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Pellwormer Tango

@ Elke Weiler

Wer glaubt schon an Zufälle? Auf meiner ersten Reise übers Meer lernte ich ausgerechnet einen Seemann kennen.

Popeye (sprich: pop’eje). Der drei Jahre junge Beau hatte beeindruckende Ohren – bis fast auf den Boden. Sein Fell glänzte seidig-schwarz, und ich war verzaubert von der Perfektion seiner Ringellocken, die links und rechts Richtung Oberdeck drehten.

Als er mich aus haselnussbraunen Augen anschaute, war es um mich geschehen. Was für ein grandioses Debüt, diese erste Schiffstour meines Lebens!

Musik erklang in unseren Herzen, und Popeye zögerte keine Sekunde: Er lud mich zu einem Tango ein. Mitten auf dem Deck der Fähre nach Pellworm. Alle Blicke richteten sich auf uns, doch was kümmerten mich die sensationshungrigen Ferienlutscher?

Ich hatte nur noch Augen für meinen zärtlichen Herzensbrecher. Dabei hatte seine Madame gleich von Anfang an gesagt: “Er ist ein Casanova!” Werbung oder Warnung? Zu spät, er hatte mich im Sturm erobert. Ich verrate es euch: Keiner konnte küssen wie er!

Julchen im Glück: Tango auf einer Fähre

Die Pellwormer Fähre katapultierte uns geradewegs auf Wolke Sieben. Was will man mehr von einem Schiff? Es war Schicksal: Popeye blieb für den Rest der Überfahrt an meiner Seite.

In Windeseile lernten wir uns kennen. Mein Ritter – eigentlich glich er D’Artagnan von den Musketieren – war zweisprachig aufgewachsen, da seine Familie zur Hälfte aus Chile stammte.

War das aufregend! Vielleicht nahmen sie mich mal mit? Nach Lüneburg? Südamerika? Natürlich versuchte ich mich gut zu stehen mit meinem neuen Schwiegerrudel.

Auch sie schienen in mir die ideale Schwiegerhündin zu sehen, denn sie luden mich zu einer Runde Knuddeln inklusive Leckerli ein.

Leider trennten sich unsere Wege auf Pellworm, dieser lieblichen Schafsinsel, deren einziger Zugang aus einer Flirtfähre bestand. War das Eiland ein Liebesnest? Pellworm würde für mich auf ewig mit einem Namen verbunden bleiben: Popeye.

Julchen und Popeye: Liebe auf den ersten Blick

Um mich herum zwitscherten die Vögelchen heller und melodischer denn je, die Luft war von süßem Maisduft erfüllt. Meine Schwester, die hauptberufliche Kolbenknackerin, hätte hier alle Pfoten voll zu tun.

Auch die Pellwormer Schafe waren besonders, anders als die Hallig- oder Festlandschafe schienen sie in permanenter Peace-Stimmung zu sein und grasten selbstzufrieden auf den Deichen. Mitunter konnten wir uns alle ein Beispiel an ihnen nehmen.

Einfach so in Harmonie zu leben, während bizarre Wolken über unsere Köpfe hinwegzogen. Das Leben war schön. So schön. Das Leben war Popeye.

Nur zwei Dinge erschienen mir auf dieser Insel der Ruhe suboptimal: die Rikschas und Straßen. Zwar versuchte Monsieur uns sicher durch die Kraterlandschaft zu manövrieren, doch das eine oder andere heimtückische Loch erwischte uns dennoch.

“Guck mal, der Hund!” Unzählige Schulklässler wurden in jener misslichen Lage auf mich aufmerksam. Statt sich wie üblich an meinem süßen, putzigen, knuddeligen Äußeren zu erfreuen, lachten die Kinder auf Pellworm nur!

Putzig? Süß? Warum lachen die Kinder dann nur?

Über diesen scharfen Kontrast? Softer Plüsch unter kaltem Gitter. In einem Käfig durch die Gegend gegondelt zu werden, war wahrlich kein Zuckerschlecken. Alle Versuche den Passanten klar zu machen, dass ich in die bösen Klauen eines Hundefängers geraten war, verliefen im Sand. Sah Monsieur etwa so harmlos aus?

Wenigstens profitierte ich von dem 360°-Panorama der Pellwormer Rikscha und hatte visuell alles im Griff. Am liebsten war mir, wenn Madame in geringem Abstand hinter uns strampelte.

Doch gemäß ihrer begeisterungsfähigen Art hielt sie dauernd an, um ihre Kamera zu zücken oder überflüssigerweise mit Kühen zu kommunizieren. Ein Interview? Himmelschafundmeer, was sollten glotzende Rindviecher denn antworten!

Aufgrund der ständigen Sprints zum Einholen des Leittrupps ließen ihre Kräfte mit jedem Kilometer sichtbar nach. Ich musste wirklich aufpassen, dass Miss Pulitzer nicht noch vom Drahtesel fiel.

In paradiesischem Saftgrün dehnte sich der Hundestrand am Leuchturm vor uns aus. Bunte Strandkörbe umzingelten eine Bank, auf der Madame endgültig ob der erhöhten körperlichen Aktivität zusammenbrach.

Wo blieben die Kollegen nur?

Ich dagegen fühlte mich topfit: Wo blieben die Kollegen? Nach und nach erschienen sie auf der Bildfläche, Vierbeiner in jeder Farbe, Höhe und Fellformation. Doch nicht einer konnte Popeye das Wasser reichen, nicht mal ansatzweise.

Wenn mein Latin Lover doch noch vorbeikäme! Mir war zu Plüschohren gekommen, dass auf dem hiesigen Leuchtturm auch Trauungen vollzogen wurden. Es bot sich an, auf der schnuckligen Schafsinsel flittern.

Aber weit und breit keine Spur von wirbelnden Latino-Locken. Musste ich von Pellworm direkt nach Chile einschiffen? Vermisste er mich auch?

Warum hatte er mir nicht wenigstens ein Kind gemacht?

Text: Julchen (nach Diktat für einen Spanischkurs eingeschrieben)

Fotos: Elke Weiler

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Sie gilt als pfiffiger Hund mit leichtem Hang zum Drama. Julchen liebt weite Sandstrände und professionelle Buddelarbeiten. Einst mit Emil verlobt, einem Schapendoes aus Nordfriesland, ist Julchen zur Zeit wieder ungebunden. Dafür hat sie genug Muße, mit Hochdruck an ihrem zweiten Buch zu arbeiten – natürlich neben dem Job als Ressortleiterin Kolumne bei Meerblog.

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