Der junge Mann und das Meer

Ich habe bis Mittag geschlafen, gerade leckeren Eintopf gegessen und auf meinen Kopfhörern läuft Miles Davis. Abgesehen von meinem mp3-Player trage ich nur meine Badeshorts, wir haben knapp dreißig Grad und die leichten Atlantikwellen reflektieren die Sonnenstrahlen.

Ich kneife meine Augen zusammen, während ich auf die See starre und Ausschau nach Tankern, treibenden Containern und anderen Gefahrenquellen für unser Segelboot halte. Ich bin auf dem Weg mit der Segelyacht „Libertalia“ über den Atlantischen Ozean, in zwei oder drei Tagen müssten wir die Kapverdischen Inseln erreichen. Kurz gesagt bin ich in diesem Moment extrem zufrieden mit mir und der Welt um mich herum.

Der Kampf mit dem Vorsegel. © Timo Peters
Der Kampf mit dem Vorsegel. © Timo Peters

Doch wie so oft in solchen Momenten kommt es ganz anders, als ich denke: Plötzlich gibt es vorne am Bug des Bootes einen ohrenbetäubenden Knall. Sofort renne ich die paar Schritte nach vorne und sehe, wie unser Vorsegel völlig unkontrolliert um sich schlägt – das Vorstag ist gebrochen!

Ich brauche den Skipper Phil und Kyle, das andere Crewmitglied neben mir, nicht an Deck zu rufen – der Knall war nicht zu überhören und beide kommen von allein aus dem Salon gestürmt. Die Ruhe an Bord ist vorbei.

Jetzt wird es anstrengend: Zunächst gilt es, unser riesiges 80-Quadratmeter-Vorsegel wieder einzufangen. Während der Wind sonst der Freund eines jeden Segelers ist, wird er jetzt zu unserem Feind.

Immer, wenn wir gerade glauben, das Segel unter Kontrolle zu haben, setzt er zu einer Böe an. Das Segel bläht sich dann auf und zieht mit einer kaum fassbaren Gewalt an den Leinen, an deren Enden wir hängen.

Wir drei Männer werfen alle Kraft, die uns zur Verfügung steht, in den Ring – doch wir ziehen immer wieder den Kürzeren. Unser Gegner scheint übermächtig zu sein, einziges Resultat unserer schweißtreibenden, aber kläglichen Versuche, das Segel zu bändigen, sind Brandblasen an unseren Händen.

Die große Freiheit: Segeln bis zum Sonnenuntergang. © Timo Peters
Irgendwann versinkt die Sonne am Horizont. © Timo Peters

Stundenlang führen wir diesen Kampf, uns bleibt keine andere Wahl – ein völlig unkontrolliertes Segel würde schon bei wenig mehr Wind eine echte Gefahr bedeuten: Für das Boot und für die Besatzung.

Irgendwann, am westlichen Horizont versinkt die feuerrote Sonne bereits im Atlantischen Ozean, sind wir kurz davor, für heute aufzugeben. Da lässt der Wind nach und wir schaffen es schließlich, unser Vorsegel mit Hilfe von Tauen und Leinen zu einer Wurst zu verpacken, die erst einmal halten sollte.

Zumindest, bis wir in ein paar Tagen den Hafen von São Vicente, Kap Verde, erreicht haben werden – noch haben wir ja unser Hauptsegel. Dort steht dann die Reparatur an.

Doch darüber denken wir jetzt noch nicht nach – Phil, Kyle und ich sind am Ende. Sowohl unsere Kraft als auch unsere Nerven. Als wir jedoch den Niedergang zum Salon hinunter klettern, um uns erst mal einen Tee zu kochen, schaut Kapitän Phil uns an, grinst und sagt: „Irgendwie machen wir den ganzen Quatsch doch wegen genau dieser Momente.“

Ich gebe ihm Recht – denn mein Lieblingsplatz am Meer ist nicht am Meer. Er ist AUF dem Meer, an Deck eines Segelbootes.

Text und Fotos: Timo Peters

  1. Pingback: Lieblingsplatz am Meer: Cabo Polonio

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