Im Haus des Dichters

Feine Wassertropfen benetzen meine Haut. Nieselregen, oder ist es die Gischt? Die Lippen schmecken nach Salz, am Horizont bringt die Sonne das Wasser zum Leuchten.

Gibt es Schweinswale im Lillebælt? Ich sehe nur Schaumkronen auf seinen Wellen. Die erste Etappe meines Roadtrips von Husum nach Langeland ist geschafft: zwischen den Inseln Als und Fünen zeigt sich die sogenannte Dänische Südsee.

Auf der Fähre
Auf der Fähre

Noch nicht einmal zwei Stunden habe ich bis zur Fähre gebraucht – inklusive Frühstück im liebreizenden Wanderup, wo das Leben auch nach acht noch in Ordnung ist. Mein Frühstückscafé im einzigen Supermarkt, jeder kennt jeden. Eine fröhliche Rentnertruppe mischt den Laden auf, es wird gelacht, und das so früh!

Die Grenze kommt kurz hinter Flensburg, fast übergangslos, wären da nicht die Schilder. So entspannt wie das Leben in Dänemark ist auch der Verkehr: Keine Raser, Tempo 130 maximal, nicht viel los. Ich bin viel zu früh in Fynshav, meine Fähre ist vorgebucht, was außerhalb der Saison kein Muss ist.

Endlich. Dänische Südsee bei Als.
So ist sie also, die Dänische Südsee.

Zu „Bane 4“ schickt mich die junge Frau am Check-in. Gegenüber gut sichtbar meine nächste Insel. Das erste Ziel meines Roadtrips ist Odense, Geburtsort des dänischen Schriftstellers Hans Christian Andersen. Ich fahre also weiter, noch eine gute halbe Stunde, nachdem die Fähre uns wieder ausgespuckt hat.

Mein Navi bringt mich ungefragt zum erstbesten Parkplatz in Odense, allein der Parkautomat macht Probleme. Vom Vorgänger erfahre ich, dass man mit Karte bezahlen muss, doch meine will er nicht. Nach einigem Hin und Her schluckt er notgedrungen eine 20-Kronen-Münze.

Der fliegende Koffer. Kunst nach Hans Christian Andersen
Der fliegende Koffer. Kunst nach Hans Christian Andersen

Dass Beharrlichkeit zum Erfolg führt, weiß ich von meinem Kolumnisten Janni. Siegesfreudig wedel‘ ich meinem Nachfolger mit dem frisch gedruckten Ticket zu, der auf Dänisch so etwas wie „war schwierig“ formuliert haben muss. Wir lachen komplizenhaft.

Mein erster Eindruck von der drittgrößten Stadt Dänemarks: viel Backstein, Fahrräder, Skulpturen im öffentlichem Raum. Und einiges los in den Cafés. In einem von ihnen esse ich zu Mittag, und zwar die Empfehlung der Kellnerin: In Erwartung eines Croque Monsieur kommt ein Teller voll mit einem Graubrot-Käse-Schinken-Turm, garniert von Salat.

Wo Dichter aufwuchsen.
Wo Dichter aufwuchsen.

Eine ganze Familie wird davon satt. Vermutlich. Eine sehr freie Interpretation der Ursprungsspeise. Ich frage nach dem Haus des Dichters, und die dritte Kellnerin weiß, wo’s langgeht. Ich mache einen Umweg, laufe durch die Gassen des Zentrums, lande dann vor dem Haus.

Doch es ist nicht das Andersen-Haus, sondern das seiner Kindheit. Auch ein Museum jedenfalls! Andersen in Odense nicht zu begegnen, ist eher schwierig. Zwar zog er schon mit 14 Jahren nach Kopenhagen, aber hier ist man sehr stolz auf ihn. Schließlich hatte ihn seine Kindheit zu Geschichten und Figuren inspiriert.

Wenn der Papa Schuhmacher ist.
Wenn der Papa Schuhmacher ist.

Die Wächterin des hübschen alten Hauses macht mich darauf aufmerksam, dass zu Zeiten des kleinen Hans Christian drei Familien in dem Haus auf engsten Raum gelebt haben. Sein Vater war Schuhmacher, die Mutter Waschfrau.

Hänschen spielte nicht gern mit den Jungs draußen, doch zu Hause ließ er seiner Fantasie freien Lauf. Sein Vater hatte ihm allerlei Spielzeug selbst gebastelt, das den Jungen inspirierte. Hans galt als verträumtes Kind. Später hauchte er in seinen Geschichten selbst einfachen Dingen wie einer Stopfnadel Leben ein.

Altes und neues Schuhwerk
Altes und neues Schuhwerk

Ich mache noch einen Sprung ins Museum, das leider nur noch zwanzig Minuten geöffnet ist – der schnellste Museumsbesuch aller Zeiten! Der Neubau mit der Ausstellung schließt an Andersens Geburtshaus an, damals in den Slums des Ortes gelegen. Zum Abschied kaufe ich mir eine Ausgabe mit ein paar Märchen von Andersen – vom Däumelinchen bis zum Tölpel-Hans.

Im „Schmetterling“ heißt es: „Leben ist nicht genug! Sonnenschein, Freiheit und ein kleines Blümchen muss man haben!“ Eben. Neben den Märchen schrieb Andersen auch Romane und Novellen, Gedichte und Biografisches.

Früher eng, heute hyggelig.
Früher eng, heute hyggelig.

In „Das Märchen meines Lebens“ meinte er: „Reisen ist Leben.“ Wenn dieser Mann nicht ein Reiseblogger geworden wäre! Und im Sinne des Dichters: happy travels!

Text und Fotos: Elke Weiler

Mit Dank an die Reederei Færgen, die diese Reise unterstützt hat.

Noch mehr lesen?

  1. Was für eine Innenausstattung… Mag ich

  2. Ja, und in so einem Museum steht auch rechts und links nicht so viel Kram wie zu Hause!

  3. Der Zinnsoldat, was für eine Geschichte…

  4. Die Nachtigall, Des Kaisers neue Kleider, die kleine Meerjungfrau! Ich muss sofort zum Bücherregal!

  5. wieder einmal ein sehr schöner Bericht, liebe Elke. Man Lust, wieder nach Dänemark zu fahren. Wir haben es dort genossen, die Kinder hatten ihren Spaß und alles war wirklich irgendwie lässiger.

  6. schön!! wie immer!!! Odense hatte ich bisher noch so gar nicht auf dem Zettel… aber die Schuhmacher Werkzeuge erinnern mich an meinen Opa! Der hatte noch Werkzeug meines Uropas aufbewahrt, das sah genauso aus wie auf Deinem Foto! …wo das ganze Zeug wohl hin ist?

  7. Den lille Pige med Svovlstikkerne – Das kleine Mädchen mit den Schwefelhölzern! So traurig, aber als Kind habe ich es geliebt!

  8. Zum Heulen traurig und schön….

  9. Pingback: Märchenzeit in Odense | Weltenbummler | S...

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