Die surreale La Graciosa

Vor zwei Jahren, es war Mitte Dezember, wollte ich einen Urlaub mit meinen Freunden verbringen, bevor wir mit dem Studium fertig waren und uns in alle Himmelsrichtungen zerstreuen würden. Also schaute ich nach, welche Flugziele günstig waren. Hin und zurück von Karlsruhe nach Arecife auf Lanzarote für 48 Euro? Meine Freunde waren überrascht.

Aber wo sollten wir hin? Wir wollten etwas Neues entdecken. Bei meiner darauffolgenden Recherche bin ich über La Graciosa gestolpert. La Graciosa, die Anmutige, so wurde die Insel 1402 vom normannischen Seefahrer Jean de Bethencourt getauft. Die mit knapp 30 km² kleinste bewohnte Insel der Kanaren liegt direkt nördlich von Lanzarote und ist bequem mit einer halbstündigen Fährfahrt von Orzola zu erreichen.

Ich zahlte 15 Euro fürs Returnticket, und die Fährfahrt an sich war das Geld schon Wert. Wir hatten einen Tag mit unruhiger See erwischt und tanzten quasi auf dem Wasser. Das Spritzwasser der gebrochenen Wellen flog uns um die Ohren. Wie auf einem Fahrgeschäft im Erlebnispark, nur dass es tatsächlich der Atlantik ist, die tiefblaue Fläche zwischen den beiden, aus schwarzem Vulkanstein bestehenden Inseln.

Schließlich legte die Fähre im kleinen Fischerhafen des etwa 600 Einwohner zählenden Dorfes Caleta del Sebo an. Alles ist sehr überschaubar, stellten wir schnell fest – bei einer Inselgröße von 3,5 mal 8,5 Kilometer. Es gibt neben Caleta del Sebo lediglich noch die kleine Siedlung Pedro Barba, die nur während der Hauptsaison bewohnt ist.

Die ganze Insel ist ein einziges Naturschutzgebiet, das ist nichts für Fans von perfekter Infrastruktur. Es gibt weder befestigte Straßen, noch Autos – außer einige Geländewagen der Gemeinde. In Caleta del Sebo haben wir einen Supermarkt gefunden, einige wenige Restaurants, Pensionen und einen 24/7 Geldautomaten.

Am westlichen Ende des Dorfes fanden wir den Campingplatz und ließen es langsam angehen. Einfach mal ausspannen nach dem ganzen Uni-Stress. Einfach in den Tag hineinleben.

Die Einwohner auf La Graciosa leben von Fischfang und Tourismus. Hinzu kommen Fährenladungen von Tagestouristen. Insbesondere bei den Canarios ist die Insel ein beliebter Ort für Tagesausflüge. Wir haben auch einige dieser liebenswerten deutschen Althippies getroffen, die ihren Winter dort verbringen.

Einer fragte als erstes, ob wir etwa mit dem Flugzeug angereist wären?! Wieviel CO₂ man dadurch freisetzen würde! Meine Reaktion: ein ehrlich-erschrockener Blick. Ich bat ihn, es mit genauen Zahlen in Relation zu setzen, damit ich das katastrophale Ausmaß meines Fehlverhaltens besser verstehen konnte. Die hatte er wohl nicht auf Lager.

Ich vergaß alles wieder, dort auf dem weißen Sand aus Muschelhäuschen, der von schwarzen Vulkansteinformationen umschlossen wird. Der Playa de las Conchas am anderen Ende der Insel gilt wohl als Geheimtipp unter Surfern. Jedenfalls waren neben uns auf dem Campingplatz einige Australier, die extra dafür auf die Insel gekommen waren.

La Graciosa hat etwas Surreales. Die tiefen, kräftigen Farben, dieser mikroskopisch kleine Fleck Zivilisation auf der ansonsten vereinsamten Insel, die Vulkankrater und die Badebucht mit ihren kräftigen, den Badenden über den Boden schleifenden Wellen.

Die Stimmung ist sehr familiär, und wir wurden sowohl von den Überwinternden als auch von den Einwohnern offenherzig empfangen. Wir sind auf Vulkane geklettert, waren baden, sind durch die Steinwüste marschiert und haben ständig die leckeren kanarischen Kartoffeln, die „papas arrugadas con mojo“ gegessen.

Am liebsten habe ich einfach am Strand oder am Hafencafé mit einem Buch gesessen, die Ruhe zu genossen oder den Anglern zugeschaut, die mit etwas Glück und Hilfe der Einheimischen mal einen Wolfsbarsch und andere Delikatessen gefangen haben. Ein bisschen verliebt waren wir schon in diesen Ort.

Mein Tipp: Den Campingplatz am besten vorher reservieren, und zwar auf der offiziellen Seite des Naturschutzgebietes. Besonders an Brückentagen ist die Insel nämlich ziemlich beliebt.

Niklas Ewert

ist vor zwei Jahren mit drei Freunden dem Bayreuther Winter entflohen und auf La Graciosa gelandet. Das war einer seiner schönsten Urlaube, insbesondere, weil er das Gefühl hatte, durch Zufall ein echtes Juwel gefunden zu haben. Jetzt lebt er in Berlin und arbeitet bei GoEuro, einer Reisesuchmaschine, die die Reiseplanung innerhalb Europas leichter macht.

Dieser Artikel wurde von GoEuro unterstützt.

  1. Vielen Dank für den tollen Reisebericht. Ich plane gerade meinen nächsten Urlaub und ich glaube das kommt in meine engere Auswahl :-). Viele Grüße

  2. Hallo Niklas,

    ich bin gerade über deinen Bericht gestolpert. Wir waren letztes Jahr Weihnachten 2 Wochen auf La Graciosa und können deine Eindrücke bestätigen. Wir werden nächstes Jahr auf jeden Fall wieder dort hin reisen. Dein Caleta de Sebo Foto ist wirklich gut gelungen.

    Grüße

    Christopher

  3. Hey! Danke für deinen Bericht, das hört sich wirklich total schön an. Ich werde das mal meinem Freund zeigen. Der ist nämlich leider so ein absoluter Tirolfan und will immer in die Berge und natürlich auch immer in das Stammhotel….auf die Dauer echt langweilig^^…und dein Bericht hört sich nunmal sehr gut an! ^^…also ganz liebe Grüße, Nora

  4. Hallo, Reiseberichte über La Graciosa sind ja eher selten im Internet zu finden, um so schöner dass ich diesen hier gefunden habe, sehr schön beschrieben!!! Gott sei Dank ist dieses schöne Fleckchen Erde immer noch ein Geheimtipp. viele grüße, markus

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