Das etwas andere Dorf

Ein Huhn hastet um die Ecke. Willkommen auf dem Land, denke ich. Doch dieses Ambiente ist anders. Besonders. Die Hühner leben ganz ungezwungen auf aristokratischem Terrain. Und für eine Nacht nun auch ich.

Es gibt eine Moorlinse in der Nähe von Lütjenburg. Und genau dort liegt Panker. 80 Einwohner, 50 Trakehner, ein paar Hühner und manchmal Wildgänse. „Die Feuchtigkeit aus dem Boden wirkt kühlend“, weiß Oliver Domnick, der mit seiner Frau Birthe das Hotel und Restaurant „Ole Liese“ betreibt.

Sie sind Pächter der Familie von Hessen, und auch die adligen Besitzer bewohnen einen Teil der Anlage, das barocke Herrenhaus. In den alten Wirtschafts- und Wohngebäuden der Gutsanlage entdecke ich Galerien für Kunst, Mode, Kunsthandwerk und Wohndesign.

Zwischen Lütjenburg und Schönberg bin ich abgebogen und betrete in Panker eine ganz eigene Welt. Die Schönheit der ostholsteinischen Schweiz, die Ruhe des Landlebens, das Vogelgezwitscher – all das unterscheidet sich nicht von der Umgebung.

Gut Panker mit seinen gepflegten Galerien.

Doch die Gutsanlage wirkt wie aus dem Ei gepellt, und diese Art von Läden finde ich eher in Städten wie Hamburg. Die Menschen, die sich auf dem Gut bewegen, wirken fast zu schick für das Landleben. Und das Fell der Trakehner glänzt wie Speck in der Sonne.

Dennoch. Ich bin auf dem Land. Und wer hierher kommt, sucht die Natur. Die Ruhe und Einfachheit. „Wir haben Gäste, die bleiben zwei Wochen. Und gehen jeden Tag einfach nur stundenlang wandern“, erzählt Hotelier Domnick. Ich verstehe das.

Ostholstein ist so sanft gewellt, dass es fast an die Toskana erinnert – hätten die Bäume statt der runden Form nur die Figur von Pinien und Zypressen.

Sogar beim Duschen fällt mein Blick ins Grüne. Und auf das Huhn mit seinen Kollegen. Abends wiehert ein Pferd, die Stallungen sind gleich gegenüber. Ich bin in der neuen alten Schule untergebracht, die gemäß der Vorgaben wiederaufgebaut wurde.

Skandinavisch, weil die Prinzessin es so mag.

Die gesamte Gutsanlage steht unter Ensembleschutz. Da die Fundamente der alten Schule weggesackt waren, hat Familie von Hessen sie an der gleichen Stelle wieder aufleben lassen – nun als Hotel.

Alle Räume sind nach Weinreben benannt, ich wohne im Sauvignon. Um mich herum viel Vichy-Karo, Harmonie in Weiß und Blau, skandinavischer Landhausstil. Prinzessin Tatjana von Hessen hat die Hotelbetten entworfen – beeinflusst von ihrer Kindheit in Schweden.

Im Laden „Panker Design“ auf dem Gutsgelände kann sich jeder selbst sein Prinzessinnenbett bestellen. Oder auch ein Hundebett für 600 bis 700 Euro. Nichts für Julchen und Janni, die sich lieber auf breite Sofas oder an die Türritze legen.

An heißen Sommertagen wie diesen funktioniert selbst die kühlende Wirkung der Moorlinse nicht mehr, und ich beschließe, an den Strand zu fahren. Selenter See oder Ostsee? Birthe Domnick rät mir zum Meer, also fahre ich über Lütjenburg nach Hohwacht.

Abends am Ostseestrand, Hohwachter Bucht.

Am Strand herrscht immer noch ein buntes Treiben bei karibischen Temperaturen, obwohl es langsam Abend wird. Ich lege meine Dinge neben einen Strandkorb und stürze mich in das 22 Grad warme Wasser. Ein Traum.

Doch dann sehe ich, wie drei Typen im mittleren Jungsalter ihre Sachen direkt neben meinen platzieren. Sehr unauffällig! Ich gehe also zurück zum Strandkorb und schaue, was passiert. Die Jungs laufen ein bisschen hin und her. Baden wollen sie nicht.

In der Nähe campiert eine zuverlässig wirkende Familie, die ich bitte, auf meine Tasche aufzupassen. Kein Problem, signalisiert mir die Frau. Endlich kann ich sorgenfrei in die Ostsee hüpfen, während die Jungs sich einen neuen „Wirkungskreis“ suchen, beziehungsweise alleinstehende Taschen.

Ein Traum, das Ostseewasser!

Obwohl ich noch stundenlang am Strand bleiben und einfach dem wilden Treiben zusehen könnte, knurrt schon mein Magen, und ich freue mich auf das Dinner in der „Ole Liese“.

Später sitze ich auf der Terrasse des Restaurants und schaue den Schwalben zu, wie sie hin und her fliegen. Ich mag diese hohen Bäume, Kastanien, Ahorn und Linden. „Hinterm Haus stehen auch eine Rotbuche und ein paar Eichen“, klärt mich der Gastgeber auf.

Ich wähle gerösteten Ostsee-Dorsch mit Linsen, Kartoffeln und Steckrüben. Blumenverziert und köstlich. Die meisten Produkte kommen aus der Region, die Kräuter aus dem eigenen Garten. An den Nebentischen wird eifrig diskutiert, über Krankheiten und die Vergangenheit.

Dinner in der

Viel zu schade in dieser lauen Sommernacht mit ihrem süßlichen Duft. Ich labe mich an Pfirsich-, Himbeer- und Kirschsorbet mit Apfel-Espuma, bevor ich für den Sonnenuntergang eine höher gelegene Stelle anvisiere: den Hessenstein.

Auf einer der höchsten Erhebungen Schleswig-Holsteins, als die der Pilsberg mit seinen 128 Metern gilt, finde ich einen neugotischen Turm. Die Tür ist offen, also trete ich ein. Fast im Dunkeln tapse ich die schmalen Stufen der Wendeltreppe hoch, lande aber auf halber Höhe vor einer Drehtür.

Der Automat daneben will einen Euro von mir, dann lässt er mich durch. Ich bin mutterseelenallein in dem dunklen Gemäuer aus dem 19. Jahrhundert, dessen bleiverglaste, bunte Scheiben eine seltsame Atmosphäre im Innern schaffen.

Ostholstein vom Pilsberg aus gesehen.

Hoffentlich hakt die Drehtür auf dem Rückweg nicht! Endlich erreiche ich die obere Tür und stehe wieder an der frischen Luft. „Bei klarer Sicht sieht man bis zu den dänischen Inseln“, hat Oliver Domnick mir gesagt. Nicht aber bei Sonnenuntergang.

Ich gehe ein bisschen hin und her, höre das Lachen der Gäste im Forsthaus unter mir und freue mich über das Leben in meiner Nähe. Bevor es ganz dunkel wird, laufe ich lieber zurück, so ganz ohne Taschenlampe.

Die Drehtür lässt mich durch, ich atme auf – entlassen in die Freiheit. Herzhafte Gerüche umgeben mich, als ich beim Forsthaus Hessenstein vorbeilaufe. Und dann passiert es.

Ein dicker Frosch kreuzt meinen Weg. „Vergiss es!“, zische ich ihm zu. „Ich küsse dich nicht.“ Er zieht seines Weges, irgendwie passt er zu diesem geisterhaften Turm. Ich fahre lieber zurück zum Gutshof, wo das ländliche Glück in der feudalen Variante zu Hause ist.

Immer schon ein Ausschank gewesen: die

Wo „Dorfpunks“ von Rocko Schamoni gedreht wurde, denn dieser stammt wohl aus Lütjenburg. Sonst kommen die Leute auch gerne zum Heiraten nach Panker, das haben Birthe und Oliver Domnick auch getan – lange bevor sie ahnten, eines Tages die „Ole Liese“ zu bewirtschaften.

Eigentlich sind die beiden aus Hamburg, doch nach sechs Jahren auf dem Land wollen sie hier nicht mehr weg. Den 43jährigen Hotelier zieht es eh nicht in die Ferne, dazu war seine Kindheit zu exotisch. In Indonesien geboren kam er mit sieben Jahren nach Deutschland.

So genießt Familie Domnick ganzjährig die Natur um sich herum, für die sich ihre Gäste nur ein paar Tage bis Wochen Zeit nehmen. Und wem es dann doch zu viel wird, der fährt einfach mal nach Kiel oder Kopenhagen.

Gastgeberin Birthe Domnick mag das Landleben in Ostholstein.

Über Fehmarn und dann mit der Fähre, das geht am gleichen Tag hin und wieder zurück. Früh am Morgen wache ich auf und denke daran. Kopenhagen in der Ferne so nah. Es dämmert schon, ein Hahn kräht, und in der Ferne bellt ein Hund.

Ich liebe die Geräusche des Landes. Am nächsten Morgen fragt Birthe Domnick mich, wie ich geschlafen habe. Zu gut eigentlich. Warum nicht mal der Nacht zuhören? Eine ganze Nacht lang?

„Wir hatten mal eine Beschwerde wegen Ruhestörung“, meint die Gastgeberin und blickt in mein erstauntes Gesicht. „Manchmal landen die Wildgänse hier.“ Mitten im Dorf auf der Wiese. Luxus, denke ich. Das ist wahrer Luxus.

Text und Fotos: Elke Weiler

Mit Dank an Birthe und Oliver Domnick, die mich eine Nacht fürstlich beherbergt haben.

„Dorfgeschichten“ ist eine neue Reihe von MeerBlog. Uelvesbüll auf der Halbinsel Eiderstedt und das norwegische Undredal machten den Auftakt, weiter geht es demnächst mit Hallig Hooge.

  1. Ulrike Deppendorfer

    Da bekommt man doch direkt einmal wieder Lust auf einen Land-Urlaub. Ich selbst bin begeisterter Bauernhof-Fan und spanne dort einmal im Jahr wenigstens ein paar Tage aus.

    Danke für den Artikel und die schönen Bilder!

    Liebe Grüße
    Ulrike Deppendorfer

    • Gerne! Einen Bauernhof würde ich auch gerne mal so richtig erleben. Vielleicht schon bald… Bin für jeden Tipp dankbar!

  2. Dieses ist ein schöner Bericht: Macht Lust auf einen Besuch!

  3. Einfach mal die Seele baumeln lassen….

  4. Mal wieder ganz wunderbar. Möchte sofort zu einem Ausflug aufbrechen! 🙂

  5. Ach so richtig zu träumen, super schön.
    LG sendet Dani

  6. Pingback: MEERBLOG | ein reisetagebuch

  7. Pingback: MEERBLOG | ein reisetagebuch

  8. Pingback: Im Dorf der Ziegen am Aurlandsfjord

  9. Wir haben die Ehre das Hotel vermarkten zu dürfen. Dabei sind wir auf deinen wundervollen Beitrag gestoßen. Schöner kann man das kaum darstellen. Wir wollten fragen, ob wir vielleicht die Bilder zur Präsentation des Hotels nutzen dürfen? Natürlich mit Verweis auf den Blog-Beitrag. Oder könnten wir mit dir ein Interview zu dem Trip machen? Das wäre auch klasse.

    • Hallo Nikolas, danke für die Blumen! Die Nutzung der Bilder zu kommerziellen Zwecken ist kostenpflichtig. Für ein Interview stehe ich euch gerne zur Verfügung, maile mir einfach die Fragen. Allerdings werde ich erst die Woche drauf antworten können, ich hoffe, das ist kein Problem!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.