der Platz, die Stadt, die Stimmung – ist einfach unbeschreiblich. Du hast es trotzdem geschafft, es in tolle Worte zu kleiden. Danke dir.

  11. Pingback: Die Ziegen und der Arganbaum | Marokko

  12. Pingback: Der Rhythmus von Essaouira | Marokko

  13. oh ha, liebe Elke, jetzt bekomme ich noch mehr Lust auf meinen Mutter-Tochter Trip ab Donnerstag:-)
    viele Grüße
    regina

  14. Pingback: Marrakesch Kurztrip - Reiseführer und Tipps

  15. Pingback: Menschen vom Mittelmeer

  16. „Ras el Hanout“ arabisch ist „Kopf des Ladens“ oder auch: „Herzstück des Ladens“ bedeutet.
    Ras el Hanout ist eine fein abgestimmte Gewürzmischung aus Coriander, Cumin, Cardamom, Zimt, Pfeffer schwarz, Anis, Chillis, Curcuma, Paprika edelsüß, Ingwer, Knoblauch, Nelken, Sternanis, Muskatnuss, Rosenblütenblättern, Schwarzkümmel, Lavendelblüten und Paradieskörnern.
    Das darf in keiner Küche fehlen 🙂

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