Das Leben, ein Schaukeln

Hausboottage sind die Tage der fliegenden Chips. Der Möwen, die in ständiger Bereitschaft leben, das Boot zu entern. Wegen der Chips, die vom Teller durch die Luft tanzen. Hausbootnächte sind die Nächte endloser Bordgespräche. Typische Hausbootmomente erlebst du zum Beispiel während der Duschzeremonie.

Oder jene Augenblicke, wenn du bei aufgeklapptem Fenster im Bad die Zähne putzt und auf das Wasser schaust, wenn sich das Morgenlicht darin bricht. Es ist diese Ruhe. Du weißt nicht, was der Tag bringt. Du weißt nicht, wo du landest. Welche Kuh hinter welcher Kurve winkt. Doch die Sonne lacht, und der Skipper wird fahren.

Die Lagebesprechung

Der Duft des Kaffees und der aufgebackenen Brötchen, der vom Hausboot ausströmt. Die Lagebesprechung nach dem Frühstück. Das Modifizieren der Pläne, wenn die Bedingungen bei genauer Betrachtung nicht passen. Wenn wir für eine Brückenöffnung zu lange warten müssten. Wenn wir keinen Anleger finden für einen möglichen Landausflug.

Die tägliche Wegbesprechung
Konferenz

Friesland ist abwechslungsreich in jeder Beziehung. Kein Wunder, dass sich am Wochenende so viele Segler und Boote auf seinen Gewässern getummelt haben. Unser Montag hingegen fühlt sich entspannt an, nur wenige Boote sind unterwegs. Während das Skipperteam auf der Brücke Platz nimmt, kann das Tau-Team wahlweise fotografieren, filmen, twittern oder Notizen machen. Mal kurz die Füße hochlegen.

Die Duschzeremonie

Falls jetzt der eine oder andere über das Wort Duschzeremonie gestolpert sein sollte: Das ist nichts Unanständiges. Man stelle sich ein typisches Erfrischungsritual auf dem Hausboot so vor: Du verwandelst das Bad für eine gewisse Zeit in eine Raindance-Location. Der Regentanz besteht im Auf und Nieder des Duschens und der Kontrolle, ob das Wasser auch wirklich abgesaugt wird. Zum Absaugen drückst du auf einen bestimmten Knopf.

It's a boat world.
It’s a boat world.

Wenn du Glück hast, ist es nicht der Klo-Knopf. Dabei würde weiter nichts passieren. Aber genau das brauchst du jetzt nicht. Du willst, dass das Wasser abfließt, bevor es über die Schwelle tritt und dein Zimmer flutet. Der Abfluss ist von geringem Durchmesser. Und so schwant dir, dass die Pumpe länger braucht, um all dein Duschwasser wieder verschwinden zu lassen.

Du musst Pausen machen. Aber du gibst nicht auf. Drückst und drückst und drückst. Kontrollierst. Ja, es saugt. Die Wahrscheinlichkeit, dass du am Ende trockenen Fußes dastehst, beträgt 99 Prozent. Nur ein winziger Zweifel bleibt. Ein kleiner Rest Wasser. Geschafft. Jetzt noch rundum alles schön mit dem Tuch abwischen. Wie neu, das Bad. Frühsport ist nicht mehr nötig.

Es sei denn, du willst die Crew mit frischen Brötchen und Teilchen vom Bäcker überraschen, schwingst dich aufs Rad und lässt dich durch das morgendliche Sneek treiben. Als wir am Tag zuvor hier ankamen, haben wir die richtige Einfahrt zum sogenannten Passantenhafen fast verpasst. Quasi geblendet vom schönen Wassertor aus dem 17. Jahrhundert, haben wir die Abzweigung auf der rechten Seite nicht bemerkt.

Stopp in Sneek

Bis sich dann ein Stück der Straße wie durch Geisterhand hochhob. Et voilà, unser Weg war frei. Die scharfe Kurve hat der Skipper mit Bravour gemeistert. Wir legen an, und Lotse Simone verhandelt auf Niederländisch mit dem zuständigen Hafenmeister. Es geht um die hiesigen Liegegebühren, ums Abpumpen der Abwässer, Wasser tanken und Strom laden.

Im Passantenhafen
Im Passantenhafen

Alles geregelt. Zeit für einen Landausflug. Zeit für einen Borrel, unser original niederländisches Ritual vor dem Abendessen. Aber vorher schauen wir uns die Stadt noch ein wenig an, die sich für den Feierabend rüstet. Ich versuche eine Katze auf einer Mauer zu fotografieren, als sich zwei Businessmänner im entsprechenden Outfit nähern.

Der blinde Passagier

In fließendem Niederländisch bieten sie uns an zu modeln. „Aber nur auf der Mauer“, übernimmt Simone das Management für die Models. Die beiden Männer kramen derweil schon passende Accessoires aus dem Köfferchen: orangerote Brillen! Ich staune nicht schlecht, bleibe jedoch bei der Katze. Dann kommen mir erste Zweifel, denn die Katze sieht etwas mürrisch drein. Zu spät.

Mürrische Mauerkatze
Mürrische Mauerkatze

Es ist einiges los. Zwei Teenager am Wassertor liefern eine skurrile Performance, Live-Theater sozusagen. Wir freuen uns auf unsere Bitterballen. Aber was ist das? Ein blinder Passagier in Meikes Tasche? So grell pinkfarben, dass er als blinder Passagier nicht mehr durchgeht und offizielles Crewmitglied wird: Ein Flamingo namens Pietje stößt in Sneek zu uns, niemand konnte das ahnen. Matrose Meike will ihn als Gießkannen-Assistent adoptieren.

Bordgespräche

An unseren wilden Bordgesprächen nach dem Dinner beteiligt Pietje sich kaum. Vermutlich zu technisch! Es geht um die Schifffahrt auf der Elbe heute und gestern, Terrorismus der 70er Jahre, Sauna, das Schulsystem, Geheimdienste, Katzen, Onassis, Hunde in Umkleidekabinen, Food, Engaño & Desengaño, Öffnungszeiten der Brücken, Datingportale, Wassertiefen, Kinderkriegen, Entwässerung der Landschaft und friesische Windmühlen.

Blinder Passagier
Blinder Passagier
Immer ein beliebtes Thema: Windmühlen
Immer ein beliebtes Thema: Windmühlen

Eine der wichtigsten Fragen, die sich aus unseren Gesprächen ergibt: Gibt es Hausboote mit integrierter Sauna? Ich weiß lediglich, dass es in Schweden Saunaboote gibt. Mit Sicherheit auch in Finnland, denn dort sauniert man quasi überall. Und warum nicht mal auf einem Hausboot? Und zwischen den Saunagängen gleich ins Wasser springen.

Der Versuch zu treideln

Ich spiele mit dem Gedanken, am Morgen zu schwimmen, als wir im Nationaal Park De Alde Feanen im Herzen Frieslands anlegen. Ein 2300 Hektar großes Gebiet aus Sümpfen, Wäldern, Seen und Fennen. Es beheimatet weiße Störche und Shetlandponys, doch wir begegnen ihnen nicht. Das Licht steht schon schräg, als wir völlig reibungslos anlegen.

De Alde Feanen
De Alde Feanen

Doch wo wäre die perfekte Position? Das Wasser ist ruhig, und wir ziehen das Schiff noch ein Stück den Anlegeplatz entlang. Treideln nennt man das wohl. „Bis wohin ziehen wir, und warum?“, will Meike wissen. So ein Boot hat ja trotz der guten Wasserlage auch ein gewisses Gewicht. Wir entscheiden uns schließlich zu vertäuen.

Gegenwind

Erst an Tag 4 unserer Tour nimmt der Wind wieder Fahrt auf, bläst übers Wasser und biegt Uferschilf, Äste und Baumspitzen zur Seite. Wird es schwierig zu navigieren? „Unser Motor ist nicht so stark“, gibt der Captain zu bedenken. Und doch fühlt sich das Wetter auf dem Weg zunächst nicht als Hürde an. Wir setzen auf eine verschlungene Route kleiner Kanäle, statt den gutbefahrenen Prinses Magrietkanaal auszuwählen.

Über Schleichwege
Über Schleichwege

Unser Ziel ist die Kaffeestadt Joure. Dort werde ich am nächsten Tag von Bord gehen und zurück nach Amsterdam reisen. Einmal noch sehen wir, wie ein Brückenwart die Angel mit dem klassischen Holzschuh auswirft, um zwei Euro zu kassieren. Merke: Brückengeld immer passend und griffbereit haben. Lotse Simone ist präpariert und schafft es sogar, die Angel korrekt zu fangen.

Doch dann trifft uns der Wellengang, als wir das Snitser Mar kreuzen. Die Gläser schrappen in den Schränken hin und her, Türen schlagen, ein Brett kippt um und die Räder tanzen Rock’n Roll auf dem Oberdeck. Wir fahren gegen den Wind. Aber dann ist der Spuk auch wieder vorbei, als wir abbiegen.

Der letzte Nachmittag und Abend zu viert. Wir testen den Kaffee im Museum von Joure, nachdem wir uns eingehend über Kaffee, Tee, frühe Druckmaschinen und Wanduhren in Joure informiert habe. Meike übt unfallfreies Lassowerfen im Hafen, ich koche Spaghetti Bolo, deftige Spaghetti mit gelbem Chili. Wir prosten uns zu, auf ein letztes „Eet smakelijk!“

Die ultimative Erkenntnis

Nach dem Essen will ich noch eine kleine Runde drehen. Als ich das Rad vom Boot herunterhole, passiert ein Unglück. Eine meiner Sandalen landet im Wasser. Einfach so. Als ich mich feierlich von ihr verabschieden will, sehe ich es: Es handelt sich um eine Sandale mit Schwimmfähigkeit. Sie treibt oben – wegen der Korksohle.

Also rausfischen, abtropfen, überziehen, fertig. Schuhe mit Korksohlen – der ultimative Tipps für Hausboot-Neulinge! Ich muss an Óbidos in Portugal denken, wo es Handtaschen sogar Röcke aus Kork gab. Das ideale Equipment also für eine Hausboot-Tour. Übrigens ist auch unser Schlüsselbund fürs Boot mit einem Korkbällchen „gesichert“.

Zeit für Abschied. Als ich nach fünf Tagen meine Kabine räume, bin ich mir sicher, dass mir die Enge des Bootes nicht fehlen wird. Ich werde wieder parken können, ohne mich in der Lassotechnik beweisen zu müssen. Mein Leben wird nicht mehr leicht schaukeln. Doch, ich werde es vermissen.

Text und Fotos: Elke Weiler

Lotse Simone wird Kapitän.
Lotse Simone wird Kapitän.

Praktische Tipps für alle, die vielleicht auch mal eine Hausboot-Tour unternehmen wollen, findet ihr bei Simone im „Nach-Holland“-Blog.

Und auch Matrose Meike erzählt auf „meikemeilen“ ganz ausführlich aus ihrer Sicht, wie das alles war, dort auf dem Hausboot…

Ready to go again...
Ready to go again…

Mit Dank an Le Boat und an das Niederländische Büro für Tourismus & Convention (NBTC), die unsere Reise unterstützt haben.

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  1. Jacqueline

    Moin moin…in Gedanken mitgeschippert. .traumhaft. meine Leidenschaft! !
    Sehr Interessant geschrieben! !
    LG Jacqueline

  2. Pingback: Mit dem Hausboot in Friesland unterwegs - meikemeilen -— meikemeilen —

  3. Pingback: Mit dem Hausboot kreuz und quer durch Friesland | Niederlande

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