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Seemannsgarn

© Elke Weiler

Auf der Schiffbrückstraße döste ich vor mich hin, als ein Schiffshorn drei Mal tutete.

Piraten? Die Rum-Lieferung? Wir waren nah am Hafen. Eigentlich wollte ich für diese diffizile Mission meinen Freund Buddy als Bodyguard engagieren.

Noch am Morgen hatte ich ihn getroffen. Doch da beschlich mich das ungute Gefühl, dass der Kerl Berufliches und Privates nicht so recht voneinander trennen konnte. Typisch Mann.

Also musste ich halt selber achtgeben – auf diesem sündigen Pflaster. Flensburg! Aber wo zum Heringsbraten war der Rum? Die verruchten Hafenkneipen?

Ich blickte nach links, nach rechts, geradeaus. Die Stadt wirkte wie ein frisch gebackener Sonntagskuchen. Überall roch es appetitlich. Nach Curry, Hühnchen, Sahne, Rumcreme.

Aber natürlich hatten Madame et Monsieur ihren ganz eigenen Kopf, was die Route und jedwede Zwischenstopps anging. Zunächst versackten wir in einem roten Innenhof. Zugegeben: ganz gemütlich.

Aber meine Currywurst kam nicht. Während sich meine beiden Hübschen wieder mal die Bäuche vollschlugen, wurde ich mit Knabberöhrchen abgespeist.

Was mir sofort auffiel: Die Flensburger neigten zur Hofkultur. Vermutlich, weil man in Höfen windgeschützt abhängen konnte. Kuschelig und intim.

Plätscherwasser im Hof: Julchens Aperitif

Ich entdeckte ein weiteres Hofhighlight mit japanischen Bäumen und Plätscherwasser, das in einem fort über einen Stein lief. Eine sehr aparte Art, unsereins einen Aperitif zu reichen!

Man schleckte und schleckte über den schönen, glatten Stein, während permanent frisches Nass nachfloss. Fast wie im Schlaraffenland. Und überall standen die Rumfässer in der Gegend herum. Leer! Ich stellte fest: Der Rumstadt musste der Stoff ausgegangen sein. Aber in welche Richtung?

Dafür herrschte nicht gerade Mangel an Yachten und Jollen im Hafen. Sollte ich die Initiative ergreifen und für uns etwas Passendes aussuchen?

Wie ich zuvor an einer verwirrend vielspurigen Straße gemerkt hatte, fuhren die meisten Flensburger eh mit der Blechhöhle durch die Gegend. Also würden sie gewiss eines dieser Boote entbehren können.

Wir könnten damit hinaus aufs Wasser fahren und nach dem echten Meer suchen. Denn Madame hatte mir erzählt, dass hier die Flensburger Förde endete, ein Seitenarm der Ostsee.

Himmelschafundmeer! Natürlich verstand ich nur Bahnhof. Was ich unten am Hafen unter die Lupe nahm, war eine Art schmaler, langgezogener See mit vielen Quallen drin.

Enten, Blesshühner und Schwäne tummelten sich am Ufer. Und alle verfügbaren Lutscher guckten intensiv aufs Wasser, als ob sie hierin einen tieferen Sinn finden würden. Aber ein Meer, das sich kaum bewegte, machte für meinen Geschmack wenig Sinn!

Die Förde? Lächerlich! Und wo war das Meer?

Gab es eine Möglichkeit, von diesem Wasser aus zu meinem Meer, dem Impertinenten, zu gelangen? Ich musste weiter nach den Piraten suchen. Gewiss hatten sie den Rum versteckt, nach alter Freibeutermanier. Und wenn sich einer mit den Meeren auskannte, dann sie.

Da! Die Störtebecker! Mit klopfendem Herzen legte ich mich in Lauerstellung und observierte die Lage. Was für ein schicker Dreimaster! Tiefenentspannte Lutscher tranken auf der Barkentine Kaffee und Bier. Alles Tarnung, vermutlich.

Aber so leicht konnte man mich nicht bluffen. Madame et Monsieur spazierten arglos weiter und behinderten so meine Ermittlungen.

“Der Hund kann ja gar nichts sehen!”, rief ein kleiner Junge. Alles! Ich sah, hörte und roch alles! Nur dieses Kind brauchte wohl eine Brille. Wenigstens seine Mutter hatte den vollen Durchblick und bemerkte sofort, dass ich doch beim Friseur gewesen war.

Als wenn ich mich ungestylt in eine Metropole wie Flensburg begeben würde! Plötzlich entfernte sich Madame ohne Absprache, was mich mal wieder zur Weißglut brachte. Wenn die Piraten sie nun kidnappen würden?

Nur durch eine großzügige Dosis der neuen Thunfischkekse von Nordstrand konnte ich mich ein bisschen beruhigen. Warum musste Madame auch Schaufenstershopping machen? Lieber sollte sie mir ein Burrito kaufen, ein Döner, Softeis oder Hotdog, als skandinavische Wolldecken mit Elchen anzugucken.

Alles schön und gut. Doch wo bleibt meine Currywurst?

Es war schließlich immer noch Sommer. Auch im August. Und für den Winter hatte sie doch mich!

Text: Julchen (nach Diktat den Zimmerservice bestellt)
Fotos: Elke Weiler

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Sie gilt als pfiffiger Hund mit leichtem Hang zum Drama. Julchen liebt weite Sandstrände und professionelle Buddelarbeiten. Einst mit Emil verlobt, einem Schapendoes aus Nordfriesland, ist Julchen zur Zeit wieder ungebunden. Dafür hat sie genug Muße, mit Hochdruck an ihrem zweiten Buch zu arbeiten – natürlich neben dem Job als Ressortleiterin Kolumne bei Meerblog.

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