Gløgg für alle

Eine Winterreise. Und plötzlich stehst du mitten in Kopenhagen und weißt nicht, ob du wieder nach Hause kommst. Draußen weht ein kräftiger Wind ohne Unterlass feinen Schnee über die Stadt. Je länger ich warte, desto weißer wird es.

Im Taxi, auf dem Weg zum Bahnhof, läuft „Driving home for christmas“, und ich sehe sehnsuchtsvoll aus dem Fenster. Deswegen bin ich eigentlich in Kopenhagen, um die Atmosphäre in der Vorweihnachtszeit aufzuspüren. Und der Schneesturm rundet das Bild ab.

Als ich am Freitag ankam, lag nur ein Hauch von Weiß über Kopenhagen. Straßen, Fahrradwege und Bürgersteige schön frei. Es dämmerte schon, wenn man im Lichtermeer einer Großstadt überhaupt von Dunkelheit sprechen kann. Zu toppen ist das Glitzern eigentlich nur im Tivoli. Und da soll es ja vor Weihnachten besonders nett sein.

Da muss ich hin.
Da muss ich hin.

Von Ørestad, dem neuen Stadtviertel auf der Insel Amager, bin ich mit der Metro in ein paar Minuten in der Innenstadt. Die Insel liegt zwischen der Stadt und dem Øresund, den ich von meinem Zimmer im 17. Stock sehen kann.

Am Anfang war die Infrastruktur. Im futuristischen Viertel Ørestad wirken die Häuser computergestylt und eckig. Ein Stadtteil nach dem New Town-Prinzip und Spielwiese namhafter Architektenbüros – quasi um die Metrolinie herum gebaut.

Die M1 geht über eine Trasse durch die Vorstadt, wir entschweben dieser Zukunftsvision und werden geerdet: In der City schluckt ein Tunnelsystem die fahrerlose U-Bahn. In meiner Nähe sitzt eine spanische Familie direkt vor dem hinteren Panoramafenster. Und der jüngste Sproß wartet hörbar auf den Eintritt in die Unterwelt.

Fahrerlos durch Ørestad
Fahrerlos durch Ørestad

Dann landen wir in der Röhre, so sauber und erleuchtet, wie man nur selten einen Tunnel sieht. Aber immerhin betongrau. Die große Schwester platziert sich vorm Fenster und schaut auf die Kleine, die sich sofort beschwert: „So kann ich die Stadt nicht sehen!“ Wie attraktiv ein halbrundes Nichts doch sein kann.

Ich wechsle für eine Station in die S-Bahn und steige bei Vesterport aus, von hier aus sind es fünf bis zehn Minuten zu Fuß bis zum Vergnügungspark. Auf der Brücke vor dem Hauptbahnhof stimmt ein Saxophonist die Passanten mit „Jingle Bells“ ein.

Wie viele Lichter leuchten im Tivoli?

Zwischen Sechs und Acht am Freitagabend strömen die Besucher in Scharen über das Gelände, das Kirmes und Weihnachtsmarkt in sich vereint. Eine visuelle Reizüberflutung, irgendwo zwischen Nostalgie, Kitsch und dänischer Gemütlichkeit.

Nice Kitsch, good Kitsch
Nice Kitsch!

Hyggelig kommt mir wieder in den Sinn, dieses spezielle Wort für eine nette Atmosphäre, in der man sich geborgen fühlt. So ist es auch im Tivoli. Trotz der Schreie, die von der Achterbahn oder vom Fallturm kommen. Fahrgeschäfte für Groß und Klein neben Restaurants, Theatern und den vielen Buden. Licht- und Wasserspiele zur dramatischsten Stelle von Schwanensee.

Das alles wirkt anheimelnd, der Kitsch niedlich und die Lichter so kindlich bunt. Eingetaucht in ein Meer von Gerüchen. Das Parfüm der Menschen, der Duft von Nadelbäumen, Waffeln, Gløgg, gebratenem Fleisch, Spritzgebäck, Schokolade. Und mittendrin der strenge Mief im Gehege mit echten Rentieren.

Rührend sind die Oldtimer auf Schienen für Youngsters, die mich an das Kirmesgefühl meiner Kindheit erinnern. Überhaupt: Welcher Zwerg würde nicht glücklich im Wunderland Tivoli? Bei der Begegnung mit Weihnachtswichteln oder mit dem Julemand. Der dänische Weihnachtsmann läuft mir gerade nicht über den Weg, aber vielleicht ist es zu früh im Dezember oder zu spät am Tag.

Souvenirs, Souvenirs...
Souvenirs, Souvenirs…

Dafür lockt mich eine Weihnachtsbude mit kulinarischer Mission an. Roggenteigbrötchen frisch aus dem Ofen, das in Streifen geschnittene Hühnchenfleisch saftig, gut gewürzt und mit Salat aufgepeppt. Dazu ein guter Gløgg – und fertig ist der perfekte Advent-Abendschmaus.

Am nächsten Tag fahre ich zum Kongens Nytorv und erlebe eine Enttäuschung. Denn die einzige innerstädtische Eisfläche muss dieses Jahr dem Erweiterungsbau der Metro weichen. Das frühe Aus für meine Karriere als Eisläuferin. Also schlendere ich über den Weihnachtsmarkt am Nyhavn, mache einen Abstecher zum Schwarzen Diamanten und genieße den Blick über die Hafengewässer.

Nyhavn im Winter
Nyhavn im Winter

Im Café des multifunktionalen Kulturhauses ist – im Gegensatz zum Sommer – nicht viel los. Ich laufe zurück zur Herzchen gekrönten Strøget und mache eine Entdeckung, die nicht besser zur kalten Jahreszeit passen könnte.

Das Hotel Chocolat! Alles andere als eine Unterkunft. Bing Crosby singt gerade von „White Christmas“, doch es geht hier mehr um die dunkle Seiten der Verführung. Kakaobohnen. Schokolade. Was liegt also näher, als sich zum Lunch nieder zu lassen?

Lunch mit Schokolade
Lunch mit Schokolade

In der Mitte des Raumes das operative Zentrum des „Hotels“: In der offenen Küche werden Kakaobohnen geröstet und zu Schokolade verarbeitet. Neben mir ein italienisches Pärchen älteren Semesters, das Kaffee trinkt. Ich bestelle „The Fisherman“, ein Gericht mit Lachs, Hering und Makrelen-Ganache, Salat, Kakao-Pesto und Meerrettich mit weißer Schokolade als I-Tüpfelchen.

Und als Dessert? Haha! Das staunen meine Tischnachbarn: Trinkschokolade mit Schokosahnehaube. Eine Köstlichkeit! Und ein absolutes Muss in diesem Laden. Währenddessen läuft die Crosby-CD rauf und runter. Mit dem ganzen Theobromin in den Adern stürze ich mich auf Shopping und Kultur rund um die Strøget.

Ein Wasserfall – mitten in Kopenhagen. Ich sitze ganz unten, im Dunkeln und das Tosen und Rauschen umgibt mich mit einer Wucht, die ich hier niemals vermutet hätte. Durch einen Zufall bin ich in der Nicolajkirche gelandet. Draußen stand: „Ich bin keine Kirche“, was mich wundert, denn das Bauwerk aus dem 13. Jahrhundert sieht schon so aus als ob.

Rund um die Strøget
Rund um die Strøget

In der Tat hatte die drittälteste Kirche Kopenhagens nach einem Brand im 19. Jahrhunderts diverse Funktionen als Feuerwehrgebäude, Schiffsmuseum und Bibliothek übernommen. Nun zeigt sie in Wechselausstellungen innovative Kunst.

Wie die Installation „I am the river“ von Eva Koch. Außer mir nur eine Handvoll Leute, die auf den niedrigen Holzbänken hocken und sich vom Wasserfall berauschen lassen. Wie lang? Zeit wird unwichtig. So wunderst du dich beim Aufwachen nur über den ungewöhnlichen Ort für solche Wassermassen.

Was für ein Gegensatz, diese wilde Natur im geweihten Gemäuer. Die Filmprojektion nimmt die ganze Höhe und Breite des Kirchenschiffs ein. Statt Altar ein Wasserfall. Klein fühlst du dich davor. Unwichtig.

Am Gammelstrand
Und abends ein Gløgg

Ich lasse den Tag im Café Diamanten am Gammel Strand ausklingen. Hier ist der Gløgg zur Hälfte essbar, da mit viel Rosinen und Mandeln ausstaffiert. Berüchtigt wie das Smørrebrød des Cafés.

Und als ich mich verabschiede, ist die Kellnerin der erste Mensch in diesem Jahr, der mir „Frohe Weihnachten“ wünscht.

Text und Fotos: Elke Weiler

Mit Dank an das Team von VisitDenmark, das diese Reise ermöglicht hat!

  1. Ein toller Artikel! Macht richtig Lust auf Kopenhagen – Ich war noch nie da, sollte ich bald mal ändern 🙂

    • Danke, Sarah!
      Du bist rasend schnell. 😉
      Mir gefällt es auch jedes Mal besser. Sommer, Winter… Egal. Tolle Stadt, nette Leute!

  2. Bei deinem Artikel wächst mein Fernweh, Elke. Skandinavien steht sowieso schon auf meiner Wunschliste. Aber die Trinkschokolade mit Schokosahnehaube ist das Tüpfelchen auf dem i für mich. Mal sehen, wann’s mit einer Reise in den Norden klappt. Erst einmal: Danke für den schönen Artikel.

    • Sehr gerne, liebe Monika!

      Ich kann mir vorstellen, dass es dir in Dänemark und auch weiter nördlich ordentlich gefallen wird… 😉

  3. Toller und informativer Artikel über das weihnachtliche Kopenhagen. Macht Lust sofort hinzureisen.

    • Danke, Christina! Es hat mir letztes Jahr dort so gut gefallen, dass ich im Februar gleich noch mal hingefahren bin! 🙂

  4. Schööööön. Für Tivoli, Glogg (alleine das lustige O, bei dem ich nicht weiß, wie man es fabriziert, hat ja schon eine Erwähnung verdient) und ein Schokoladenrestaurant bin ich ganz sicherlich zu haben!
    Macht Lust auf mehr!

    Liebe Grüße
    Christina

    • Alt-O! 🙂 Bist du im Mai mit dabei? Dann gibt’s wahrscheinlich keinen Gløgg und keine Weihnachtsmänner mehr im Tivoli, aber den Rest schon! LG, Elke

  5. Feiner Artikel, der sowohl Stimmung als auch Info rüberbringt, Elke. Lang, lang ist’s her, dass mich Kopenhagen das erst Mal fasziniert hat, aber es hat sich im letzten Jahr stetig nach oben in meiner Bucket List gearbeitet.
    ich liebäugele gerade damit, um die Jahreswende einen kleinen Road Trip von Sylt Richtung Kopenhagen zu starten.

    • Das ist ein guter Plan – viel Freude dabei!!! Wir werden auch wieder nach Dänemark fahren, aber nicht ganz so weit! 😉

  6. Super Artikel! Jetzt freu ich mich gleich noch mal mehr auf Kopenhagen!!!!

  7. Liebe Grüße von einer Düsseldorferin aus Berlin! Toller Bericht und tolle Stadt! Nic http://www.nicsreisewelt.de

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