Schwein gehabt, Pferd gesucht

Eisblau und durchsichtig wie Glasmurmeln. Nie habe ich ein Pferd mit solchen Augen gesehen. Wir sind irgendwo zwischen Reykjavik und Snæfellsnes im Südwesten der Insel, als eine Herde von Islandpferden auf dem karamellfarbenen Wintergras auftaucht. Wie gerufen.

Wir nähern uns dem Zaun, und sie reagieren sofort, rennen freudig auf uns zu, beknabbern uns ein bisschen. Islandexpertin Marie kommt aus Berlin und ist mit einem Isländer verheiratet: Sie weiß aber, dass nicht jede Deutsche wegen eines Mannes auf die Insel zieht. Auch wegen eines Pferdes wandern so einige aus.

Claudia, die ebenfalls aus Deutschland kommt und in Reykjavik lebt, bestätigt dies. Oft werde sie gefragt, ob sie wegen eines Isländers hergezogen wäre. Wenn sie verneint, ist die nächste Frage: „Wegen eines Pferdes?“ Auch nicht.

Auswanderungsgründe
Auswanderungsgründe

Claudia scheint damit eher ein ungewöhnlicher Fall zu sein. Natürlich ziehen auch Leute wegen Island nach Island, für mich wäre es Grund genug. Wenn ich jedoch noch weiter diese flatternden Mähnen im Gegenlicht betrachte … Wer weiß, was dann passiert.

Wie überdimensionierte Käfer

Ich weiß jedenfalls, was ich bei meinem nächsten Besuch auf der Insel so mache: einen Ausritt, am Strand wohlmöglich, immer entlang der wilden Brandung. Vor den Zeiten der Jeeps konnten die Isländer vor allem auf dem Rücken dieser stämmigen, vielseitigen Pferde auch unwegsame Gegenden erschließen, erzählt Jón Baldur, der uns während der Tage begleitet.

Zwar haben wir dieses Mal versucht, uns mit den 4×4-Landrovern über unwegsame Strecken zu bewegen, sind jedoch nicht allzu weit gekommen. Die Witterungsverhältnisse waren mehr als ungünstig: Unter den Schneeflecken taute es weg.

Wir überquerten wilde Bäche und arbeiteten uns rutschige Flächen hoch, sanken ein und konnten teilweise nicht mehr erkennen, ob wir nun noch auf dem Weg oder in einem Flussbett weiterfuhren. Wir stiegen aus, während Jón Baldur den Weg freischaufelte oder einen Jeep mit entladener Batterie einen Hügel hinaufzog.

Wir versuchten, die Türen nicht im Wind flattern zu lassen, so wie wir es kurz zuvor bei der Einweisung gelernt hatten. Nicht, dass der Sturm uns eine aus der Hand riss! Auf abgetaute Flächen seitlich der Strecke konnten wir nicht ausweichen, denn es ist streng verboten, mit einem Auto über die Vegetation zu fahren.

Die Jeeps krabbelten langsam weiter – wie überdimensionierte Käfer. Zu Fuß wären wir fast schneller vorangekommen, hätten aber nicht nur nasse Füße gekriegt. Ich war jedes Mal froh, nach einer Pause draußen wieder ins Innere des Jeeps zurückklettern zu können. In der Hoffnung, dass Jón Baldur den Weg weiterhin fühlte.

Dabei habe ich einiges über das Fahrverhalten auf glibberigem Grund gelernt, das ich auf ähnlich verfahrene Situationen mit meiner Ente übertragen könnte. Beim Festfahren im Sand am Strand oder im Matsch unseres Marschlandes kann das irgendwann mal nützlich sein.

Fast wie ein Jeep.
Fast wie ein Jeep.

Selbst die Busse sind in Island relativ geländegängig, jedenfalls fährt uns Jón Baldur problemlos über Schnee und Stein zu unserem nächsten Gasthof. In Norðurárdalur habe ich richtig Schwein. Wir beziehen unser Quartier in der Mitte von Nichts, doch das wirkt fast überall auf der Insel so.

Der Streithammel

Ringsherum die Natur, an der man sich nicht sattsehen kann. Hraunsnef liegt im Südwesten, also im Gebiet der heißen Quellen. Drei aus unserer Truppe nutzen das sofort und legen sich in die beiden Hot Pots der Unterkunft. Ich plane es für den nächsten Morgen – falls ich früh genug aus den Federn komme.

Jetzt muss ich erst mal auf die Pirsch gehen, auch wenn es schon dämmert. Der Grund? Die tierischen Mitbewohner unserer Gastgeber Brynja and Jóhann. Die reinste Arche ist das hier. Zunächst statte ich den Kühen einen Besuch ab, die gerade mit Heufuttern beschäftigt sind.

Here's lookin' at you, kid!
Here’s lookin‘ at you, kid!

Die Schafe sind schon wesentlich interessierter an mir als Gast, vor allem eines scheint sich zu fixieren. Warum, erfahre ich am nächsten Tag, als dasselbe Tier auf Ausgang bei zwei Kolleginnen recht aufdringlich wird. Es sucht tatsächlich Streit.

Jóhann packt es sogleich bei den Hörnern und nimmt es auf den Arm. Ein Kerl, natürlich, der sich seine Hörner sonst nirgendwo abstoßen kann. Der stets auf eine Rangelei aus ist. Nach dem „Kuscheln“ in den Armen des Bauern gibt sich der Bock eher kleinlaut.

Islandschafe sind vor über 1000 Jahren mit den Wikingern auf die Insel gekommen und gelten nicht nur als Wolllieferanten für die Lopapeysas, die schicken Islandpullis. Aber darüber später mehr. (Isländische) Kenner sagen, das Lammfleisch wäre das leckerste der Welt. Wegen der Kräuter, die die Tierchen so knabbern. Sie folgen wohl stets dem frischen Wuchs am Boden.

Unsere Gastgeber setzen auf glückliche Tiere, nicht auf Massenhaltung. Neben den Kühen und Schafen laufen zwei Hunde durch die Gegend, und natürlich gibt es auch Islandpferde. Freilaufende Hühner, die Eier und Nachwuchs produzieren. Und die Schweine! Auf einem Holzweg flitzen sie hin und her, doch als ich näher komme, verstecken sie sich erst mal in ihrer Hütte.

Das Vorwitzigste kommt mutig heraus. So nach und nach trauen sich auch die Anderen, nur ein Kleineres wirkt recht scheu. Und neugierig zugleich. Ich bin ganz hin und weg, als am Ende alle draußen sind. Wasserschläuche, die im Weg liegen, werden einfach nach oben gestoßen, damit die schlauen Schweine darunter durchrennen können. Und wie sie ihre entzückenden Nasen nach oben recken!

Schwein gehabt!
Schwein gehabt!

Am nächsten Morgen verpasse ich abermals ein Bad im „heitir pottar“, und das nicht zuletzt wegen der Tiere. Wir folgen Jóhann, der nach und nach alle Untermieter frei laufen lässt, beziehungsweise umzieht: „Helft ihr mir mit den Kühen?“ Aber gerne.

Letztendlich ist es Hündin Isabella, die Herrchen ein bisschen unter die Arme greift und alle Tiere in die richtige Richtung bringt. „Sie begleitet auch gerne Gäste von uns, wenn sie im Sommer wandern.“ Zum Vulkan Grábrók oder zum Wasserfall Glanni. Jóhann zeigt auf die bizzaren Bergformationen oberhalb von Hraunsnef.

Typisch Island, das alles. Unkonventionelle Tiere und Halter, eine exotische Landschaft, a place to be. Beim nächsten Mal bleibe ich länger, nehme mir Zeit zum Wandern, für den Hot Pot und den ein oder anderen Einwanderungsgrund.

Für die Islandpferde. Mit Murmelaugen und Top-Frisur.

Text und Fotos: Elke Weiler

Hraunsnef am Morgen
Hraunsnef am Morgen

Mit Dank an die Veranstalter Isafold Travel, Icelandic Farm Holidays, Elding und Icelandair, die diese Reise ermöglicht haben.

  1. Oh man, sind die Schweine niedlich. Und die Pferde. Und die Kühe. Und die Schafe. Und Island.

  2. Fabelhaft! Übrigens gibt – oder gab es – im Kulturhaus in Reykjavík eine Ausstellung mit Fotos von Ólafur Elíasson, ja, dem „Macher“ der Harpa: Jeeps, Kleinwagen, Busse, die beim Überqueren von Furten gescheitert sind. Auch nachzulesen im GEO Special Island von 2012. Sehr vergnüglich (wenn es nicht so traurig wäre…)!
    Die Farm ist ja toll! Auf so einen Urlaub hätte ich auch Lust : ) Nur die Pferde, mit denen mag ich nicht so auf Tuchfühlung gehen. Die wollten tatsächlich immer nur knabbern und sabbern. Streicheln war gar nicht gefragt. Und schon gar kein Posieren für Fotos. Eigenwillige Dinger!
    Liebe Grüße, Jutta

    • Danke, liebe Jutta, auch für den Tipp! Das menschliche Scheitern an der Natur… Muss ich mal schauen, ob ich das Heft noch auftreiben kann. Ich hätte dazu auch noch ein Video, vielleicht setze ich es noch online. Ja, die Farm ist klasse, und es gab tolles WiFi! 🙂 Aber die Pferde sind doch sooooo süß! Angeblich muss man gar nicht sehr reiterfahren sein, um einen Ausflug zu machen. Ich muss doch mal den Tölt ausprobieren, besser für den Rücken als die anderen Gänge. 😉 Liebe Grüße zurück!!

  3. Ich hab Angst vor den Pferden : )

  4. Die Schweine! So toll <3

  5. Oh Gott ist das zuckersüß. Richtig coole Fotos <3

  6. Echt tolle Bilder, vorallem die Pferde <3. Super süß :). LG aus dem Dorf Tirol Hotel

  7. Pingback: Wikinger und Walgesänge | Island

  8. Am Strand entlang reiten, dabei die wilde Brandung im Ohr und diese wunderschöne Aussicht – das stelle ich mir gerade richtig schön vor. 🙂

    lg aus Matrei am Brenner

  9. Pingback: Eine ganz langsame Reise nach Lappland | Finnland

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