Blümchen in Reih und Glied

Natur mag ich am liebsten wild. Schon auf den Marschwiesen Nordfrieslands stören mich die Zäune, und ich mag die Rehe, die sie missachten. Doch Pflanzen auf dem Präsentierteller – das ist natürlich ein anderes Kaliber.

Was ist eine Internationale Gartenschau? Das Paradies für Hobbygärtner und Senioren? Nicht nur, denn nach jeder Ausstellung bleibt etwas für die Allgemeinheit zurück. Ein grüner Flecken im zubetonierten Stadtinnern. Der Hamburger „Planten un Bloomen“ gilt als gutes Beispiel dafür, wie ein Park über ehemaligen Wallanlagen mit jeder Gartenausstellung angewachsen ist.

Doch bereits vorher und auch nachher wurde gepflanzt und gestaltet, bis „Planten un Bloomen“ in der heutigen Form entstand. Die Sehnsucht nach der kleinen Oase war immer da und nahm mit der Industrialisierung nur zu.

Was aber, wenn sich die Natur auf eigene Faust industriell genutzte Flächen zurückgeholt hat, etwa einen ehemaligen Containerbahnhof? In einem Stadtteil, der vielen Hamburger mehr oder weniger als Problembezirk gilt, und den sie eher meiden. Wilhelmsburg.

Palmen im Problembezirk: die Gartenschau in Wilhelmsburg

Viele verbinden die Elbinsel mit der Sturmflut von 1962 und anderen Katastrophen. Ich denke an Fatih Akins Film „Soul Kitchen“ und habe jene Fabrikhalle in Erinnerung, die zum Restaurant wird. Es gibt „Soul Kitchen“ wirklich und heute funktioniert die Halle als Eventlocation im Viertel, einigen engagierten Leuten sei Dank.

Nun stehe ich mitten in Wilhelmsburg und frage mich, wo es ist. Denn um mich herum moderne Gebäude, und dem Neuen fehlt das Alte, also die Seele. Außerdem mangelt es an Grün, wie oft in Stadtgebieten, die neu erfunden werden. Zwar sind Bäumchen gepflanzt, wirken aber mickrig zwischen der auffällig gestalteten Architektur.

Und genau hier, in dieser neuen Mitte eines alten Stadtteils, der nun als größte bewohnte Flussinsel Europas gepriesen wird, genau hier läuft ein Zaun quer durch und sperrt die Ausstellungsstücke der Gartenbau-Industrie ein. Dahinter wollen die Macher der Internationalen Gartenschau 2013 „In 80 Gärten um die Welt“ führen.

Bambuswald mit Blick aufs Gartenhäuschen

Einen größeren Bezug zur Interkulturalität findet man draußen, außerhalb des Zauns, denn Wilhelmsburg gilt als Hamburgs buntester Teil. Nachfahren und Zugezogene aus mehr als 100 Ländern machen den Mix und prägen das Bild in den Straßen außerhalb der Gartenschau.

Ich beginne mit den Blümchen. Laufe über feste Wege, wo einst Brachland war – an einigen wenigen Stellen ist noch ein Rest von Wildheit zu erkennen. Durchgehend herrscht eine neue Ordnung, die Wege sind vorgegeben und daneben auch Spielplätze für Kinder und Sportfreaks eingerichtet.

Die Gartenschau-Macher wollen dieses Mal auch Familien ansprechen. Günstig ist das nicht, denn neben dem preislich gestaffelten Eintritt in die Gartenschau kosten zum Beispiel Kletterhalle, Schwimmbad und Hochseilgarten extra.

Mitglieder der Gruppe Stelzen-Art vom Bremer Samba-Karneval

Da der Winter lange anhielt, sind die Hauptakteure der Gartenschau spät dran. Zwar blüht es hier und da, vor allem aber sorgt die Gruppe „Stelzen-Art“ des Bremer Samba-Karnevals für bunte Farbtupfer und gute Stimmung bei Nieselregen.

Was war vorher auf der nun eingezäunten Fläche? Der Gartenkunst zuliebe mussten über 2000 Bäume ihr Leben lassen, einige Quellen sprechen von über 3000. Wieso wurden Kunst und Natur nicht optimaler miteinander kombiniert, fragen sich nicht nur viele Wilhelmsburger. Auch ich hätte das als ökologisch sinnvoll und zeitgemäß empfunden.

Nun stehe ich vor einem Bambuswald, der mich in asiatische Welten versetzen soll und frage mich, ob er den Winter überlebt. Oder wird er nach der igs überhaupt noch bleiben?

Natürlich war es wichtig, in das jahrzehntelang vernachlässigte Viertel zu investieren. Aber bis zum Ende der Gartenschau müssen die Wilhelmsburger nun Eintritt bezahlen, wo sie sich früher frei bewegen konnten. Wenn sie denn wollten.

Echte Schrebergärten neben Schaugärten.

Martina von Talk around the World hat in Wilhelmsburg gewohnt und beim Joggen viele Ecken der Flussinsel kennengelernt. Schöne und auch versiffte. Solche, die man abends eher meidet. Dazu gehörten Teile des jetztigen Gartenschau-Terrains.

Das Konzept für die Nachnutzung der Grünanlage, der zukünftige Wilhelmsburger Inselpark, sieht unter anderem eine Joggingstrecke vor. 6,5 Kilometer. Und abends mit Beleuchtung – darüber freut sich nicht nur Martina. Doch die Skepsis der Anwohner bleibt.

An der Gartenschau interessierte Wilhelmsburger sollen für die jahrelange Sperrung ihrer Grünflächen während des Aufbaus entschädigt werden: An drei Tagen wird jedem von ihnen freier Eintritt gewährt.

Während ich an den Pflanzungen vorbeilaufe, sehe ich etwas Ungewöhnliches auf dem Gelände. Ein Relikt: Schreberanlagen. Echte Gärten also innerhalb der Ausstellung? Die Hobbygärtner waren schon lange vor der igs da und konnten schlecht alle „umgesiedelt“ werden. Nun gärtnern sie fröhlich weiter – unter den Blicken der Besucher.

Wer sich einen Überblick verschaffen will, nimmt die Gartenschaubahn.

Ein Mann, der fegt, grüßt mich freundlich, als ich den Weg durch die Schrebergärten nehme. Obwohl das Wetter nicht gerade bombig ist, haben sich ganze Familien an ihrem ehemals privaten Rückzugsort zusammengefunden. Eltern spielen mit ihren Kindern, der Grill wird angeworfen.

Ein paar Schritte weiter bin ich wieder in der Welt der Gartenkunst angelangt, und über meinem Kopf fährt eine Bahn auf Stelzen, die noch quietscht. Damit kann sich der Interessierte einen Überblick über das gesamte Gelände verschaffen, doch auch das kostet extra.

Ich überlege, dass ich Malerei – lieber als im Museum – an einem speziellen Ort wie einer Kirche anschaue. Die Natur, die hier einst wucherte, wurde großflächig ihrer Intimität beraubt, und so ist die neue Schau zwar abwechlungs- und lehrreich angelegt, doch es fehlen die lauschigen Ecken. Die Oasen, die Rückzugsorte. Das Natürliche der Natur.

Ich werde im Sommer noch einmal wiederkommen. Die Staudenblüte sollte nämlich ganz toll werden, so Fernsehgärtner John Langley, das Gesicht der Gartenschau. Aber mich interessiert nicht nur die Entwicklung auf dem Gelände.

Wo sind die lauschigen Ecken?

Wilhelmsburg ist groß, 50.000 Menschen leben hier, verteilt auf Orte, die unterschiedlicher nicht sein könnten: das Reiherstiegviertel, das dörfliche Kirchdorf mit seiner Mühle, die Hafen- und Industrieanlagen, die ich unfreiwillig bereits erwandert habe, sowie auch große landwirtschaftlich genutzte Flächen.

Über einen virtuellen Spaziergang durch die Instagram-Strecke von „strndkrb“ habe ich das Viertel schon fast liebgewonnen. Auf jeden Fall werde ich beim nächsten Besuch eine Radtour zum Naturschutzgebiet Heuckenlock im Südosten Wilhelmsburgs machen, einem der letzten Tideauenwälder Europas. Denn ich liebe Natur, wenn sie wild ist.

Text und Fotos: Elke Weiler

Dieser Artikel ist Teil einer Reihe über die wundersame Elbinsel Wilhelmsburg. Da kommt noch mehr!

Mit Dank an Hamburg Tourismus für das Unterstützen dieser Reise.

  1. Vielen lieben Dank für die Erwähnung 🙂 Und ein sehr schöner Artikel, das macht Wilhelmsburg irgendwie gleich viel sympathischer. Ich mag diesen Stadtteil nicht so besonders, aber er hätte sooo viel „Potential“, landschaftlich gesehen. Und die igs muss ich mir dringend mal anschauen, auch wenn’s teuer ist. Ich warte aber noch auf Sommerwetter 🙂 LG Martina

    • Danke, liebe Martina! Im Sommer möchte ich auch noch mal hin, vielleicht schaffen wir das gemeinsam! LG, Elke

  2. Also ich mag Natur auch lieber wild. 2000 Bäume? Das ist doch mal wieder nicht zu fassen! Natur beseitigen um künstliche Natur zu schaffen? Kann ich nicht nachvollziehen.

    LG Maike

  3. Macht Lust mal vorbei zu schauen und durch die verschiedenen Kontinente zu reisen.
    LG sendet Dani

    • Aber bring‘ viel Zeit mit, liebe Dani, man kann schon locker einen Tag auf dem Gelände verbringen… LG, Elke

  4. Beeindruckende Bilder! Hier bei uns im Harz ist es auch eher wild. Die Landesforsten vereinigen nur den Wald, größtenteils wird jedoch das „Totholz“ liegen gelassen, damit sich dort weitere Organismen bilden und der Wald sich so „selbst reguliert“.

    Viele Grüße
    Chris

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