Schwebende Göttinnen

Ein Schwarm von Superpiepmätzen flog laut schnatternd über unsere Köpfe hinweg. „Die ziehen jetzt nach Süden“, meinte Julchen altklug. Aber ich wusste genau, dass einige auch da blieben. Es würde nicht mein erster Winter werden. Dass Julchen mich immer wie einen Welpen behandeln musste!

Ich hingegen sah sie als Frau, als hoch Attraktive dazu. Meine Holde entgegnete, dass ich Frauen nicht gerade wie Frauen behandelte. Sie nannte ihre Freundin Wilma als Beispiel. Und dass ich auch gastfreundlicher sein könnte. Wieder Wilma. Und dass ich mich wie ein Mann verhalten sollte, wenn ich als solcher behandelt werden wollte.

Es blieb kompliziert. Ich wusste ja selber nicht so genau, warum ich auf Wilma so reagierte. Ich vermutete, dass es an ihrer Wurstfixierung lag. Zugegebenermaßen waren wir uns ähnlich, was das betraf. Daher hatte ich lieber ein Auge auf sie. Beim letzten Besuch hatte sie unsere Spieskommer auf den Kopf gestellt!

Ich war's nicht!
Ich war’s nicht!

Die heilige Halle, in die du als Ottonormalbeardie keine Pfote setzen kannst, ohne nicht mit schlimmsten aller Wörter – Pfui – rechnen zu müssen. Natürlich checkte ich auch ab und zu da drinnen die Lage, aber nur kurz. Ich rührte dabei auch gar nichts an, echt! Wilma hingegen konnte sich komplett vergessen, wenn sie erst mal drin war.

Aktuell trafen wir sie am Beach. Immer noch besser, als wenn Julchen sich allein mit Wilma traf. Außerdem konnte ich so auch von Tante Pamis Leckerlis profitieren. Wilma hingegen traute sich kaum an Monsieur heran, wenn ich in der Nähe war. Das bestärkte mich in meiner Wachsamkeit.

Nur wenn Julchen und ich mit Wälzen und Knuffen beschäftigt waren, schaute sie entweder verdutzt zu oder nutzte die Gunst der Minute, um sich bei Monsieur in Erinnerung zu bringen. Weil mein Held nämlich Wurst in den Taschen hatte, exquisite Wurst. Wilma war nicht dumm! Und die Lutscher fielen auf ihren Audrey-Blick herein wie die Motten auf LED.

Pas de trois?
Pas de trois?

Nachdem der Herr Nebel mit seinem einnehmenden Wesen tagelang die Landschaft verschluckt hatte, zeigte sich Frau Sonne endlich wieder, und die Stimmung stieg. Spontan beschlossen wir, eine Beachparty zu machen. Es war ganz schön was los im heiligen Sankt Buddel! Titis ließen ihre Flatterteile in den Himmel steigen, Kollegen genossen die neue Freiheit am Strand, und die Priele liefen gerade voll.

Daher war uns auch der Rückweg abgeschnitten, beziehungsweise mussten wir unsere Bäuche ins Wasser tauchen, um mit hängendem Plüsch auf die andere Seite zu gelangen. Nur Wilma fehlte es an Beinlänge, sie hätte durch den Priel schwimmen müssen. Genau wie Julchen und ich zählte sie zu den Nichtschwimmern, daher stoppte sie am Wasserrand. Wilma schien das Problem zu riechen.

Und dann passierte etwas Seltsames. Tante Pami hob Wilma hoch und trug sie über den Priel. Ich war völlig von den Plüschsocken und eskortierte die beiden. Wilma schwebte auf einmal über mir, statt sich vor meinen Pfoten zu kugeln. Das war ziemlich ungewohnt für mich. Ich sah sie jetzt mit anderen Augen. Wilma war zur Göttin geworden.

Flying Wilma
Flying Wilma

Doch als sie wieder auf dem Boden der Tatsachen wandelte, roch sie wie die alte Wilma. Sie verhielt sich auch so. Das Schwebephänomen kannte ich bislang nur von Julchen, wenn sie vom Oberdeck kam. Sie konnte zwar ohne Hilfe hochkrabbeln, kam aber nur auf Lutscherarmen wieder hinunter. Und ich mochte es nicht, wenn jemand größer war als ich.

Die Lutscher natürlich ausgeschlossen, sie konnten ja nichts für ihren seltsamen Gang. Auch bei Julchen erschien es mir passend, schließlich war sie von Anfang an meine Göttin gewesen. Aber Wilma? Ich musste darüber nachdenken, litt aber unter akuter Konzentrationsschwäche. Zeit für Dinner!

Julchen verklickerte mir, dass Wilma demnächst wieder zu Besuch kommen würde. Es gäbe Apfel-Crumble, und ich sollte mich gefälligst benehmen. Sahne! Ich lief über den Blätterteppich im Garten und stieß auf Baguette. Julchen hatte das Souvenir meiner Geburtshütte draußen abgelegt, weil sie meinte, der fluffige Beagle müsste sich mal auslüften.

Herbstromantik
Herbstromantik

Baguette fuhr zwar mit nach Sankt Buddel, doch Julchen vergaß ihn in der Blechhöhle. So weit ging ihre mütterliche Fürsorge dann also doch nicht. Von wegen, ich würde mich nicht um den Beagle kümmern! Ich hatte genug mit der Hofaufsicht zu tun, immer wieder kamen große Blechhöhlen und wollten irgendwelche Pakete loswerden. Das ging gar nicht.

Julchen meinte, ich sollte mich locker machen und wandte ihre berühmte Shiatsu-Technik an. Ich war wirklich froh, dass ich sie hatte. Besonders am Strand schmeckte sie lecker. Salzig, erdig, frisch. In den Momenten innigsten Knuffens wusste ich, dass ich sie immer lieben würden. Das wurde mir im Herbst besonders klar.

Text: Janni (nach Diktat auf die Couch gehüpft. Wer schaltete denn nun den Flimmerkasten ein? Hallo!)

Fotos: Elke Weiler

Männer unter sich
Männer unter sich
  1. Hauptsache, er ist immer schneller als das Wasser…

  2. Ich muss sagen der Janni hat einen tollen Schreibstil
    Mich interessiert gerade blendend, was die anscheinend unbeliebte Wilma für eine Rasse ist. Ob das Frauchen das wohl beantworten kann?
    LG von einer hoffentlich bald werdenden Hundemama

    • Danke, liebe Anna! Der Janni freut sich. Und die Wilma ist grundsätzlich sehr beliebt, nur der Janni hat ein Problem mit ihr. Soviel ich weiß, ist Wilma ein Cocker Spaniel, aber ich frag‘ heute noch mal, wenn sie zu Besuch kommt. Dir drück‘ ich die Daumen! Liebe Grüße, Elke

  3. Pingback: Janni und die Heimat

  4. Moin Moin,
    ich freue mich wenn ich diese Bilder von den Hunden am Strand und im Watt sehe. Ich selber wohne in Cuxhaven und hier sind für meinen PON die Möglichkeiten sehr eingeschränkt. Vor 10 Jahren wurde der zweite Hundestrand geschlossen und die wenigsten Kurgäste wisssen, dass Sie auch auf bestimmten wegen ins Watt mit dem Hund dürfen. Dabei ist es ein Paradies für die Hunde. Nur im Winter können wir ungestörte spaziergänge mit unserem Hund am Strand unternehmen.
    Gruß aus Cux,
    Norbert

    • Moin Moin! Ja, das ist wahr! Wir nutzen diese unendliche Weite auch nur in der Nebensaison. Dabei wäre es keine große Sache, offiziell ein Stück von den 12 Kilometern in Sankt Peter als Hundestrand zu deklarieren, wie ich finde. Grüße aus Nordfriesland nach Cux! Elke

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