Finnisch für Huskies

Wie ein Kind sitze ich im Schlitten, zur Passivität verdonnert. Hinter mir steht Jyri, der Musher, und ich muss ihm vertrauen. Ihm und den Hunden, die ihren Job nicht zum ersten Mal machen. Es ist kalt an diesem schönen Wintertag im finnischen Seengebiet, 16 Grad minus, haben sie gesagt. Die Kälte schneidet während der Husky-Safari ins Gesicht. Vor allem die Hände sind exponiert, weil ich ständig fotografieren oder filmen will.

Fünf Kilometer habe ich dafür, während die Hunde wie verrückt rasen, es ist ihre erste Tour. Pasi, der zusammen mit seiner Frau Jenni am Soukkio-See lebt und Mökkis vermietet, hat schon am frühen Morgen den Weg durch den Neuschnee für die Husky-Safari geebnet, damit er glatt und nicht unangenehm für ihre Pfoten ist.

Eine wilde Knutscherei

Die Huskies sind schon da, als ich über den zugefrorenen See zum Treffpunkt laufe. Sie jaulen, springen hin und her vor Aufregung. Sarianne und Jyri begrüßen Michael und Margaret, das schottische Ehepaar, und mich. Natürlich wollen wir drei nur eins: „Dürfen wir die Hunde kraulen?“ Sarianne lächelt. Klar dürfen wir. Und die sechs Huskies, die wollen erst recht!

Soul’n mate Soul

Nie hätte ich gedacht, dass es so verschmuste Tiere sind. Dass sie ständig Küsschen geben wollen! Fast wird es mir zuviel. Am besten verstehe ich mich mit Soul, die sich mindestens so verrückt wie meine Plüschhunde benimmt. Sie ist noch jung, anderthalb Jahre alt. Dann wird es ernst, Sarianne und Jyri spannen die Hunde nach und nach vor den Schlitten. Eine Frage steht im Raum…

„Wer will zuerst fahren? Die erste Fahrt kann etwas schneller werden.“

Freiwillige vor! Ich lasse mich auf das Rentierfell in den bodennahen Schlitten plumpsen und verfehle dabei knapp die ebenfalls bodennahe Sitzbank. Irgendwie hieve ich mich noch darauf, bevor Jyri das Startzeichen gibt. Die Hunde scharren quasi mit den Pfoten, sie gehen ab wie eine Rakete.

Leaddogs, bitte übernehmen!

In den ersten Sekunden halte ich mich noch krampfhaft an den Seiten fest, doch der Schlitten scheint sehr stabil zu sein. Selbst, wenn wir mal ein bisschen nach rechts oder links ausscheren oder kurz über eine Unebenheit fliegen, verliert das Gerät nie lange die Bodenhaftung. Schließlich versuche ich sogar mitzugehen, habe aber keine Ahnung, ob ich es richtig mache.

Musher-Latein auf Finnisch

Jyri kann ich nicht fragen, er lenkt den Schlitten konzentriert und ist völlig auf das Zusammenspiel der sechs Hunde fixiert. Teamwork ist ein komplexes Gebilde, denke ich, während der Schnee unter den Kufen knirscht. Die Erziehung der Huskies beginnt früh, schon in der Welpenzeit. Wichtig ist, dass sie Begriffe wie „stop“, „rechts“ und „links“ verstehen. Natürlich auf Finnisch.

Rechts, links, geradeaus!

Vor allem die Leithunde müssen diese Kommandos übertragen und auch mal in einer brenzligen Situation die Nerven behalten können. Die Anführerinnen bilden den Kopf des Schlittengespanns. „Das kann nicht jeder Hund“, hatte Sarianne schon bemerkt, als sie Routa und Birta vorne angeleint hat.

In der Mitte laufen Soul und Amy, und ganz hinten die kräftigsten Tiere, die Rüden, Sauron und Saku. Diese sogenannten Wheeldogs gelten als Powerpakete im Schlittengespann. Meistens lobt Jyri alle mit „hyvä“, also „gut“, das verstehe selbst ich. Als Einziger tanzt Sauron hin und wieder aus der Reihe, wenn er Schnee vom Rand frisst – im Laufen.

Routa und Birta haben alles im Griff. Fast alles.

Dabei wird das Gleichgewicht empfindlich gestört, auch wenn es nur für Sekundenbruchteile ist. Natürlich kann der Musher den Schlitten mit seinem Körpergewicht gegenlenken, bei Bedarf kann und muss er bremsen. Das bedeutet: 100 Prozent Aufmerksamkeit während der gesamten Tour. Die Hunde rennen 18 Kilometer pro Stunde im Durchschnitt, auf der ersten Tour sogar schneller.

Vom rechten Weg abgekommen

Dann passiert es: Wir biegen falsch ab. Jyri stoppt sein Gespann, stoppt den Schlitten, steigt ab. „Soll ich aussteigen?“ Der Musher schüttelt den Kopf. Er geht nach vorne zu den Leaddogs. Umdrehen mit dem Hundeschlitten? Geht gar nicht. Die Huskies müssen per Hand abgeholt und auf den rechten Weg gebracht werden, der in diesem Fall ein linker ist.

Mit Schwung in die Kurven.

Ich biete noch einmal an, für das Manöver auszusteigen, doch Jyri winkt ab. Dann geht alles ganz schnell, der Musher lässt die Hunde erneut laufen. Unsere Strecke führt vom See in den Wald hinein, was besonders schön und ein wenig geschützter ist. Und doch scheinen mir die Finger vor Kälte abzufallen. Die Zeit vergeht viel zu schnell, da landen wir auch schon wieder vor dem Mökki von Margaret und Michael.

Die Hunde machen eine Pause, fressen Schnee oder wälzen sich zur Abkühlung, zumindest Soul. Margaret wird in den Genuss der nächsten Runde kommen. Drei Kilometer nun. Wieder eine Pause. Sauron blutet aus dem Maul. „Nichts Schlimmes“, meint Sarianne, die dieses Mal als Musher auf dem Schlitten gestanden hat. „Er hat sich beim Schneefressen während des Fahrens verletzt.“

Kleine Pause

Es sind eben nicht alle so diszipliniert wie die Anführerinnen Routa und Birta. Die letzte Runde steht bevor, noch einmal drei Kilometer, dann haben die Hunde ihre Arbeit für heute getan. Bevor sie nach Hause fahren, gibt es Fleisch und Wasser zur Stärkung. Natürlich fressen die Huskies auch gerne den Schnee, und vor allem Soul wälzt wie verrückt.

Familientiere

Wenn sie nicht gerade Küsschen verteilt. Im Gegensatz zur aufgeregten Situation vor dem Start sitzen oder liegen jetzt alle ganz relaxed da. Sarianne erzählt, dass die Huskies wie Familienhunde gehalten werden, gleich werden sie ihre Freiheit in einem größeren Gehege genießen, dürfen aber auch ins Haus.

Vier Mal in der Woche wird trainiert, im Sommer haben sie Ferien. Sarianne und Jyri fahren auch zu Husky-Rennen, machen in einem Jahr bis zu 4.000 Kilometer mit dem Auto, um insgesamt 40 Kilometer mit dem Schlitten zurückzulegen. Aber Finnland ist eben lang. Durch den Schnee stapfe ich zurück zu meinem Mökki, sortiere meine von der Kälte roten und leicht geschwollenen Finger als Alien-Extremitäten ein.

Schwer beweglich sind sie und hochempfindlich. Nachdem ich mich gestärkt und wieder akklimatisiert habe, kommt mir eine geradezu brillante Idee: ab in die Sauna! Zwar kann ich nicht wie im Sommer zur Abkühlung in den See springen, doch vielleicht kurz mal in den Schnee hüpfen…

Ab nach Hause!

Text und Fotos: Elke Weiler

Freut euch auf den nächsten Artikel, wenn es um Rentiere mit zuckersüßen Schnuten geht, die gerne aus der Hand fressen. Oder besser: zupfen!

Mit Dank an Visit Finland und Rock & Lake Cottages, die meine finnische Winterreise unterstützt haben. Sie organisieren auch die Husky-Safari mit Sarianne, Jyri, Routa, Birta, Soul & Co.

Nach der Sauna ist vor der Sauna.
  1. Guten Morgen,
    das ist bestimmt eine tolle Sache gewesen. Davon träume ich auch noch, irgendwann wird es bestimmt klappen.
    Einen schönen Dienstag wünscht
    Kirsi

  2. Pingback: Blogger schreiben über den Norden | NordNerds im März 2017

  3. Tolle Fotos! Die Huskies sind ja wirklich zu knuffig! Klingt echt total genial dein Trip nach Finnland. Ich war mal in Norwegen Hundeschlittenfahren und wäre am liebsten gleich als Musher dageblieben. Die Hunde können einem echt den Kopf verdrehen 🙂

    • Danke, liebe Kathrin! Du hast absolut recht! Aber man könnte ja auch mal Musher auf Zeit werden. Oder noch besser: Rentierfarmer! 🙂

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