Am besten schwindelfrei

Die Treppe führt steil bergauf, und wir keuchen auf den letzten Stufen. Doch Madeiras Schönheit will erwandert werden. Unser Levada-Rundgang beginnt in Marroços und wird uns in weitem Bogen um den kleinen Ort Machico führen. Sechs Kilometer liegen vor uns, und anfangs ist der Weg neben der Wasserrinne noch breit.

Natürlich erklärt Wanderführerin Sandra erst einmal das System der Levadas, der traditonellen Bewässerungskanäle dieser Landschaft, die so steil und darum landwirtschaftlich schwer nutzbar ist. Mit schmalen Terrassen haben die Bewohner sie bezwungen. Dass das Leben der Bauern hier oben kein leichtes ist, ahnen wir schon.

Sandra kennt jeden Stein, jeden Baum, jede Blume – und davon gibt es unzählige auf Madeira. So wird unsere Wanderung allmählich zu einem Lehrgang in Sachen Botanik. Hier ein Christstern, dort eine afrikanische Liebesblume. Lorbeerbäume, Eukalyptus, Grün in allen Schattierungen. Ach, Madeira, du bist so schön. So üppig. So wild.

Vor allem aber scheint Sandra jeden Einwohner der Gegend zu kennen. Während wir an Feldern mit diversen Süßkartoffeln-Arten, Kohl und natürlich Bananenstauden vorbeiziehen, wechselt unser Guide immer wieder ein paar Worte mit den arbeitenden Menschen.

“Hier habe ich euch zwei kräftige Männer zum Helfen mitgebracht”, ruft sie einem Ehepaar zu, das im Gemüsebeet herumwuselt. Man scherzt, lacht und zieht weiter. Einmal auf dem Pfad angelangt, der parallel zum Wasserkanal verläuft, müssen wir keine Höhenunterschiede mehr überwinden. So liebe ich das.

Mithilfe des Kanalsystems kommt das Grund- und Regenwasser aus dem Norden zu den Feldern der Bauern im Süden der Insel – schon seit Jahrhunderten. Damit die Wasserrinnen nicht von Erosionsgestein, Müll oder Blättern verstopft werden, kontrollieren und reinigen die Levaderos sie. Sie öffnen auch die Schleusen, wenn es im Winter mal zuviel Wasser gibt.

Kostbares Wasser
Gepflegte Levada

“Ein Job, den heute keiner von den Jüngeren mehr machen will”, so Sandra. Nachwuchsmangel allerorten. So sei es ja auch bedauerlich, dass nicht mehr alle Terrassen dieser spektakulären Kulturlandschaft bewirtschaftet werden. In der Tat. Dann gäbe es wohl mehr von den köstlichen Madeira-Bananen, die zu klein für die EU-Norm sind und daher unter die Sonderregelung fallen.

Dafür schmecken sie umso besser, und wir freuen uns über Extra-Power am Wegesrand: Ein Bauer hat eine Kiste mit seinen Früchten ausgelegt, vier Bananen für 50 Cents. Natürlich wollen wir später auch noch picknicken, wie sich das mitten in der Natur so gehört.

Auf Mäuerchen und zwischen Felsgestein lauern immer wieder Eidechsen, die neugierig und scheinbar auch gierig sind. “Viele haben Angst vor ihnen”, meint Sandra, “sogar mein baumgroßer Mann!” Wir können das kaum glauben.

Doch wer auf Madeira ein Picknick macht und seinen Rucksack für fünf Minuten aus den Augen lässt, wird sich über den regen Zuspruch seitens der kleinen Reptilien wundern.

Unser Wanderpfad ist inzwischen nur noch mannsbreit und immer wieder blicken wir metertief den steilen Abgrund hinab – am besten läufst du hier schwindelfrei. Sechs Kilometer später haben wir unser Ziel in Nóe erreicht, in der Ferne glitzert das Meer, und die unbewohnten Ilhas Desertas heben sich vom Horizont ab.

Für die nächste Levada-Wanderung – und sie kommt bestimmt – nehme ich mir fest vor, Portugiesisch zu lernen. Um dann wie Sandra mit den Leuten der Gegend plaudern zu können. Wenigstens für ein bisschen Smalltalk, den ein oder anderen Scherz. Ein Lächeln.

Text und Fotos: Elke Weiler

Mit Dank an die Quintas da Madeira und TAP Portugal, die diese Reise unterstützt haben.

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  3. Toller Artikel, Elke- und schöne Bilder noch dazu.
    Wir waren letztes Jahr auf dem kleinen Eiland im Atlantik – und werden bestimmt noch einmal nach Funchal reisen: Die Insel ist einfach der Hammer.
    Viele Grüße aus Mayen
    Winni

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