Nach dem Hering kam der Wal

Manchmal ist es ein guter Riecher. Liebe auf den ersten Blick wäre zu hoch gegriffen, aber von einer gewissen Anziehungskraft kann man schon reden.

Jedenfalls stehe ich zum ersten Mal in meinem Leben auf dem Westdijk in Nordholland und blicke über den immergrünen Polder Beemster – vier Meter unter mir. Auf der anderen Seite liegt das Objekt der Begierde: De Rijp.

Kleine Häuser, spitze Holzgiebel in Farbtönen wie Seemannsblau, Aubergine, Möwengrau, Petrol und Flaschengrün. Gassen und Kanäle im Wechsel, Boote und schmale Brücken. Dahinter die Ruhe der Natur.

Beemster war einst ein See.
Beemster war einst ein See.

Deborah aus dem benachbarten Beemster erzählt mir: „De Rijp ist ein ehemaliges Fischerdorf.“ Eigentlich hatte ich für den Nachmittag ein bisschen Wellness in Fort Beemster geplant, doch nun lacht die Sonne dermaßen vom Himmel, dass es eine Sünde wäre.

Deborah zeigt auf das alte Land, ein von Wasserläufen durchzogenes Naturschutzgebiet, den Eilandspolder. Fast mehr Wasser als Land, denke ich. „Du kannst dort mit sogenannten Flüsterbooten oder Kanus fahren“, ergänzt die Middenbeemsterin, bevor sie mich zurücklässt in dieser Idylle.

Ich stehe also auf einer ehemaligen Moorinsel, dem Schermereiland. Hier wohnten Fischer und Walfänger – nördlich von Amsterdam, zwischen Nordsee und Ijsselmeer. Auch Bauern mühten sich mit der Feuchtigkeit des Landstrichs ab.

Bötchenfahren?
Bötchenfahren?

Heute steht das schöne De Rijp unter Denkmalschutz und gilt als beliebter Wohnort unter Künstlern und Kunsthandwerkern. Ein paar Leute sind unterwegs, und die Einheimischen erkenne ich sofort heraus: Sie grüßen. Nicht so die Gäste, die auf einen Spaziergang im Polder und eine Appeltaart im Dorf gelandet sind.

Eigentlich ist De Rijp ein Geheimtipp.

Ich parke abseits, neben einem Kanal. Schade, dass überhaupt Autos zugelassen sind. De Rijp mit seinen engen Gassen wäre das ideale Fußgängerdorf. De Rijp wäre ein Slow, wenn es einen Rhythmus hätte. Neben den Architekturen aus dem 17. Jahrhundert ist es vor allem die Natur, die diese Beschaulichkeit beschert.

Mehr noch: eine unglaubliche Ruhe, wohl das größte Pfand des Ortes. Kleine Gärten, Schafe zwischen den Häusern und Grachten. Der Slow. Auf dem Wasser fährt man langsamer als auf der Straße.

Ich schlendere über die Rechtestraat, versuche, mich nicht von einem Auto oder Motorrad umnieten zu lassen, denen die Enge egal ist, die Rhythmus und Ruhe einen Dreck scheren.

Welche ist die Schönste?
Welche ist die Schönste?

Auf der Rechtestraat und auch an der Tuingracht scheinen sich die Fassaden einen Wettstreit um die Schönheit zu liefern. Sie wirken beinah herausgeputzt, mit Hingabe restauriert. Einige der Kapitänshäuser stehen zum Verkauf, haben allerdings ihren Preis.

Die kleinen Läden sind fast alle geschlossen bis auf ein Vintage-Geschäft, das ein paar Souvenirs aus Porzellan ausgestellt hat. Ich falle in ein Café auf der Rechtestraat ein – das „Oudejans“ in „‚t Stadhuis van Amsterdam Anno 1660“ – und bestelle in fließendem Niederländisch: „Appeltaart met slagroom en een kopje koffie!“

Ein Flashback, als Apfelkuchen und Kaffee vor mir stehen: flankiert von Büchsenmilch! Ich muss – schon zum zweiten Mal auf dieser Reise – an meine Uroma denken, eine große Liebhaberin von Dosenmilch. Als Kind hat sie mir in einem glasierten Tonbecher ein bisschen Kondensmilch mit viel Wasser serviert, und ich mochte das wohl.

Souvenirs, Souvenirs
Souvenirs, Souvenirs

Wieder zu Hause erfahre ich, dass griechische Kinder zu dieser Zeit nur Büchsenmilch und nichts anderes kannten, zumindest in bestimmten Gegenden auf dem Festland. Es lebe die Dosenmilch der Kindheit! Bei uns gab es zwar auch frische Milch, aber die mochte ich nicht. Am schlimmsten war zweifelsohne H-Milch.

Am nächsten Tag treffe ich Kees, der mich mit einer solch relaxten Begeisterung aufklärt, dass ich ahne: Er liebt De Rijp, seine Heimat. Nur sollte ich bitte nicht zu vielen Menschen davon erzählen! Nicht, dass dieser kleine Ort nachher so überlaufen sei wie etwa Alkmaar.

An einem Tag wird das Dorf gewiss aus den Nähten platzen: Im April ist nämlich „Koningsdag“ in Holland, und das bedeutet, der Monarch beehrt an seinem Geburtstag eines der Dörfer. Dieses Jahr ist De Rijp an der Reihe, und Kees freut sich schon darauf: „Vor allem auf Máxima!“

An der Tuingracht
An der Tuingracht

Er lächelt genießerisch, bevor er mit der Aufklärung weitermacht. Und zwar in Sachen Hering und Wal. De Rijp hatte seine Blütezeit nämlich im 17. Jahrhundert, und das lag zunächst am Heringsfang. Mit speziellen Booten fuhren die Fischer zur Nordsee, wo ihnen der Fisch zuhauf in die Treibnetze ging.

Es gab an die 80 Heringsboote, die „Haringbuizen“, und De Rijp wurde von Fischern, Kapitänen und Reederern bestimmt. Gegen Ende des 17. Jahrhundert kamen fast 20 hochseetaugliche Schiffe der Walfänger hinzu, die bei Zaandam vor Anker lagen, waren sie doch zu groß für De Rijps Häfen.

Kees erzählt auch von den Waisenhäusern: Die Fischer waren über den Sommer weg und kamen oft nicht zurück. Nach dem Ende des Walfangs begann auch der Abstieg des Dorfes. „Doch seit 40 Jahren geht es wieder bergauf“, meint Kees.

Schön ist schön.
Schön ist schön.

Hab‘ ich nicht gleich zu Anfang … ? Nur, wie sagt man auf Holländisch „ein verdammt hübsches Dörfchen“?

Een heel leuk dorpje.

Text und Fotos: Elke Weiler

Mit Dank an das Niederländische Büro für Tourismus & Convention, I amsterdam und Nordholland, die diese Reise ermöglicht haben.

Die letzten „Dorfgeschichten“ von Meerblog führten in das Dorf mit den wohl schönsten Wänden der Emilia Romagna sowie auf die nordfriesische Hallig Hooge.

Noch mehr lesen?

  1. Pingback: Beemster, ein Polder der Geometrie, ist Nordhollands Weltkulturerbe

  2. Liebe Elke,

    ein Fußgängerdorf ist genau das Richtige für mich! Aber zum Königstag werde ich bestimmt nicht hin… Apropos inzwischen wird der niederländische Nationalfeiertag am Geburtstag des Königs gefeiert.

    LG Katharina

    • Danke dir für den Hinweis, liebe Katharina!!

      Hab’s gleich korrigiert. 🙂

      Ja, es wär‘ toll, wenn sie ein Fußgängerdorf draus machen würden. Ist eine schöne Ecke da oben.

      LG, Elke

  3. Moin Elke,

    vielen Dank, dass du diesen Geheimtipp weiter verrätst. Wir werden mal schauen, ob wir dem Dorf im April einen Besuch abstatten. Wir werden unser Auto dann auch möglichst außerhalb parken 🙂

  4. Hach, wenn dieser Ort nicht perfekt zum Relaxen ist, welcher dann? Es hört sich traumhaft an!
    Niederländisch lernen, das wäre auch mal was. Ich liebe diese Sprache und in Aachen wäre es wirklich lohnenswert, sie zu können.

    Liebe Grüße
    Jessi

    • Stimmt absolut, Jessi! Und Holländisch ist so nett und witzig! Ich versuche es gerade mit Lernen im Netz, allerdings ein Brasilianisch-Kurs. Und Dänisch soll noch hinzukommen… 🙂

  5. Hallo Elke, Caro en Jessi,
    Leuk dat jullie het in de Rijp en omgeving naar je zin gehad hebben. Het nederlands ist schweriger als manche denken. Deutsch ist in gewissermasse leichter.
    Ich habe das von euch gelesen da ich mit meine frau ein hotel gesucht habe und so auf eurem schnack gelandet bin.
    Es gibt ein ort das heisst Broek op Waterland, ist sehr schön, schau mal im internet.
    Schön Gruss

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