Alle lieben Barcelona

Es ist der erste November, und ich lasse meine Familie im stürmischen Nordfriesland zurück. Weniger als anderthalb Auto- plus drei Flugstunden später stehe ich auf einem funkelnden Flughafen: Shops, wohin das Auge blickt, geschwungene Linien, glänzende Böden.

Bienvenida, benvinguda a Barcelona. 19 Grad Celsius erwarten mich draußen, so hatte der Flugkapitän verkündet. Der Aerobus hat in Nullkommanix die City erreicht und spuckt mich auf der lärmenden, abgasgeschwängerten Plaça Catalunya wieder aus.

Mir ist warm, angenehm warm. Ich laufe die Avenida del Portal del Angel entlang, weil mich die freundliche Señora von der Bushaltestelle dorthin geschickt hat.

Barcelona ist die vermutlich lebhafteste Stadt Europas. Ich muss mich durch Menschenmassen drängeln auf dieser Shoppingstraße, wo die Geschäfte trotz des Feiertags geöffnet haben. Keine Spur von Krise – nicht hier, nicht heute.

Barri Gotic
Novembersonne

Die Avenida schäumt vor Leben. Dann eine Gabelung, und ich muss mich entscheiden. Mein Gefühl sagt links und hat recht: Schon bald stehe ich vor der Kathedrale Seu.

Ich biege in eine schmale Gasse ein, eine Opernsängerin gibt eine Kostprobe ihres Könnens. Auf einem kleinem Platz spielt eine Folk-Truppe auf. Die Rhythmen überlagern sich, Barcelona ist voller Musik. Und das bei dieser mediterranen Novemberwärme.

Baadai kommt aus der Mongolei und weist mich meine Wohnung für die nächsten Tage ein. Natürlich ist er glücklich in Barcelona, mit Frau und Kind. Natürlich sagt er mir das, ohne dass ich ihn danach gefragt habe.

Apartment im Barri Gotic
Meine Wohnung für die nächsten Tage

Das Haus mit meinem frisch renovierten Apartment im zweiten Stock war mal ein Konvent und datiert auf das 13. Jahrhundert zurück – so hat es die Wohnungseigentümerin Kelly erzählt. Ich residiere also mitten in der historischen Substanz des Barri Gòtic.

Wenn ich durch den Flur hinaufspaziere, ist da statt eines Fensters eine Maueröffnung mit floral geformtem Bogen. Im Innern Holzböden und Kacheln, skandinavischer Chic und Kunst an den Wänden: Schwarz-Weiß-Aufnahmen des Viertels, u.a. von einem Neffen Oscar Wildes.

Ich mag die Gewölbedecke im Wohnzimmer, einem Tanzsaal. Das Bad ist klein, aber der Platz optimal genutzt. Baadai zeigt auf eine Flasche Wasser und Rotwein – ein Willkommensgeschenk. Das Internet funktioniert mit einer Geschwindigkeit, von der ich in Nordfriesland nur träumen kann.

Ich fühle mich auf Anhieb wie zu Hause.

Flur im alten Konvent
Flur im alten Konvent

Gibt es überhaupt jemanden auf dieser Welt, der Barcelona nicht mag? Ich entscheide mich, zunächst auf Tapas-Recherche zu gehen, falle aber aufgrund eines akuten Hungeranfalls in den zweitbesten Laden auf meinem Weg ein.

Es ist proppenvoll. Die Pimientos de Padrón sind göttlich, bei den Patatas bravas bin ich noch nicht überzeugt. Es muss Bessere geben, hier in Spanien. Viel Bessere.

Auf dem Rückweg noch ein Obsttörtchen aus der Pastelería La Colmena, das ich „zu Hause“ genieße. Ich öffne die Türen zu meinem französischen Balkon: kein Auto, aber Stimmengewirr, Gelächter, lauter, fetzender Folk.

Barcelona, die Stadt, die niemals schläft. Oder eben ich. Kurz vor zwölf geben die Folkistas noch mal alles, die Menge singt mit. Ein Feiertag geht nahtlos in den nächsten über.

Zwischen zwei und drei Uhr ebbt der Geräuschpegel langsam ab, es kann auch daran liegen, dass ich Ohrstöpsel gefunden habe. Trotzdem höre ich den Verrückten, der gebetsmühlenartig einen Satz wiederholt. Dann die Gitarre…

Croissant und Kaffee
Der Tag kann beginnen.

Als ich am nächsten Morgen das Fenster zur schmalen Gasse öffne, sehe ich meine Umgebung in einem anderen Licht. Alles ist anders, doch lebhaft ist es immer noch. Direkt unter mir eine Bar, es duftet nach Kaffee, und ich spüre das Loch in meinem Bauch. Kein Problem. Es scheint an jeder Ecke von Barcelona eine Pastelería zu geben. Diese Düfte!

Ich verliebe mich auf Anhieb in die Schoko-Croissants der Pastelería Santa Clara. Bestelle Café con leche, versuche mein Rest-Spanisch aus den tiefsten Winkeln meines Gehirns hervorzukramen.

Denn die nette Señora am Nebentisch macht mich darauf aufmerksam, dass mein Kaffee schon an einem anderen Tisch steht. Das hatte ich vor lauter Süßigkeiten komplett übersehen. Wir lachen gemeinsam.

Eine ältere Kundin schreitet langsam in den Laden und wird von allen herzlich begrüßt: „Hola, bonita!“ Natürlich ist mir klar, warum alle Barcelona mögen.

Bleibt dran! Die Tapas-Recherche geht weiter…

Text und Fotos: Elke Weiler

Ich bin mit Vueling von Hamburg nach Barcelona geflogen. Das Apartment im Barri Gòtic ist über Housetrip zu buchen. Danke für die Unterstützung dieser Reise!

  1. Also ich und Barcelona… Das ist so ein Mittelding. Ich mag es aber andererseits auch wieder nicht. Mag sein, das es am Wetter gelegen hat. Vor zwei Jahren im November war es zwar mild, aber regnerisch… Und ich habe leider vielmehr das touristische Barcelona kennengelernt, was mich an vielen Orten doch ein wenig gestresst hat. Ich mag die Musik in der Altstadt. Wir haben damals auch 20 Minuten in den Gassen von Barcelona gesessen und Straßenmusik gehört… Hach sooo schön ! Eines meiner Highlights in dieser Stadt! Die Unterkunft ist Traumhaft – wär genau mein Stil!

    • Da hat du recht, liebe Janett, die Musik, die es gratis an jeder Ecke gibt, hat Qualität und ist so abwechslungsreich! Heute noch musste ich mir eine CD von einem exquisiten Duo kaufen, das eigentlich ein Trio ist… 😉

  2. Pingback: Alle lieben Barcelona

  3. @AnnaBarna13

    Ach, noch einmal Barcelona neu entdecken können …
    Ich lebe seit über 20 Jahren hier und verliebe mich immer wieder aufs Neue in meine Stadt!
    Viel Glück bei der Suche nach den perfekten „bravas“ und nicht vergessen: Der Weg ist das Ziel.

    • Ja, liebe Anna, das sehe ich auch so! Beneidenswert, dass du in Barcelona lebst und damit glücklich bist! Bislang habe ich die besten patatas braves in Düsseldorf gegessen. 😉 Also die Recherche geht weiter!!

  4. @AnnaBarna13

    Hallo, melde dich doch bitte mal bei mir wenn du das liest. Ich würde dich gerne mal für meinen Barcelona Blog interviewen. Viele Grüße johannes

  5. Hallo,
    ein sehr interessanter Artikel, den ich sehr gerne gelesen habe. Barcelona ist auch eine meiner liebsten Städte, die ich mindestens einmal im Jahr besuche. Deine Bilder haben mir sehr gefallen!

    Grüße
    Ulrike

  6. Pingback: Barcelona im Mai | Spanien

  7. Oh Mann, da werden Erinnerungen wach. Habe vor sieben Jahren ein halbes Jahr in BCN verbracht und Beiträge wie dieser hier wecken dann doch wieder mein Fern/Heimweh…die besten Braves gibt es meiner Meinung nach in einer kleinen Bar (Principal) an der Placa Goya und im Moritz an der Rda. Sant Antoni.

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