Insel mit Hut

Der Regen prasselt gegen die Autofenster, verschwommen sehe ich die Buchenallee, eine Zufahrt von Skovsgaard. Die Blätter färben sich von grün zu gelb zu braun vor dem aschgrauen Himmel.

Der Duft von Kastanien, Moos, Erde. Der würzige Duft des Herbstes überall.

Morgens habe ich ein Bio-Frühstück in meinem Bed & Breakfast in Emmerbølle genossen, in dieser ländlichen Ruhe, nur eine Viertelstunde zu Fuß vom Meer entfernt. Meine erste Nacht auf der Insel Langeland habe ich im ehemaligen Schuppen des Bauernhofs verbracht.

Raindrops keep falling....
Raindrops keep falling….

In einem Bett wohlgemerkt. Wie ein Lagerraum wirkt das Gebäude nur noch entfernt. Meine Gastgeber Lis und Jan kommen eigentlich aus dem Norden Seelands, haben sich aber in dieses Anwesen auf Langeland verguckt. Auch Skovsgaard hat sich verändert. Ein Herrensitz, der zuletzt von einer einzelnen Frau und 200 Katzen bewohnt wurde. Was aus der Frau geworden ist, weiß ich nicht.

Doch ich vermute, dass die Katzen heute in der Hauptstadt Langelands leben. Sie flanieren und posieren vor allem auf Rudkøbings schönster Straße: Ramsherred. Während Skovsgaard wieder in festen Händen ist, Dänemarks Naturschutzverein hat den Herrensitz mitsamt Ländereien in einen ökologischen Betrieb umgewandelt. Es gibt einen kleinen Biomarkt und ein Café, in dem ich zu Mittag gegessen habe. Biokost, versteht sich.

Nun sitze ich wieder im Auto, der Regen bildet Schlieren, und nachdem ich alle dänischen Radiosender durchgezappt habe, höre ich plötzlich eine deutsche Stimme. Die DLF-Moderatorin stellt das neue Album der in Paris lebenden Brasilianerin Flavia Coelho vor. Erzählt, dass sie sich dort anfangs mit Putzjobs über Wasser gehalten hat.

Ich bin durcheinander: Dänemark, Brasilien, Frankreich. Doch Flavia Coelho tut einfach gut bei Herbstwetter. Und dieses samtweiche Brasilianisch passt in die leicht gewellte Landschaft Langelands, die einen immer wieder überrascht. Jedenfalls hatte ich zuvor noch nie etwas über Huthügel gehört.

Der Künstler und die Kunst
Der Künstler und die Kunst

Der auf Langeland lebende Künstler Alfio Bonanno hat mir gesagt, dass die „hatbakker“ während der Eiszeit entstanden sind. Hügel wie Kuppeln, um die 690 an der Zahl. Geformt von Gletscherbewegungen, bestehend aus Sand und Kies.

Als wäre dieses Kunstwerk der Natur nicht genug, hat Bonnano auf Langeland das „Tranekær Internationale Center for Kunst og Natur“ TICKON ins Leben gerufen. Der Mann gilt als Pionier in der Naturkunst. Geboren auf Sizilien, aufgewachsen in Australien, lebt er seit den 70er Jahren auf Langeland.

Alfio Bonanno arbeitet nicht nur mit Ästen.
Alfio Bonanno arbeitet nicht nur mit Ästen.

Schuld daran ist – wie sollte es anders sein – eine Frau. Seine Frau, deren Familie von der Insel stammt. Nach einer zu bewegten Zeit in Rom Ende der 60er und Anfang der 70er Jahre, als Italien sich in der starken politischen Spaltung nach rechts und links verlor, war Bonanno heilfroh, im ruhigen Dänemark gelandet zu sein.

Er konnte wieder in sich gehen und sein Thema, die Beziehung Mensch und Umgebung, neu gestalten. „Alle Materialien im TICKON stammen aus der Gegend“, erklärt der international renommierte Künstler das Konzept im Park. Den Dialog mit der Natur und die Veränderungen mit der Zeit sind je nach Kunstwerk impliziert. Fast alles, was Rang und Namen in der Naturkunst hat, gibt sich im TICKON ein Stelldichein.

Wo sind die Hüte?
Wo sind die Hüte?

So fahre ich durch die Huthügel-Landschaft zwischen Skovsgaard und Tranekær, in dessen Schlosspark sich die Künstler inspiriert und verewigt haben. Weit und breit die einzige Besucherin an diesem düsteren und windigen Tag.

Fast ein bisschen unheimlich wirkt der Wald da. Verwunschen. Ich höre Geräusche, es knackt, plumpst, kracht im Wald. Selbst als der Himmel aufreißt, und die Sonne etwas Farbe ins Spiel bringt, fühle ich mich seltsam in diesem Wald.

Mit einem Mal verstehe ich die Schweden und vermute Trolle im Wald. Doch was ich finde, sind Schafe, echte Schafe, die sich malerisch rund um ein Kunstwerk niedergelassen haben – ausgerechnet um das korbartige Riesenhorn aus Ästen, aus dem dicke Steine zu rollen scheinen.

Was für ein Zufall. Es ist das Werk von Alfio Bonanno. Leider kriegen die Schafe das Muffensausen, als ich näher komme, und suchen das Weite. Dabei wirkte die Szenerie „Kunst mit Schafen“ auf wunderbare Weise surreal.

Und morgen mit Beleuchtung!
Und morgen mit Beleuchtung!

Nach der Kunst kommt der Strand, deswegen werde ich morgen schauen, was Langeland auf 140 Kilometern rundherum zu bieten hat. Wobei natürlich nur die Huthügel auf dieser Insel rund sind. Denn wie der Name schon andeutet, ist Langeland ein recht langes Land.

Text und Fotos: Elke Weiler

Mit Dank an die Reederei Færgen, die diese Reise unterstützt hat.

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