Kolumne © Elke Weiler

Published on August 7th, 2011 | by Julchen

1

Seemannsgarn

Auf der Schiffbrückstraße döste ich vor mich hin, als ein Schiffshorn drei Mal tutete.

Piraten? Die Rum-Lieferung? Wir waren nah am Hafen. Eigentlich wollte ich für diese diffizile Mission meinen Freund Buddy als Bodyguard engagieren.

Noch am Morgen hatte ich ihn getroffen. Doch da beschlich mich das ungute Gefühl, dass der Kerl Berufliches und Privates nicht so recht voneinander trennen konnte. Typisch Mann.

Also musste ich halt selber achtgeben – auf diesem sündigen Pflaster. Flensburg! Aber wo zum Heringsbraten war der Rum? Die verruchten Hafenkneipen?

Ich blickte nach links, nach rechts, geradeaus. Die Stadt wirkte wie ein frisch gebackener Sonntagskuchen. Überall roch es appetitlich. Nach Curry, Hühnchen, Sahne, Rumcreme.

Aber natürlich hatten Madame et Monsieur ihren ganz eigenen Kopf, was die Route und jedwede Zwischenstopps anging. Zunächst versackten wir in einem roten Innenhof. Zugegeben: ganz gemütlich.

Aber meine Currywurst kam nicht. Während sich meine beiden Hübschen wieder mal die Bäuche vollschlugen, wurde ich mit Knabberöhrchen abgespeist.

Was mir sofort auffiel: Die Flensburger neigten zur Hofkultur. Vermutlich, weil man in Höfen windgeschützt abhängen konnte. Kuschelig und intim.

Plätscherwasser im Hof: Julchens Aperitif

Ich entdeckte ein weiteres Hofhighlight mit japanischen Bäumen und Plätscherwasser, das in einem fort über einen Stein lief. Eine sehr aparte Art, unsereins einen Aperitif zu reichen!

Man schleckte und schleckte über den schönen, glatten Stein, während permanent frisches Nass nachfloss. Fast wie im Schlaraffenland. Und überall standen die Rumfässer in der Gegend herum. Leer! Ich stellte fest: Der Rumstadt musste der Stoff ausgegangen sein. Aber in welche Richtung?

Dafür herrschte nicht gerade Mangel an Yachten und Jollen im Hafen. Sollte ich die Initiative ergreifen und für uns etwas Passendes aussuchen?

Wie ich zuvor an einer verwirrend vielspurigen Straße gemerkt hatte, fuhren die meisten Flensburger eh mit der Blechhöhle durch die Gegend. Also würden sie gewiss eines dieser Boote entbehren können.

Wir könnten damit hinaus aufs Wasser fahren und nach dem echten Meer suchen. Denn Madame hatte mir erzählt, dass hier die Flensburger Förde endete, ein Seitenarm der Ostsee.

Himmelschafundmeer! Natürlich verstand ich nur Bahnhof. Was ich unten am Hafen unter die Lupe nahm, war eine Art schmaler, langgezogener See mit vielen Quallen drin.

Enten, Blesshühner und Schwäne tummelten sich am Ufer. Und alle verfügbaren Lutscher guckten intensiv aufs Wasser, als ob sie hierin einen tieferen Sinn finden würden. Aber ein Meer, das sich kaum bewegte, machte für meinen Geschmack wenig Sinn!

Die Förde? Lächerlich! Und wo war das Meer?

Gab es eine Möglichkeit, von diesem Wasser aus zu meinem Meer, dem Impertinenten, zu gelangen? Ich musste weiter nach den Piraten suchen. Gewiss hatten sie den Rum versteckt, nach alter Freibeutermanier. Und wenn sich einer mit den Meeren auskannte, dann sie.

Da! Die Störtebecker! Mit klopfendem Herzen legte ich mich in Lauerstellung und observierte die Lage. Was für ein schicker Dreimaster! Tiefenentspannte Lutscher tranken auf der Barkentine Kaffee und Bier. Alles Tarnung, vermutlich.

Aber so leicht konnte man mich nicht bluffen. Madame et Monsieur spazierten arglos weiter und behinderten so meine Ermittlungen.

“Der Hund kann ja gar nichts sehen!”, rief ein kleiner Junge. Alles! Ich sah, hörte und roch alles! Nur dieses Kind brauchte wohl eine Brille. Wenigstens seine Mutter hatte den vollen Durchblick und bemerkte sofort, dass ich doch beim Friseur gewesen war.

Als wenn ich mich ungestylt in eine Metropole wie Flensburg begeben würde! Plötzlich entfernte sich Madame ohne Absprache, was mich mal wieder zur Weißglut brachte. Wenn die Piraten sie nun kidnappen würden?

Nur durch eine großzügige Dosis der neuen Thunfischkekse von Nordstrand konnte ich mich ein bisschen beruhigen. Warum musste Madame auch Schaufenstershopping machen? Lieber sollte sie mir ein Burrito kaufen, ein Döner, Softeis oder Hotdog, als skandinavische Wolldecken mit Elchen anzugucken.

Alles schön und gut. Doch wo bleibt meine Currywurst?

Es war schließlich immer noch Sommer. Auch im August. Und für den Winter hatte sie doch mich!

Text: Julchen (nach Diktat den Zimmerservice bestellt)
Fotos: Elke Weiler

Dieses Travelmagazin ist kostenlos, wird jedoch mit Liebe, Knowhow und Aufwand produziert. Wenn euch unsere Arbeit gefällt, freuen wir uns. Damit wir sie fortsetzen können, sind wir auf Werbeeinnahmen und Spenden angewiesen.





Tags: , , , , , , , , ,


About the Author

gilt als pfiffiger Bearded Collie mit leichtem Hang zum Drama. Sie liebt weite Sandstrände und professionelle Buddelarbeiten. Obgleich mit Emil verlobt, einem Schapendoes aus Nordfriesland, ist es zur Zeit eher kompliziert. Dafür ist Julchen die Karriereleiter hinaufgeklettert und nennt sich nun Ressortleiterin Kolumne.



One Response to Seemannsgarn

  1. Pingback: MEERBLOG | das Travelmagazin

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

*

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>

Back to Top ↑
  • Willkommen bei MeerBlog!

    Magst du das Meer? Wir auch. Egal, ob im Süden oder Norden, Osten oder Westen. Meer bedeutet Sehnsucht. Nach dem Horizont, dem Neuen, der Entdeckung. VERREISEN. Wir fahren überall hin, in die Ferne oder um die Ecke: Meerblog ist ein Travelmagazin und Reiseblog, das seine Stories nach Meeren sortiert. Für alle, die Stadt, Land und See lieben. Festland und Inseln. Fremde Kulturen und Sprachen. Die Schönheit vor der eigenen Haustür. Und überall das Leben.

  • Copyright

    Creative Commons Lizenzvertrag
    Diese(s) Werk bzw. Inhalt von Elke Weiler steht unter einer Creative Commons Namensnennung-Nicht-kommerziell 3.0 Unported Lizenz.
    Über diese Lizenz hinausgehende Erlaubnisse können Sie unter http://meerblog.de erhalten

  • Ebuzzing - Top Blog - Reisen

  • WERBUNG



  • DE Generic 7

  • Für MeerBlog spenden?

    Dieses Travelmagazin ist kostenlos, wird jedoch mit Liebe, Knowhow und Aufwand produziert. Wenn euch unsere Arbeit gefällt, freuen wir uns.
    Damit wir sie fortsetzen können, sind wir auf Werbeeinnahmen und Schwarmfinanzierung – sprich Spenden – angewiesen.





  • Gerade passiert…

     
  • MeerBlog ist dabei!

    Plattform deutschsprachiger Reiseblogger
  • Meerblogs Galerie

    Meerblogs Galerie
  • Wir arbeiten gemäß

    Reiseblogger-Kodex