Der Wald ohne Schatten

Quito war voller Leben, voller Musik. Ich vermisste es schon auf den ersten Kilometern. Wir waren auf dem Weg nach Mashpi, und vier Stunden später öffnete sich das Tor von Fort Knox, wie die Kalifornier scherzhaft sagten.

Um uns herum dichte Vegetation, der Weg ist voller Schlammlöcher, direkt neben der Piste geht es bergab. Wir wissen nicht, wie steil, denn wir sind eingehüllt von dichtem Nebel. Es ist wie der Eintritt in eine andere Welt.

Ein Kosmos aus Grau und Grün. Die Musik verschwunden, alles auf Anfang. Da ist nichts als die Stille des Nebelwaldes. Die Geräusche des Tropfens, einzelne Rufe der Vögel, unbekannte Stimmen.

Fensterwände in der Logde
Fensterwände in der Logde

Alles ist organisiert, als wir die Lodge erreichen. Ein Gebilde aus Stahlbeton mit vorgefertigten Wänden und hohen Fenstern, die überall den Blick auf den Wald preisgeben. „24 Prozent Urwald“, doziert der Biologe Carlos in einem englischsprachigen Einführungsvortrag kurz nach der Ankunft.

Der Unternehmer Roque Sevilla, Ex-Bürgernmeister von Quito, hat das Gelände 2001 von einer Holzfällerfirma gekauft. Zu der Lodge gehört ein 1.300 Hektar großes Reservat, das von Carlos und seinem Team erforscht wird – mitsamt Vögeln, Fröschen, Reptilien und Säugetieren.

Man arbeitet zusammen mit dem nahen Dorf Mashpi, das der Lodge als Namensgeber diente. 80 Prozent der Mitarbeiter stammen aus der Gegend, nicht nur aus Mashpi, auch aus anderen Dörfern der ecuadorianischen Chocó-Region, die sich über die Grenzen bis hoch nach Panamá ausdehnt.

Die Chocó-Region
Die Chocó-Region

Wir sind auf 955 Metern Höhe. Der gesamte Nebelwald erstreckt sich von 500 bis zu 1400 Metern Höhe, die Feuchtigkeit liegt bei 85 bis 95 Prozent, die Temperatur zwischen 22 und 24 Grad Celsius. So viel zum theoretischen Teil und zur Einführung aus Sicht des Biologen.

Unmittelbar nach dem Lunch startet die Praxis. Alles ist geregelt, alles läuft nach Plan. Der Biologe hatte uns noch geraten, nie allein im Territorium unterwegs zu sein und immer hübsch aufzupassen, wo man gerade steht oder hingreift. Aber Alleinsein ist schwierig.

Naturführer Nestor kommt mir draußen bereits entgegen und versorgt mich mit Gummistiefeln. Es ist wie ein Ritual zu Beginn jeder Tour. „Die Anderen sind schon beim Canopy!“ Es geht um die Kalifornier. Sherry und Richard sind mit Co-Guide Franklin unterwegs.

Frosch auf dem Weg
Frosch auf dem Weg

Unsere Bezugsgruppe für die nächsten Tage. Sherry ist nicht so gut zu Fuß, und ich kann mir kaum vorstellen, dass das ältere Paar in die Baumwipfel klettert. Doch es geht nicht um diese Art von Canopy, wie ich sie in Costa Rica erlebt habe.

Die Logde hat ihr eigenes Sky Bike, eine Gondel, die an einem Stahlseil entlang über ein Tal schnaubt und krächzt, je nach Geschwindigkeit des Fahrers. Auf dem Weg zum Sky Bike finden wir einen Frosch mitten auf dem Weg – mein Erstkontakt mit der heimischen Fauna.

Nestor hebt ihn auf, doch küssen muss ich ihn zum Glück nicht. Als wir ihn wieder absetzen, gibt er komische Geräusche von sich. Fast wie ein Hundebellen. Beim Sky Bike steigen wir zunächst auf den Aussichtsturm und lassen den Blick über die Landschaft schweifen.

Sherry und Richard
Sherry und Richard

Der 25jährige Nestor zeigt mir seine Heimat, die Wolken haben ausnahmsweise ein großes Stück davon freigegeben. Weiter hinten sei das Dorf Pachijal, in dem seine Eltern wohnen. Und auch er, wenn er gerade nicht in der Lodge arbeitet.

Ob ich verheiratet sei, geht er den in Ecuador üblichen Fragekatalog für Smalltalk-Situationen durch. Um danach zu erwähnen, dass er Single sei, und es mit der Arbeit und einer Freundin eher schwierig wäre.

Am Horizont bricht sich das Sonnenlicht durch die Wolken, bald ist Sunset. Die Lodge und ihr Nebengebäude für die Arbeiter ragen wie Fremdkörper aus dem dichten Grün heraus. Sherry und Richard kommen zurück von ihrer Tour, Nestor und ich steigen in die Gondel.

Sunset im Dschungel
Sunset im Dschungel

Richard rät mir noch, lieber Nestor strampeln zu lassen. Ein guter Tipp, denke ich später, als wir hoch oben über den Baumkronen pendeln. Zum Drehen auf der anderen Seite der Station steigen wir kurz aus, Franklin schaltet und waltet, damit wir zurück gondeln können.

Wenn wir ganz genau hinsehen, können wir ihn durchs Tal zurücklaufen sehen. Schafft er es vor uns an der Station zu sein? Richard fotografiert eifrig mit seinem funkelnagelneuen Smartphone, und zu fünft gehen wir langsam wieder zur Lodge zurück.

Bevor die Dunkelheit über den Wald fällt, erreichen wir Mashpi wieder. Nestor kündigt unsere Ankunft per Walkie-Talkie an, denn zum Ritual des „Heimkommens“ gehören frische Tücher und Saft. Ein quasi geräuschlos und reibungslos laufender Organismus, diese Logde.

Eingetaucht in die Symphonie des Nebelwalds.

Wie sie es schaffen, in dieser Abgeschiedenheit derartige kulinarische Genüsse auf die Teller zu zaubern, ist mir ein Rätsel. Ich weiß, dass Bio-Produkte aus dem nahen Dorf geliefert werden, um die Anfahrtswege kurz zu halten. Doch das wird nicht reichen.

Ceviche!
Ceviche!

Und ich weiß, dass die Mashpi-Köche top sind. Um nur einige ihrer Köstlichkeiten zu nennen: Ceviche! Selbstgemachtes Eis mit Baumtomate! Auf den Punkt gebratenes Fleisch, knackiges Gemüse, einfach alles perfekt bis hin zum abschließenden Espresso.

Dabei war ich in Ecuador fast auf Tee umgestiegen. Nun trinke ich morgens um halb sieben schon die erste Tasse Kaffee auf einer Plattform – um mich herum tropft und nieselt der Nebelwald. Ich esse einen Keks zum Kaffee, während Vögel um uns herum schwirren.

Early Bird Watching, in Nordfriesland hieße das „früher Vogelkiek“.

„Ein Tukan!“, ruft jemand. Der Vogel mit dem imposanten Schnabel ist leicht auszumachen. Dem Symbolvogel der Lodge müssen wir erst vorgestellt werden: Ein Edwardstangare mit blauem Kopf und grün-gelbem Federnkleid, der sich gerne und oft zeigt.

Wenn der Tukan ruft.
Wenn der Tukan ruft.

„Mystisch“, meint der Kalifornier über den Nebel, und Nestor grinst. Das Wort wirkt innerhalb der Nebelmasse überstrapaziert. „Gleich kommen Arme aus dem Wald und greifen …“ Richard und seine Frau Sherry sind schon früh am Morgen lustig unterwegs.

Der Amerikaner ist beliebt und wird von allen nur Ricardo oder „compadre“ genannt. Franklin lernt noch Englisch, wir versuchen’s vor allem auf Spanisch, doch Reden ist nicht so sein Ding.

Er drückt mir ein Fernglas in die Hand und macht mich auf ein Vogelnest in den Bäumen aufmerksam. Ich gehöre nicht zu den Ornithomanen, und doch bin ich gerne früh aufgestanden. So ein Vogelkiek – egal ob auf Hallig Hooge oder im ecuadorianischen Nebelwald – ist fürchterlich entspannend.

Lost im Nebelwald
Lost im Nebelwald

Mashpi hat kaum ein Netz, ins Internet kommen wir zeitweilig, doch Telefonieren geht gar nicht. So verstärkt sich mit jeder Minute das Gefühl, außerhalb von Raum und Zeit zu leben. Die Welt dreht sich um Bäume, Wasser, Vögel und Essen, sehr gutes Essen.

Stets präsent ist der Wald, drinnen wie draußen. Nachts lasse ich das Fenster auf, wenn die nachtaktiven Tiere durch die Dunkelheit schleichen. Ozelote oder Jaguarundis sind schwer zu Gesicht zu bekommen. Doch sie treiben sich da draußen herum, genau wie Pumas und Brüllaffen. Letztere sind früh am Morgen aufzuspüren, wenigstens akustisch.

Wir gehen Treppen hinab, unzählige Treppen, die aus ausrangierten Flaschenkisten geformt worden. Buntes Plastik, teilweise verrutscht über dem aufgeweichten Boden. Nestor stampft hier und da eine Kiste fest.

Dichtes Grün
Dichtes Grün

Wir sind zu dritt unterwegs, nur die beiden Guides und ich. Die Kalifonier haben sich entschuldigt, die Kollegin Anja von „travel on toast“ gönnt sich eine Schokoladenmassage. Dies sei eine Super-VIP-Betreuung, scherzt Nestor.

Wir gehen schwimmen, denn es gibt genügend Wasserfälle im Nebelwald. Ich weiß nicht mehr, wie lange wir bergab gelaufen sind, und wie heftig der Muskelkater davon am nächsten Tag gewesen ist, doch es ist die Mühe wert.

Die feuchte Luft umhüllt uns wie ein Kokon, und wir tragen Badekleidung unter den leichten Outdoorklamotten. Franklin öffnet den Rucksack und verteilt Handtücher, in Mashpi wird wirklich an jedes Detail gedacht.

Bereit zum Baden
Bereit zum Baden?

Er will nicht baden gehen und erhält darum den Zuschlag zum Fotografieren, was allerdings gründlich in die Hose geht. Vor lauter Feuchtigkeit lässt sich meine Kamera anscheinend nicht mehr scharf stellen.

Das Wasser ist angenehm, nicht zu kalt, nicht zu warm, einfach wunderbar. Der Boden eher steinig bis felsig und teilweise glitschig, so dass wir aufpassen müssen. Doch dann, als wir ins Bassin eintauchen, verschmelzen wir mit dem Wasser, den Wolken, der Natur.

Ich schwimme darauflos und lasse mir den Rücken am Wasserfall massieren, der mich immer wieder abtreiben lässt. Schon von weitem sehen wir sie: eine Gruppe Australierinnen, die ebenfalls in der Lodge abgestiegen sind.

Und mal kräftig duschen.
Die Duschmassage

Dem wilden Badetreiben schauen sie skeptisch zu, doch drei von ihnen trauen sich dann doch ins Wasser, nachdem wir ihnen in höchsten Tönen davon vorgeschwärmt haben. Der Höhepunkt des Tages.

In Gummistiefeln und Badesachen wandern wir zum nächsten Wasserfall. Die Luft ist warm genug, nur an der kleinen Schlucht unten fegt der Wind. Schnell gehen wir wieder ins Wasser, doch hier ist das Bassin nicht sehr tief. Es geht mehr ums Duschen in der freien Natur.

Erfrischt und immer noch nass unter den Klamotten treten wir den Rückweg an. Die Australierinnen haben inzwischen auch den zweiten Wasserfall erreicht und schwelgen. Zumindest die, die gebadet schon haben.

Folge den Guides!
Folge den Guides!

Wir folgen den Plastikkisten und klettern langsam hoch. Dabei hören wir Musik aus unseren Smartphones, die das ständige Tropfen der Blätter übertönt. Vögel und Frösche lauschen mit uns der „Fata Morgana“, einem alten Song der Italo-Rocker Litfiba.

Als wir am letzten Tag auf der Terrasse des „Life Centre“ frühstücken, ist die Musik wieder da. Zuvor haben wir uns zwischen flirrende Schmetterlinge begeben, Raupen begutachtet, Kokons und Puppen angeschaut.

Dann packen Nester und Franklin Mangos, Papayas, Trauben, Brot, Käse, Wurst und Kaffee aus zahlreichen Kisten. Alles von weiteren Helfern herangetragen, heimlich wie die Heinzelmännchen.

Bei den Schmetterlingen
Bei den Schmetterlingen

„Da, ein Vogel!“, meint Anja, und ich muss wirklich lachen, werden wir doch seit Tagen von Prachtmeisen, Spechten, Tukanen, seltsamen Truthähnen und Kolibris umflattert. Franklin legt Bananenstücke für die Waldbewohner aus, und wir frühstücken mit Blick in die Wolken.

Jeder spielt seinen Lieblingssong auf dem Smartphone, es geht reihum. Nestor hat mal in einer Rockband gespielt, die einen Maná-ähnlichen Sound mit traditioneller Andenmusik gemixt hat. Franklin liebt Reggaeton, der Wald hat jetzt einen zackigen Rhythmus.

Anja spielt eine Sixties-Version eines 80er Jahre Hits auf: The Lovecats. Und ich entscheide mich für das gar nicht so weit entfernte Brasilien: „Bossa Muffin“ von Flavia Coelho. Wir haben einen Teil der Welt da draußen in den Wald getragen, einen Teil unserer Welt.

Die roten Samen der Achiote
Die roten Samen der Achiote

Seid uns nicht böse, ihr Vögel und Frösche, wir haben trotzdem jede Minute im Zauberwald genossen. Und bevor wir ihn wieder verlassen, machen wir einen kleinen Zeitsprung. Franklin zeigt uns Achiote und öffnet eine der Kapseln, die rote Samen enthalten.

Mit etwas Wasser vermengt wird roter Farbstoff daraus, den einst die Yumbos auf die Haut aufgetragen haben, um sich vor Insekten zu schützen. Nestor nimmt das „Kriegsbemalen“ von Anja und mir in die Hand, ich schminke ihn zu guter Letzt, Franklin will nicht.

Als wir mit rotgezeichneten Gesichtern zurück in die Lodge kehren, fragt die junge Frau mit dem Safttablett lachend: „Wer hat euch das angetan? Nestor?“ Da erscheint noch Richard auf der Bildfläche mit einem wilden Schrei – bereit für die Attacke.

Yumbo-Style
Yumbo-Style

Nach einem letzten, exzellenten Lunch ohne Kriegsbemalung treten wir den Weg zurück nach Quito an. Mit der gleichen Wehmut, mit der ich Quito einst verließ. Das hölzerne Tor von Fort Knox schließt sich wieder hinter uns.

Die Schotterpiste mit ihren Schlaglöchern befördert uns unsanft zurück ins alte Leben. Wir wachen auf aus diesem Traum, sind zurück aus den Wolken. Hat es die Zauberwelt von Mashpi wirklich gegeben?

Als ich „Fata Morgana“ im Bus noch einmal höre, weiß ich, das es stimmt. Und ein bisschen rote Farbe ist noch an meinem Malfinger.

Alles nur ein Traum?
Alles nur ein Traum?

Text und Fotos: Elke Weiler

Mit Dank an Quito Turismo und Metropolitan Touring, die diese Reise ermöglicht haben.

  1. Liebe Elke,

    hast du das schön erzählt! Ich fühlte mich gleich zurückversetzt in den Nebelwald, zu Nestor und Franklin, den Vögeln und Schmetterlingen, dem fantastischen Essen. Danke dir dafür. 🙂

    Viele liebe Grüße
    Anja

  2. Wunderbare Fotos und eine wahnsinnige Geschichte, die einfach Lust machen dieses Zauberwald zu entdecken.
    Danke und liebe Grüsse sendet
    Daniela

  3. Wunderschön geschrieben & tolle Bilder!

    Liebe Grüße!

  4. Wundervolle, nebeldurchzogene Bilder. Ich kann mir die Atmosphäre gut vorstellen.
    Brüllaffen haben mir in Costa Rica mal nachts den Schock meines Lebens beschert, als sie auf dem Dach meiner Hütte herumtrampelten. Ich bin aus dem Schlaf geschreckt und habe nicht sofort begriffen, wer Verursacher des beunruhigenden Lärms ist… *schluck* Hat ’ne ganze Weile gedauert, bis ich danach wieder einschlafen konnte!
    Liebe Grüße,
    Beatrice

    • Danke, liebe Beatrice! Ich habe die Brüllaffen auch in Costa Rica zum ersten Mal gehört! Löwenartig! 🙂 LG, Elke

  5. Ein wunderschönes Panorama.

  6. Liebe Elke, ein Traum! Ich beneide dich wirklich für diese wundervollen Erlebnisse, Orte und Fotos die du mitbringst :-).

  7. Wunderschöne Fotos. 🙂 Mein Fernweh ist entfacht. Du berichtest immer von so tollen Orten, ich sollte auch mal auf Reisen gehen und nicht immer nur still schmachtend darüber lesen. 😉

    Lg aus St Jakob Defereggental

  8. Die Fotos sehen wunderschön aus. Da kann ich mit meinem Urlaub im Stubaital irgendwie nicht mithalten, glaube ich. 🙂 Der abenteuerlustige Teil in mir möchte ja auch zu gern mal sowas exotisches unternehmen, aber bisher hat mich auf den letzten Metern immer der Mut verlassen. *g* Um so lieber lese ich davon.

    Glg Jessica

  9. Eine solche Urwalderfahrung werde ich wohl mal mit einem Schamanen in Ecuador machen, wenn ich mir ganz sicher bin.
    Irgendwie bin ich noch unsicher, ob das Ganze gut verlaufen wird, aber es steht auf meiner Bucket List.

    Danke für den tollen Artikel.

    Viele Grüße
    Miguel

    • Danke! Und was Ecuador angeht: Das klingt spannend. Ich wünsche ich dir eine tolle Erfahrung! Viele Grüße, Elke

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