Immer wieder Sylt

Jedes Jahr im Spätsommer wird Sylt zu meinem inneren Rettungsanker. Es passiert, wenn sich mein Terminkalender in ein übervolles, kryptisches Dokument verwandelt; bestehend aus Fragezeichen, Ausrufezeichen, Fünffachbelastungen und gestrichenen Privatvergnügen. Ich habe viel versucht, mich anders zu organisieren. Doch der für Freiberufler typische Jahresendwahnsinn ergreift mich unausweichlich. Ähnlich wie Wellen sich aufbauen, wachsen, Kämme bilden, überschlagen, brechen, um dann endlich am Strand aufzulaufen.

Und so beginne ich irgendwann im September – leise zunächst – mich auf die Insel zu sehnen. Allein an sie zu denken, hilft mir während endloser Fahrten zum nächsten Auftraggeber. Der Gedanke wärmt mich auf zugigen Bahnhöfen und kühlt mein Gemüt, wenn ein Flug sich verspätet. Er steht mir bei in schlaflosen Hotelbetten und ermutigt mich, jedenfalls zu Hause fünfe gerade sein zu lassen. Auch wenn sich Staubspinnen mit Wollmäusen zusammenrotten, als hätten sie einen geheimen Pakt geschlossen.

Etwa Ende Oktober mischt sich Vorfreude unter meine Sehnsucht. Weil ich ja weiß: egal, wie anstrengend es gerade ist, am Ende wartet mein Lieblingsplatz am Meer.

© Volko Lienhardt
On the beach…

Am Ende aller Projekte belohnen mein Freund und ich uns traditionell mit einer Reise auf die größte Nordseeinsel. Manchmal schon Ende November, öfter erst im Januar oder Februar. Und natürlich behaupten wir ständig, das Wetter spiele dabei ü-ber-haupt keine Rolle. Doch so einfach sind Menschen ja nicht. Selbst die nicht, die den Norden lieben. Die schönsten Momente bleiben die, wenn wir allein in einer windgeschützten Ecke sitzen und die Sonne uns ins Gesicht blinzelt.

Die Chancen darauf stehen überdurchschnittlich gut an einer bestimmten Stelle am Weststrand. Kurz vor List führt linker Hand eine wunderbar auf den Hund gekommene Straße zum Ellenbogen; diesem charakteristischen oberen Haken der Insel. Das ist das Listland mit seinen wandernden Dünen, freilaufenden Schafen und hin und wieder einem verwaisten Parkplatz. Gleich der erste ist unserer.

Strandsauna © Volko Lienhardt
The place to be.

Von dort schlängelt sich ein Weg durch ein Dünental, dessen Heide selbst im Winter duftet. Zunächst klingt das Brausen der Nordsee nur gedämpft und wie aus weiter Ferne. Doch mit jedem Schritt wird das Brandungskonzert lauter. Mit jedem Atemzug schmeckt die Luft salziger. Zupft der Sturm unverschämter an unseren Mützen.

Oben, in erster Dünenreihe schmiegt sich die Lister Strandsauna in eine sandige Senke wie eine kleine, freundliche Geisterstadt. Zwar sind die Holzhäuschen winterfest gemacht, aber man kann doch Schutz finden vor plötzlichem Regen und Orkanen aus egal welcher Richtung. Bei blauem Himmel ist es ein idealer Picknickplatz. Mit grandiosem Blick aufs Meer.

Strand
Wie gemalt.

Mich überkommen dann so ozeanische Gefühle. Alles, alles relativiert sich. Man nimmt sich weniger wichtig. Man ist ja nur ein winziger Teil eines gewaltigen Ganzen. Nicht mehr als ein Sandkörnchen. Und die ungeheuer ernsthaften Dinge, die mich in den letzten Wochen beschäftigten, erscheinen mir dann absurd. Lachhaft sogar.

Alles was ich dann will, alles was ich dann muss, ist wie ein Sandkörnchen die Dünen runterzukugeln, um mich vom Wind über den Strand treiben zu lassen. Mehr kann man hier auch gar nicht machen. Eben deswegen ist es ja mein Lieblingsplatz am Meer.

Text: Stefanie Sohr
Fotos: Volko Lienhardt
Aufmacherbild: Elke Weiler

  1. Ein großartiger Artikel! Ich kenne das Gefühl nur zu gut – überall am Meer überkommt mich ein Gefühl von Freiheit, Ruhe und innerer Entspannung. Ganz besonders aber auf Sylt. Wenn ich unsere Hündin Shila am kilometerweiten Strand entlang toben sehe, hüpft mein Herz vor Vorfreude. Solch ein schöner Ort!

    • Hallo Anke, absolut richtig! Hunde passen einfach an Strände, vor allem aber an die unendlich Weiten der Nordsee! Wir stehen ja mehr auf Sankt Peter, Amrum und Rømø! 😀

  2. Pingback: Sylt im Winter, entspannen im Severin’s ‹ Reiseblog ReiseWorld

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