Eis am Kanal

Marianne schwenkt ihr Paddel versiert von links nach rechts, rechts nach links. Ich sitze vorne im Kanu, das eigentlich ein Kajak ist, und unterbreche meinen Paddelrhythmus gelegentlich für ein Foto. Manchmal reden wir, manchmal schweigen wir. Beides ist immer genau richtig.

Das Schweigen ist perfekt, um den Sound der Stadt vom Kanal aus zu erleben. Das Schmatzen des Wassers, Flügelschlagen, fernes Glockengeläut, das Tuckern eines Bootes, das uns entgegenkommt. Doch viel Verkehr herrscht an diesem Septembertag nicht. Das Reden tut gut, um die immerwährende Neugier ein bisschen zu befriedigen.

Auch über Marianne Edixhoven, eine Den Haager Persönlichkeit. Die Anthropologin hat in West-Afrika gelebt und gewirkt, im Senegal, in Ghana und Mali. Mit den Kanus fing sie mehr aus persönlichen Interesse an, irgendwann, als sie wieder zurück in den Niederlanden war. Ihr Mann und sie erleben die Stadt einfach gerne aus dieser Perspektive.

Soziologie der Brücken

Das wirkte schnell ansteckend. Also verlieh Marianne ihre ersten Kanus an Freunde und Bekannte, bevor sie sich dazu entschied, das Ganze offiziell zu betreiben und Kanu-Touren auf ihre eigene Art anzubieten. Wir haben uns am Groenewegje im Zentrum gegenüber der Hausnummer 144 getroffen, wo der wunderschöne Kahn „de Hagenaar St. Rafaël“ ankert.

Ein Cargoschiff aus dem Jahr 1906, das eigens für Kanäle und Flüsse gebaut wurde und sogar segeln kann. Heute gehört es Marianne und ihrem Mann, gleich daneben schaukeln die Kajaks im Wasser. Wir wählen die Tour durch die Altstadt von Den Haag – etwa sechseinhalb Kilometer, die in anderthalb bis zwei Stunden zu schaffen sind, je nach Wind, Konstitution und Erfahrung. Je nachdem, ob man allein oder zu zweit im Bötchen sitzt, zwischendurch fotografiert, plaudert oder die Möglichkeiten ausschöpft, die das Leben am Kanal bietet.

Brücke in Den Haag
Brückenschönheit

Wo verbinden welche Brücken welche Stadtteile? Und warum ausgerechnet diese? Diese Fragen stellt sich Marianne oft, wenn sie durch Den Haag paddelt. Denn eine Brücke kann für einen Ort von großer Bedeutung sein, das werden sich die Stadtväter der unterschiedlichen Epochen genau überlegt haben. So wurden manche Stellen bevorzugt, andere erst später erschlossen, wieder andere vernachlässigt.

Wasser ist neutral

Die Brücken haben noch einen ganz anderen Effekt als den verbindenden. Von unten betrachtet jedenfalls. „Warst du schon mal in New York City?“, fragt Marianne einleitend. Ich nicke. New York, ja, das ist schon eine Weile her. Marianne erzählt von der U-Bahn, die einen jedes Mal an einer anderen Stelle ausspuckt. Jedes Mal eine Überraschung, nirgendwo sei die Stadt gleich.

„Das ist wie hier, wenn du unter einer Brücke hervorkommst und jedes Mal ein neues Bild vor dir hast.“ Mal reicher, mal ärmer, mal bunter, mal grüner, mal gepflegter, mal abgerissener, mal neuer, mal älter. Für diese Unterschiede hat Marianne natürlich ein besseres Auge als ich, kennt sie doch die angrenzenden Viertel mit ihrer sozialen Struktur.

Ich kann zwar das Alter der Gebäude unterscheiden, die die Kanäle flankieren. Insgesamt wirkt Den Haag aber so gepflegt, dass die sozialen Unterschiede wie feine Nuancen wirken. „Das Wasser hier unten ist neutral“, setzt Marianne philosophierend an. Es fließt und fließt und fließt. Rechts und links des Kanals leben die Menschen diverser sozialer Schichten.

Ein verbindendes Gartenprojekt

So kommen Marianne auf dem Wasser nicht selten verbindende Ideen, sie will etwa die Schüler zwei unterschiedlicher Schulen in der Mitte zusammenbringen, hier auf dem Kanal, vielleicht für ein gemeinsames Spiel, einen Wettkampf oder eine Schnitzeljagd. Ein ähnliches Ziel verfolgt sie mit ihren Mitstreitern bereits im „Lusthof XL“, einem Urban Gardening Projekt unweit unseres Startpunkts. Es liegt am Rande eines sozial schwachen Viertels, und im gemeinsamen Gärtnern findet man zueinander.

Gemeinsam gärtnern im Lusthof XL
Im Lusthof XL

Das Wasser spricht. Ein Blesshuhn gibt ein so lautes Geräusch von sich, dass es mich an ein hupendes Mofa erinnert. Ein Schwan fliegt mit schwerem Flügelschlag über unsere Köpfe hinweg und benutzt kurz die Lufttoilette. „Glück gehabt!“, konstatiert Marianne, das ging knapp neben uns ins Wasser.

Eis-Stopp auf der Veenkade
Ein Eis mit Marianne

Boxenstopp an der Veenkade. Wir halten uns am Ponton der Gelateria Riva fest, und ich ziehe mit kindlicher Freude an der Glocke. Schon wenige Sekunden später erscheint eine Kellnerin über uns und fragt: „Was wollt ihr haben? Eis, Kaffee…?“ Genialer Service für „Seeleute“! Wir nehmen Eis und legen eine Paddelpause ein.

Erfrischt setzen wir die etwas andere Kanurunde durch Den Haag fort, unterqueren Brücken jeglicher Art und schummerige Tunnel, die teilweise mit seitlichen Räumen ausgestattet sind, ehemalige Lager. „Dort möchte ich mal hineinklettern“, vertraut Marianne mir an, den letzten Geheimnisse der Stadt auf der Spur.

Lichtspiele
Lichtspiele

Sie erzählt mir auch von den Problemen hinter der schönen Fassade, hinter der Idylle dieses Septembertages: Kanalmauern, die stabilisiert werden müssen, Wasser, das den Anwohnern in die Keller steigt. Durch Marianne begreife ich so viel mehr von dieser Stadt.

Manchmal wird das Rauschen der City stärker, dann ist es wieder ganz still auf dem Wasser, und nur das Schlagen der Paddel gibt der Zeit den Rhythmus. Das sind die schönsten Momente.

Text, Fotos & Video: Elke Weiler

Mit Dank an Den Haag Marketing und an das Niederländische Büro für Tourismus & Convention, die meine Reise unterstützt haben.
Der Kanu-Verleih von Marianne und ihrem Mann ist von April bis Oktober geöffnet. Weitere Infos findet ihr auf der Website.

  1. Das hört sich spannend an. Muss ich unbedingt mal machen, nächstes Jahr bei angenehmeren Temperaturen 🙂
    LG Simone

  2. Ein sehr gut geschriebener Post. Das muss ich auch mal machen. Ich wohne ja quasi um die Ecke.

    • Danke, liebe Barbara! Dann wünsche ich dir viel Spaß! Leider gibt es im Winter keine Touren, aber im nächsten Frühjahr wieder.

  3. Sehr netter Artikel! Da hat man gleich Lust, dass es wieder Frühling wird. 🙂

  4. Axel Borg

    Toller Post, da bekomme ich gleich lust mir Den Haag auch mal anzuschauen. Werd aber lieber erstmal warten bis es wieder etwas wärmer ist und ich die Stadt auf eigene faust erkunden kann.

    Gruß Axel

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