Eine Insel ist keine Insel

Hinter der Mautstelle führt die Pont de l’Île de Ré mit elegantem Schwung übers Meer und wieder hinab. Dieses Türkisblau ist genau meine Farbe. Et voilà, ich bin von La Rochelle auf Nummer 1 meines Insel-Hoppings gelandet. Gleich am Anfang der länglichen Île de Ré muss mein Hotel sein, hier in Rivedoux-Plage.

Schon der Name klingt nach Strand, Salz und Sonnencreme. Und so heißt das Hotel „La Marée“ ganz passend: die Gezeiten. Wir sind ja am Atlantik. Bevor ich zum Dinner im Hotel eine andere Bloggerin treffe, möchte ich mir noch ein wenig von der Insel anschauen. Am liebsten würde ich ja mit dem Fahrrad über die Insel düsen, doch das würde den Zeitplan über den Haufen werfen.

Neidisch überhole ich also die Meuten auf dem Radweg und schiebe mich gemeinsam mit den ganzen Kurzurlaubern in das vermutlich beliebteste Dorf der Insel: Saint-Martin-de-Ré. Auf dem Parkplatz dann Stillstand, es geht nicht vor und nicht zurück. Ich versuche zu drehen, doch dazu muss ich über den Radweg, der lückenlos befahren wird.

In den Gassen von Saint-Martin-de-Ré.

Irgendwann bin ich wieder draußen und suche weiter hinten im Dorf. Mit Glück! Eine Großfamilie kapiert das Parksystem erst nach langer Diskussion. „Dafür braucht man ein Diplom“, sagt die jüngere Frau grinsend. Und weil ich allein unterwegs bin, helfen sie mir ungefragt.

Ich bin gerührt und lerne nebenbei ein neues Wort, nämlich „plaque“ für Autokennzeichen. Das muss man nämlich im Parkautomaten eingeben. Das Familienoberhaupt tippt alles für mich ein, ich bedanke mich tausendfach. Sie sind wirklich „très sympa“!

Beschwingt laufe ich durch schnucklige Gassen, schaue adretten Häusern auf die Fenstergardinen und merke allmählich, warum sich hier die französische Urlaubswelt versammelt. Saint Martin ist hübsch, wenn auch überlaufen an Tagen wie diesen.

Meersalz aus den Salinen der Île de Ré.

In Richtung Hafen wird es enger, das Tempo langsamer. Zahlreiche Boutiquen, Souvenirshops mit Meersalz und den typischen „ânes en culotte“, massenweise Plüsch-Eseln mit gestreiften Hosen, säumen die Wege. Diese Esel gibt es auch live – irgendwo auf der Insel.

Einst schützten ihre Besitzer sie durch die lustigen Hosen vor den Zugriffen lästiger Mücken. Heute werden die Esel zwar nicht mehr zum Transportieren eingesetzt, dürfen aber die Herzen erfreuen mit ihrer originellen Bekleidung. Und als Plüsch-Andenken.

Ich verschaffe mir einen Überblick im Café Belem, wo alle Muscheln essen, die nicht an der Ecke für frische Riesenwaffeln anstehen, „gaufres“. Es ist Zeit für einen Kaffee und eine „tartine aux pommes“, frisch aus dem Backofen. Ein Hauch von Teig, dicht belegt mit Apfelscheiben.

Ruinen-Stopp: in der Abbaye des Châteliers.

Schaffe ich es noch bis zum Leuchtturm am Ende der Insel? Nein, ich muss zurück. Nur etwas Zeit für eine Ruine mitten in der Landschaft bleibt. Und so stehe ich vor der Abbaye des Châteliers. Der Wind fegt übers Feld und durch die riesigen Fensteröffnungen des halb verfallenen Bauwerks.

Der Chor mit seiner überdimensionierten, spitz zulaufenden Wandöffnung wirkt wie das Fenster zum Himmel. Warum ziehen uns alte Gemäuer so an? Ist es das Zwiegespräch zwischen Kultur und der Natur, die im Begriff ist, sich ihr Terrain zurückzuholen? Oder die fehlende Perfektion, die Raum für Fantasie lässt.

Das Dinner kommt aus dem Meer, zumindest, was die Thunfisch- und Kabeljau-Anteile angeht. Ich spreche mit Ester vom niederländischen Familienblog „Gezinspiratie“ über unsere Erlebnisse im westfranzösischen Poitou-Charentes. Als Mutter von vier Söhnen hat Ester eine ganz andere Sichtweise auf den Urlaub in der Region.

Nachts auf der Île de Ré, Rivedoux-Plage.

Nach dem Essen drehe ich noch eine Runde durch das eher ruhige Rivedoux-Plage, immer am Meer entlang. Verliebte Pärchen an der Kaimauer, das Meer auf dem Rückzug, der Mond über einer Bar. Im „La Chaloupe“ werden französische Chansons zum Besten gegeben. Retro-Style, leicht swingend.

Szenenwechsel. „Wir lieben das Leben in der Natur“, sagt Jean-Pierre Mineau. Ich bin weit weg von der Île de Ré. Um mich herum Muscheln, Austern und Seebrassen in Meerwasserbecken. Jean-Pierre und seine Familie bewirtschaften die Ferme Aquacole auf der Île Madame, die mit nur 75 Hektar kleinste Insel der Charente-Maritime.

Insel-Wechsel: Natur pur auf der kleinen Île Madame.

Neben den Austern und Muscheln schöpfen sie Salz ab, bauen Getreide an und halten Schwarzkopfschafe auf der Insel. „Das macht meine Frau“, sagt der Austernzüchter mit Blick auf die Schafe. Sonst ist nicht viel auf der Insel. Keine Yachten, keine Ruinen, keine Massen.

Auf die Île Madame zieht es mehr die Barfußläufer. Die Naturliebhaber wie Jean-Pierre. Bei Ebbe gehen alle zu Fuß hinüber, es ist nicht weit vom Festland. Von La Rochelle bin ich über Rochefort-sur-Mer nach Port-des-Barques gefahren. Dank des Navis leider nicht auf direktem Weg.

Jean-Pierre und seine Familie sind nur ein Vierteljahr auf der Insel, feste Einwohner gibt es nicht. Mit dem Orkantief Xynthia kam es 2010 zu einer Überflutung der Insel. „Das Wasser stand hier fast anderthalb Meter hoch“, erzählt Jean-Pierre. Wir sind im Restaurant der Ferme, denn ich soll die Austern und Muscheln probieren.

Das Meer in mir: Gefühl nach dem Schlürfen der Austern.

Das Meer in mir. Zumindest schmeckt es so, wenn man die Austern schlürft. Intensiv. Wie eine Überdosis. Erträglich nur durch einen Spritzer Zitrone. Nach den Austern kommen die Miesmuscheln, gekocht in Rahmsoße. Zum Nachtisch ein typischer Kuchen der Region. Eine brotartige Konsistenz, aufgelockert mit Mandelcreme.

Nun aber zum Croissant, der dritten Etappe meines Insel-Hoppings. Auf die Île d’Aix kann ich nur dem Schiff kommen. Ich lasse also das Auto auf dem äußersten Festlandzipfel Pointe de la Fumée stehen und hüpfe im letzten Moment auf die gerade abfahrende Fähre.

Alles besetzt, bis auf den letzten Platz. Ich stelle mich ganz nach vorne, so hoch es geht und sehe die Insel schon vor mir. Weit ist es nicht. Dass sie die Form eines Croissants hat, kann ich von hier aus nicht erkennen. Links daneben das Fort Boyard, eine Festung mitten im Wasser.

Und in der Ferne das Fort Boyard.

Ich kenne das Fort aus einem Film mit Alain Delon, „Die Abenteurer“. Wie es der Zufall so will, kenne ich auch nur die Szene, die auf Boyard gedreht wurde, den Showdown. Im Film haben sie die gar nicht festungsartigen Arkaden im Innern ziemlich demoliert.

Trotzdem habe ich damals gedacht, das sieht gut aus, da möchte ich gerne mal hin. Jetzt bin ich also ganz in der Nähe und entdecke es per Zufall. Kurz darauf ergießt sich die Schiffsladung auf den linken Zipfel des Croissants.

Ich freue mich: endlich ohne Auto! Endlich Fahrradfahren! Die Alternativen auf der Insel wären: zu Fuß gehen oder mit einer Pferdekutsche fahren. In der kleinen Ortschaft gleich zu Beginn tummeln sich die Touristen, doch je mehr man sich entfernt, desto entspannter wird die Lage.

Mit dem Rad über die Île d'Aix, Liebling der Tagestouristen.

Zu Fuß bräuchte ich ein paar Stunden über die drei Kilometer lange Insel. Doch bei „Chez Françoise“ gibt es noch ein Rad für mich, sogar mit Korb für den Mitarbeiter Luis. Ich frage dort, wie die Schiffe zurückfahren. „Um 16.30, 17.30 und 18.30“, sagt der Fahrradverleiher und lacht. „Dann ist Schluss. Dann geht man zu Bett.“

Ich beneide meine Kollegin Ester ein bisschen, denn sie wird heute mit der letzten Fähre kommen und die Nacht erleben. Ohne die Tagestouristen, ganz entspannt auf dem autofreien Eiland.

Ich fahre durch historische Fort-Anlagen und die geraden Straßen der kleinen Ortschaft. Dabei entdecke ich gleich drei Museen, eine relativ hohe Dichte für so eine kleine Insel. Aber Napoleon hat sich wohl kurzzeitig hier aufgehalten, darum geht es zumindest in einem der Museen.

Flach und bunt die Häuser auf der Île d'Aix.

Auf der Île d’Aix leben über 200 Leute fest. Ich sehe eine ganze Gruppe junger Leute beim späten Lunch vor einem der niedrigen Häuser sitzen. Französische Sommeridylle pur. Wer nicht hier wohnt, ist stolzer Besitzer eines Ferienhauses. Der Rest lebt vom Tourismus im Sommer, vom Fischfang und von der Austern- und Muschelzucht wie auf der Île Madame.

Es grünt und blüht allerorten, wieder dieses mediterrane Feeling. Ich merke es ganz deutlich: Ich brauche einen Strand. Meeresrauschen. Sand unter den Füßen. Also stelle ich das Rad an die Seite, abschließen kann man es nicht. Und auf einer Insel kann so leicht nichts verloren gehen.

Eine Schulklasse ist vor mir da und wandert einfach am Strand entlang, der sich über die Westküste zieht. Ich lasse mich nieder. Und trotz der Beliebtheit der Île d’Aix ist es plötzlich ganz still rundherum.

Nur das Meer und ich. Es hat den alten Klassiker von Charles Trenet aufgelegt. „La mer … bergère d’azur infinie…“ Sehr poetisch, das Meer. Merci!

Am Strand das Meeresrauschen. Sonst nichts.

Text und Fotos: Elke Weiler

Et merci beaucoup an die Region Poitou-Charentes, die diese Reise ermöglicht hat.

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  1. mercedes martini

    Hallo, danke für Deinen blog. Wir haben die Insel dieses Jahr entdeckt und sind total begeistert.

    Grüße

    mercedes martini

  2. Hallo Elke, da kommen richtig alte Urlaubsgefühle hoch. Ich als Kind in den 70er Jahren auf der Il de Re und der Ile d`Oleron viele Sommerurlaube verbracht. Klar, mich hat damals mehr der Strand interessiert. Aber auch die Austernbänke hab ich nie vergessen. Heute wohne ich schon seit über 10 Jahren auf der gegenüberliegenden Seite des Atlantiks in Uruguay. Sieht dort am Meer so ähnlich aus,, nur halt wie die Ile der Re vor 40 Jahren- bedingt durch die wenigen Menschen dort. Wenn du mal willst , dann komm bei mir vorbei.. schauen wir uns mal Cabo Polonio an. Das ist ein Fischerdorf, in dem es heute noch teilweise kein Strom gibt. http://www.lateinamerika-reisemagazin.com/2011/04/11/cabo-polonio-in-uruguay-flippige-hostals-in-purer-wilder-natur/

  3. Hallo Martin, dein Hinweis hätte hier sehr gut gepasst: http://meerblog.de/lieblingsplatz-meer-von-doris-in-uruguay-am-cabo-polonio/, denn die Doris hat mir auch schon den Mund wässerig gemacht, was Uruguay angeht. 😉

  4. hatte ihr schon zuvor geschrieben, der Kommentar ist von mir :-),, ich wohne ca 250 Kilometer entfernt am Rio de la Plata.. hier genau auf der anderen Seite,, das ist ein kleiner Bach, bis zur Mündung sind es noch 500 m… http://www.youtube.com/watch?v=jpAxDKN39kU
    musst mal kommen

    • Ja, sieht echt super aus! Falls ich es irgendwann nach Uruguay schaffe, sage ich Bescheid! Mal schauen, welche Airlines dorthin fliegen…

  5. Zu Île de Ré gab es 517 Treffer auf deinem Blog, liebe Elke, aber nun bin ich an der richtigen Stelle gelandet! Wundervoller Bericht. MEER muss es eben sein. Plötzlich will ich auch Aussteiger werden (es reden ja alle davon…), aber erst mit 60 oder so, in meinem Traumhaus auf einer Klippe mit Blick auf die See. Das Haus darf auch gerne auf einer französischen Insel stehen, wenn es dort am Nachmittag reichlich Apfelkuchen und am Abend einen Teller voller Meeresfrüchte gibt! Sonnige Grüße, Jutta

    • Uups, so viele? Diese Suchfunktion scheint mir etwas zu großzügig zu arbeiten. 😉 Danke für die Info!!! Ich finde deine Aussteigerfantasien sehr apart, deine Familie ist davon bestimmt auch voll begeistert! Frankreich reizt mich auch sehr, aber auch erst für später, jetzt möchte ich erst mal weiter hoch nach Skandinavien und bearbeite meine Familie diesbezüglich. 🙂 Sonnige Grüße zurück von der Küste!

  6. Kleiner Nachtrag noch: Die Suche funktioniert wie Google, also mehrere Wörter in Anführungszeichen setzen – et voilà – du bist direkt bei der richtigen Insel. 😉

  7. Pingback: Étretat und Fécamp – Genuss an der Küste der Normandie

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