Von Kühen, Kojen, Kurven

Der Hahn kräht. Morgens, mittags, abends. Es kann jederzeit passieren. Wir kennen seinen Rhythmus nicht, auch nicht die Gründe. Doch wir vermuten, dass er ein Profilierungsproblem hat. „Das haben ja einige“, meint Meike vieldeutig. Anfangs wollen wir ihm den Hals umdrehen, doch schließlich achten wir kaum mehr auf ihn. Er ist einfach der Hahn des Hafens.

Wie hat sich unsere vierköpfige Crew an Bord des Hausbootes eingefunden? Nun, mit dem Auto. Denn Woudsend liegt irgendwo im Norden Hollands. Und weil in den Niederlanden nichts wirklich weit entfernt ist, stieß ich vom Strand in Den Haag zum Skipper-Team.

Die Crew

Als da wäre Kapitän Roland, der schon ein bisschen Erfahrung aus französischen Tagen mit sich bringt. An seiner Seite Lotse Simone, die Wasserkarten lesen kann und immer genau weiß, wo welche Wassertiefe herrscht oder eine Brücke im Weg stehen könnte. In Woudsend treffen wir auf Matrose Meike, die genau wie ich null Ahnung von Tuten und Blasen, respektive vom Knoten, Lassowerfen und Vertäuen hat.

Proviant gecheckt?!
Proviant gecheckt?!

Und so freue ich mich, eine Woche lang mit dieser Top-Crew über Frieslands Kanäle und Seen zu schippern. Noch bevor wir richtig loslegen, beschließen wir die Erkundung von Woudsend. Also nehmen wir die Räder gleich wieder von Bord, um den kleinen Ort mit seinen Mühlen und der bewegbaren Brücke zu erkunden. Die einst versteckte Kirche, die heute ein Restaurant beherbergt.

Der erste Borrel

Genau an dieser Stelle wird uns klar: Es ist Zeit für einen echten borrel, so eine Art Feierabendtreffen oder Aperitifzeit auf Niederländisch. Wir wählen biertje met bitterballen, also ein Bierchen mit Bitterballen. Eet smakelijk! Proost! Denn wir wollen ja auch ein bisschen Niederländisch von Simone und Roland lernen.

Borrel mit Bitterballen
Borrel mit Bitterballen

In der ersten Nacht an Bord wirkt alles noch so ungewohnt. Die Enge der Kabine und Koje, seltsame Geräusche in der Mitte der Nacht. Steigt uns ein Unbekannter aufs Dach? Immer wieder wache ich auf, so dass ich am Ende das Gefühl habe, gar nicht geschlafen zu haben. Aber dann glänzt das Wasser des Hafens in der Morgensonne, es scheint ein wunderbarer Tag zu werden.

Kreuzende Segler

Und ein spannender, denn wir legen ab. Der Skipper startet das Boot, manövriert es aus dem Hafen, nimmt die erste Kurve. Wir fahren! Glückshormone in Wellen. So wie manchmal in diesen kitschigen Liebesromanen, wenn sich Töpfchen und Deckelchen finden. Boom, bang. Einen ähnlichen Effekt hat dieser erste Start auf dem Wasser.

Wichtig ist: Man vertraue dem Kapitän. Man achte nicht auf die feinen Zwischentöne („… auch noch nicht so viel Erfahrung…“). Man lebe den Moment. Man bleibe locker und ruhig wie ein friesischer Seemann. Was passiert da, äh, Backbord? Wilde Segler kreuzen den schmalen, gewundenen Kanal vor uns. Präzise Zickzack-Choreografie.

Das scheint gewollt zu sein. These des Lotsen: Die Segler müssen gegen den Wind kreuzen. Macht Sinn. Sie haben Vorfahrt, denn wir haben bei der flotten Einführung im Heimathafen erfahren, dass quasi alles andere Vorfahrt hat. Nun liegt es in den Händen des Skippers, einen Zusammenstoß zu vermeiden. Keine Bremse. Stoppen, beschleunigen, stoppen. Rückwärts, vorwärts, rückwärts.

Sonntagsverkehr

In einer knappen halben Stunde ohne Zusammenstöße erreichen wir das sogenannte Hegemer Mar, einen See in Friesland. Noch eine Kurve, dann weitet sich das Wasser, und ein Meer von Segelbooten kommt zu Tage. So wird es immer wieder sein: enge und weite Wasser wechseln sich ab, Kühe zur Rechten, Kühe zur Linken, hier und da eine Mühle auf saftgrünen Wiesen. Malerisch, dieses langsame Reisen mit dem Boot. Knapp zwei Knoten, also sechs, sieben Kilometer die Stunde.

Easy going?
Easy going?

Easy going. Aber es gibt viel Sonntagsverkehr, Engpässe, Stau vor einer Brücke. Warten. Und das Schwierigste: parken. Eine Position finden, alle Seile in der richtigen Reihenfolge und zum richtigen Zeitpunkt auf goldrichtige Weise verknoten. Wir legen vor Workum an, schwingen uns auf die Räder, erkunden das Städtchen. Essen Kuchen in der Sonne.

Vor dem Regen

Wir ahnen noch nicht, was abends auf uns zukommt. Denn der Wind frischt auf, als wir aus dem Ort hinausfahren. Alle Anderen scheinen in entgegengesetzter Richtung unterwegs zu sein, den sicheren Hafen anzusteuern. Doch wir haben eine der freien Anlegestellen ins Auge gefasst, die von der Vereinigung Marrekrite in Friesland verwaltet und betreut werden.

Und ausgerechnet in jenem Moment, als wir an einem idyllischen Plätzchen mitten in der Natur anlegen möchten, stellt sich uns der Herr Wind aufmüpfig entgegen, gibt uns die volle Breitseite. Merke: Wer den Wind nicht beachtet, wird wohlmöglich morsches Holz berühren, dem wird das Seil reißen, fast wird er ein Besatzungsmitglied auf dem Steg zurücklassen.

Wem noch nie ein Seil gerissen…

Am Ende wird er mit drei Seilen sicher vertäut die Nacht erwarten. Und mit einem Regenbogen für seine Zähigkeit belohnt werden. Was für ein schöner Ort, was für eine ruhige Nacht mit leichtem Schaukeln. Ich denke: Wem noch nie ein Seil gerissen ist, der weiß nichts vom Bootfahrten. Wir lernen. Mit jedem Tag und jedem Anlegemanöver ein bisschen mehr.


It’s a long way home…

Es fällt mir schwer, mich an feste Regeln zu halten und nicht nach Situation zu entscheiden. Doch manchmal machen Regeln sogar Sinn. Manchmal lernen wir besonders nachhaltig durch Fehlentscheidungen. Gleich am nächsten Tag müssen wir vor einer Brücke warten, da wir ganz unpassend in der Mittagspause des Wärters aufkreuzen. Für besetzte Brücken gelten feste Öffnungszeiten.

Synchrones Abwerfen

Wir legen daher an der Imitation eines Stegs an. Der Holzbalken, über den wir an Land balancieren, hat schon bessere Tage gesehen. Es passiert beim Ablegen. Möglichst synchron, rät der Skipper. „Lasst die Seile zunächst locker, damit wir uns langsam entfernen.“ Alles gut. Doch dann entfernen wir uns schneller, das Seil spannt. Bevor wir den Steg mitnehmen, entscheiden Meike und ich quasi gleichzeitig, das Seil loszulassen.

Ordentlicher Knoten
Ordentlicher Knoten

Leider ein und das selbe Seil. Man sollte nie zu zweit ein Seil handeln. Und nie das an Bord vertäute Ende wegwerfen. Aber wir wollten eben nicht noch ein Seil verlieren. Und sehen nun zu, wie es heil am Ufer hängt, und wir uns immer weiter von ihm entfernen. Nachdem wir die Brücke passiert haben, steuert Roland erneut auf das Ufer zu und meint: „Du kannst dein Seil zurückholen.“ Mission possible?

Der Balanceakt

Ich hüpfe ins Gras, gehe über die Brücke zurück zum Steg. Doch als ich mit dem Balanceakt beginne, macht sich der durch das ständige Bootfahren leicht gestörte Gleichgewichtssinn bemerkbar. Ich kann mich so gerade noch am ersten Pfahl festhalten, um nicht ins Wasser zu kippen. Aber das Seil ist noch ein paar Meter von mir entfernt.

Matrose Meike weiß Bescheid.
Matrose Meike weiß Bescheid.

Als ich endlich danach greifen kann, ziehe ich es langsam zu mir, immer noch auf dem Balken balancierend. Geschafft! Das Seil trieft vor Nässe, doch ich kann es wie eine Trophäe zurück an Bord bringen. Ich muss nur noch aufs Boot hechten, auf dem schmalen Saum punktlanden und gleichzeitig mit der freien Hand nach der Reling greifen. „Heldenhaft“, meint Matrose Meike.

Hausbootfahrten kann mitunter abenteuerlich sein. Vor allem für Anfänger.

Text, Fotos & Video: Elke Weiler

Noch ein paar Eindrücke aus Workum…

Und zu Teil 2 meines Hausbootromans: Es geht dort unter anderem ums Duschen, Treideln und einen blinden Passagier!

Darüber hinaus könnt ihr euch am Lotsenbericht von Simone erfreuen oder ihre praktische Tipps beherzigen.

Und auch Matrose Meike erzählt auf „meikemeilen“ ganz ausführlich aus ihrer Sicht, wie das alles war, dort auf dem Hausboot…

Mit Dank an Le Boat und an das Niederländische Büro für Tourismus & Convention (NBTC), die unsere Reise unterstützt haben.

  1. Liest sich nach nem wirklich tollen Abenteuer!

    • Es war wirklich klasse, mit dem Boot unterwegs zu sein. Aber dass es auch so spannend wird, hätte ich nicht vermutet! Zum Glück musste ich nicht selber fahren. Obwohl, irgendwann… 🙂

  2. Stoppen, beschleunigen, stoppen. Rückwärts, vorwärts, rückwärts ??? Das klingt ja nach einer abenteuerlichen Ausfahrt 🙂 Dass Roland ein toller Skipper ist, haben wir ja auf unserer gemeinsamen Hausboottour auf der Saone erlebt. Aber das klingt ja echt hektisch … so gar nicht nach gemächlicher Hausboottour. Ich bin schon gespannt auf Deinen nächsten Bericht, Elke.

    • Danke, ihr Lieben! Also hektisch, ne, nicht unbedingt. Das betrifft nur die Stelle mit den kreuzenden Seglern. Die wollten wir ja nicht mitnehmen. Liebe Grüße aus Paris!

  3. Pingback: Mit dem Hausboot durch Friesland, Teil 2 | Niederlande

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  5. Das klingt toll. Gerade schon bei Meike gelesen <3
    Eine tolle Art zu urlauben!

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