Die Stadt des Lichts

Mado kommt neugierig auf mich zu und schnüffelt, bis Frauchen sie wieder zurückpfeift. Braver Hund! Der Kies knirscht unter meinen Schuhen, das Abendlicht legt sich langsam über den Strand von Le Havre. Dieses Licht! Claude Monet hatte es eingefangen, und der französische Impressionist ist schuld an meiner ersten Begegnung mit der normannischen Stadt am Meer.

Dabei war es vor allem die „Impression soleil levant“, also der Sonnenaufgang mit ein paar kleinen Booten im Vordergrund und dem industriellen Hafen im Hintergrund, der mich während des Studiums faszinierte. Nun stehe ich endlich vor Ort und muss zugeben: Ich hatte mir Le Havre anders vorgestellt.

Aber daran trägt auch der zweite Weltkrieg schuld, der das Le Havre Monets zerstört hat. Und Auguste Perret, der Architekt, der es in den 50er Jahren wiederaufbauen durfte. Und nicht zuletzt Olivier Bouzard, der Greeter, der mir sein Le Havre zeigt, das Lebendige, Kulturelle, Überraschende, Elegante, Feinsinnige.

Bonsoir, Mado!
Bonsoir, Mado!

Mitsamt Mado am Strand, den Skatern, die zu französischem Hiphop ihre Bretter schwingen. Monet und Perret hätten ihre Freude gehabt an diesem Abendlicht. Wie es die Wolken inszeniert. Als wir vom Strand in die Stadt zurück schlendern, begegnet uns halb Le Havre, und Olivier kennt mindestens halb Le Havre.

Bisous hier, ein netter Plausch dort, Händeschütteln mit dem Kultusminister. Bin ich wirklich erst seit ein paar Stunden hier? Vor der Kirche habe ich Olivier getroffen, der berühmten Saint-Joseph. Dieser ganze Stadtkern aus den 50ern gilt seit 2005 als Weltkulturerbe. Und die Kirche als Meisterwerk ihrer Zeit.

Als ich im Innern stehe und das Licht des Abends kraftvoll durch die vielen bunten Fenster strahlt, verstehe ich die Gründe. Saint-Joseph, eine kühne Komposition, ein Meisterwerk von Raum und Lichtführung. Ein farbiges Spektakel, das die Rohheit des Materials im Innern besänftigt. Es ist wie Musik in der Stille zu hören.

Der Beton wird zur Projektionsfläche des ganzen Farbspektrums, die Sonne zur Dirigentin eines vielstimmigen Chors, zur Choreografin eines visuellen Balletts an den Wänden. Olivier rät mir, Saint-Joseph zu verschiedenen Tageszeiten zu besuchen und dem Tanz der Lichter zu folgen. Allein der Blick hoch in den Turm. Ein vierdimensionales Erlebnis, kreiert durch Prismen, die dich in eine andere Welt manövrieren. Ins Universum höherer Mathematik.

Auch von außen wirkt der Bau vielschichtig. Mal wie eine Kirche, mal wie ein Leuchtturm, ein Fanal moderner Architektur. Saint-Joseph ist immer der Orientierungspunkt des städtischen Kerns. Ringsherum eine seltene Einförmigkeit, Perret wurde als Poet des Betons gefeiert. Es dominiert das Sachliche, das Eckige.

Wohnhaus
Sachliche Eleganz, elegante Sachlichkeit

Kuschelige Gemütlichkeit suchst du hier vergebens. Stattdessen ein fast asiatisch anmutender Minimalismus. Perrets Motto hieß: Licht, Luft und Weite. Das gilt auch für das Innere der Wohnungen. An der Rue de Paris finden wir die Tür das Maison du Patrimoine noch geöffnet. Wir gehen die Stufen hinauf zur Musterwohnung, dem Atelier Perret.

Fans der 50er Jahre werden ihre helle Freude an der Rekonstruktion des Wohnstils, an den Details der Einrichtung haben. Alle Anderen werden zu Fans werden. Aber es sind vor allem Auguste Perrets Vorstellungen von Fortschritt, die das Wohnen bestimmen sollten: ein Höchstmaß an Flexibilität, das dem Raum durch Schiebetüren und dem Fehlen tragender Wände etwas Loftartiges verleiht, sowie Licht zu jeder Tageszeit durch tiefe Fensteröffnungen.

Zum Abendessen gehe ich mit Olivier ins angesagte Restaurant „Le Bouchon Normand“, das die traditionelle Küche der Normandie neu interpretiert. So gibt es neben einem Burger de Bouchon zum Beispiel das „Duo de poissons et sauce normande“. Ich nehme Seelachs mit Cidre und zum Dessert gebackenen Apfel mit Karamell-Eis. „Du musst im nächsten Jahr wiederkommen“, schlägt Olivier vor. Denn 2017 feiere Le Havre sein 500jähriges Bestehen mit großem Tamtam.

Nach dem Essen lassen wir uns im Strom der Menschen zum Theater treiben und treffen erneut Freunde und Bekannte von Olivier. Alle zieht es zu „Le Volcan“, dem kegelförmigen Bau Oscar Niemeyers. Fast hätte ich Lust, mich den Leuten anzuschließen. Wie lange war ich schon nicht mehr im Theater?

Oscar Niemeyer
Das Eckige aufbrechen.

Der brasilianische Architekt Niemeyer wollte das Eckige der Stadt aufbrechen, doch er galt eh schon als Meister der Kurven, als er „Le Volcan“ zu Anfang der 70er Jahre schuf. Nicht wenige Einwohner fühlten sich an ein Kraftwerk mitten im Zentrum erinnert. Noch aus meinem Zimmer im Hotel Oscar direkt gegenüber des Vulkans muss ich an den japanischen Fujiyama denken. Die schneebedeckte Spitze eines perfekt geformten Bergs.

Im Dunkeln hat der helle Bau eine eigenartige Strahlkraft. Nicht nur die Aussicht, auch das Innenleben meines Hotels zieht mich in seinen Bann, bin ich doch wieder in den 50er Jahren gelandet! Das Gebäude stammt – natürlich – aus der Feder Auguste Perrets. Vor fünf Jahren haben sie es zuletzt renoviert und viele Schmuckstücke aus den 50er Jahren in den Zimmern platziert.

„Le Havre ist eine außergewöhnliche Stadt“, hatte Olivier gesagt. Ja, das ist sie. Ein bisschen eigenartig, irgendwie aufgeräumt, ein bisschen kantig. Vor allem aber sehr lebendig mit seinen 190.000 Einwohnern, von denen nicht wenige am regen Kulturleben der Stadt teilnehmen.

Und Monets industrielle Hafenatmosphäre erlebe ich gleich am nächsten Tag, als ich mit einem 2CV sehr stilecht über die Pont de Normandie düse – der Beginn meiner Tour mit der Ente durch die Normandie. Und ich habe schon Pläne für den nächsten Besuch: les Jardins Suspendus, les Docks Vauban und natürlich ein Bad in den Bains des Docks von Jean Nouvel. Ach, Le Havre!

Text und Fotos: Elke Weiler

Der Duft von Meer
Der Duft von Meer
Am Beach
Am Beach
Promenade
Promenade
Das Ende der Welt
Das Ende der Welt

Mit Dank an Normandie Tourisme, die meine Reise unterstützt haben.

  1. Wir haben Le Havre letzten August in drei Tagen Dauerregen erlebt, was recht frustrierend war inklusiver zweier vergeblicher Versuche, Les Jardins Suspendus zu besuchen – wir konnten nicht aus dem Auto aussteigen, so sehr hat es geschüttet. St. Joseph war definitiv ein Highlight – die Beschreibung ist Ihnen wunderbar gelungen, vielen Dank! Ebenfalls zu empfehlen, zumal bei Dauerregen: das MuMa, das Musée André Malraux.

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  4. das intérieur, das zu zeigst, gefällt mir richtig gut und die strandbilder sind toll, ansonsten muss ich sagen, hat mich le havre irgendwie verstört zurückgelassen, wohl weil es das ausmaß der zerstörung des zweiten weltkriegs auf eine eigene pragmatische art sehr sichtbar macht.

    • Da gebe ich dir recht! Demgegenüber steht diese unglaubliche kulturelle Lebendigkeit der Stadt. Und dann das Meer, das Licht. Ich muss da wieder hin.

  5. Karina

    Ich bin in Le Havre aufgewachsen – dein Bericht ist sehr realitätstreu! Du hast LH (wie man’s nennt) sehr genau beschrieben. Das Licht ist dort einzigartig, weil so hell, ausserdem macht das sehr wechselhafte Wetter viel aus. Vor allem am Porte Océane merkt man das, an sonnigen Tagen wirkt das Beton sogar rosa.

    Die Stadt hat sich aber grossartig geändert. Ich bin damals nicht gerne in Le Havre aufgewachsen, so oft hat es geregnet, es gab wenig zu tun und die generelle Stimmung war nicht sehr positiv. Seit einigen Jahren wendet sich das Blatt total: das kulturelle Leben lebt wieder (durch das Tetris, das wunderbare Musée Malraux,…) und die Architektur wird endlich von Profis beachtet. Das ist komisch zu erleben als Einheimische, aber auch sehr erfreulich. Seitdem ich weggezogen bin, entdecke ich meine Stadt neu und verliebe mich bei jedem Besuch immer mehr!

    Die Jardins Suspendus dürfen nicht fehlen. An sonnigen Tagen ist der Ausblick wunderschön, Blick auf gegenüberliegenden Deauville und Honfleur inklusiv. Die Docks Vauban hingegen sind nicht sehr interessant, es sind wenige Geschäfte und das Ding ist nicht interessanter als in Hamburg. Saint-Adresse kann ich empfehlen, liegt etwas höher – der Ausblick ist auch schön! Wer gerne im Grünen ist, kann gerne im Parc de Rouelles spazierengehen, dort war ich als Kind fast jedes Wochenende. Wer Le Havre erleben möchte, wie es vor der Zerstörung 1944 aussah, besucht das Maison de l’Armateur. Und letztendlich können Döner-Liebhaber mal auch ein „kebab“ made in LH essen – die besten überhaupt! Wirklich!

    Le Havre ist schön – danke, dass du es gezeigt hast! <3

    • Ganz lieben Dank, Karina, für deinen tollen Kommentar! Ich werde vermutlich im Frühjahr 2017 wieder in Le Havre sein und freu‘ mich schon, deine Tipps beherzigen zu können!

  6. Pingback: Von Ijmuiden nach Le Havre | Alunga

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