Lizenz zum Chillen

In Helsingør galt ich schlicht als „The Rastaman“. In der hyggeligen City am Øresund interessierte man sich offensichtlich für meine Arbeit und mein Leben. Was mir natürlich nicht nur schmeichelte.

Ich freute mich über jede Art von Toleranz, Respekt und Weltoffenheit. Yeah, my friends, es gab diese Momente. Da empfand ich mich schon fast als eine Art Botschafter für schwarze Schafe. Für Dreadlocks. Für Reggae-Feeling. Für Weltenbummler.

Dieses Mal hieß unsere Mission: Länder-Hopping. Von Dänemark nach Schweden und wieder zurück. Eigentlich außerplanmäßig. Doch auf einen urgent call von Miss Dänemarkreisen hin packten die Chefin und ich die Koffer und machten uns auf den Weg nach Hamburg.

Leider blieb mir keine Zeit, mein süßes Schlafschaf in der HafenCity zu besuchen, doch die Chefin sicherte mir zu, dass wir noch häufiger in der alten Hansestadt sein würden. Das Private musste wie oft zurückstehen – ein klarer Nachteil des Jobs.

Luis auf der dänischen Seite des Øresunds

Aber ich liebte das Meer und war gespannt wie ein volles Segel auf diese schmale Stelle zwischen den beiden Ländern, jenen Sund. Und das Glück war auf unserer Seite: Kaum dass wir aus Zug, Fähre und Bus stiegen, steckte die Sonne ihre Nase durch die Wolken. Regenpause im dänischen Helsingør. Durchatmen an der frischen Meeresluft, endlich die Hufe vertreten.

Hungrig fielen wir in die älteste Konditorei des Landes ein und bestellten Smørrebrød bis zum Abwinken. Dänische Bräuche waren mitunter empfehlenswert: In der Konditorei gab es für jeden Kunden gleich nach dem Eintreten ein Küsschen. Leider nur ein Süßes. Ein rosa Baiser.

Außer Miss Dänemarkreisen waren noch ein Vegetarier, eine Fleischesserin sowie das mir bereits aus Samsø bekannte, norddeutsche Komikerduo „Natural born Feudels“ mit von der Partie. Auch ohne äußere Einwirkung schienen sie alle leicht angeheitert zu sein. Einer musste cool bleiben, also opferte ich mich.

Schließlich galt es, gegenüber Karin einen professionellen Eindruck zu machen. Denn der Einheimischen genügte es nicht, uns einfach die Fassaden der old city zu zeigen. Auf ihre Zauberworte hin öffneten sich uns Türen und Tore.

Zwar hatte ich den Eindruck, dass in den untereinander verbundenen Höfen nicht nur der fröhlichen Nachbarschaft gefrönt wurde. Es gab auch Anzeichen für exzessives Grillen. Aber schließlich konnte ja nicht jeder ein Veganer sein.

Der Duft der Blumen vernebelt Luis die Sinne.

Diese intime Atmosphäre in den Gärten Helsingørs haute mich einfach um. Ein guter Ort to meet, chill and jam. I hope you like jammin‘ too! Doch der Plan ging in die andere Richtung.

Nur acht Kilometer übers Wasser – und schon landeten wir in Helsingborg, Schweden. Madre mía, für mich war es das erste Mal. Auf der anderen Seite des Øresunds, in Helsingborg, verlor sich die Niedlichkeit und wich einer mittelstädtischen Geschäftigkeit. Die Straßen wurden breiter, die Häuser höher, der Rhythmus flotter. Nur das Meer, es war dasselbe.

Boote, Beaches, blonde Babes. Sollten wir nicht einen Tanzschuppen aufsuchen? Uns ein wenig amüsieren? Doch Miss Dänemarkreisen hatte ein straffes Programm vorgelegt.

Und wir kapierten schon bald, dass auch auf der schwedischen Seite das Thema Garten im Vordergrund stand. Auch wenn es hier nicht die privaten chilling places waren, die wir zu Gesicht bekamen. Sondern eher die ganz große Show.

Luis testet Aloe Vera zum Chillen...

Der Sofiero Slottsträdgård war so ein Beispiel: Rhododendren, so weit das Auge reichte. Es roch förmlich nach Gartenarbeit, und die reifen Früchte fielen einem quasi auf den Kopf. Gut, dass ich mein Beanie über den Dreadlocks trug.

Jeder Strauch, jeder Baum, jedes Kraut waren einst von zarten Prinzessinenhänden angelegt worden. Wer hier picknicken wollte, hatte die Lizenz zum Chillen. Schon als der Laden noch königliche Sommerresidenz war, durfte auch das einfache Volk das grüne Wunder genießen. Während der royalen Siesta nämlich.

Ich startete ein Experiment und chillte auf Aloe Vera – gewichtsmäßig kein Problem. Das Komikerduo hingegen stürzte sich auf die sogenannte Verlobtenhecke – eine Art Blätterwand mit Fenstern. Turteln wollten sie dort aber nicht, zumindest nicht miteinander.

Am dritten Tag unseres Trips ging es rund. Zwar durften wir nicht Karrussel fahren, dafür aber mit der Fähre von Schweden nach Dänemark, wieder zurück und so weiter. Øresund-Feeling für Fortgeschrittene.

Mit Schwung durch Helsingør

Nach einer Weile entschieden wir uns für die dänische Seite. Herbergsvater Nicolai, den wir in Helsingør trafen, bestätigte uns, dass dieses Hin und Her in der Region durchaus praktikabel wäre. Manchmal hätten sie einfach Lust drauf.

Nach den Garten-Highlights der Gegend folgten nun die Wasser-Themen: Wohnen am Sund, Schnorcheln am Sund, Arbeiten am Sund. Wobei die besten Jahre der Helsingører Werft vorüber waren: Hier war statt Schiffsbau nun ein Kulturcenter mit schicker Architektur entstanden, die Kulturværftet. Wir sahen uns um.

Am Pier begegnete ich ihm: Han. Was auf Dänisch „Er“ heißt. Han war als Gegenstück zur Kleinen Meerjungfer in Kopenhagen gedacht, glitzerte dank des polierten Edelstahls sogar bei trübem Wetter und hatte es trotz seiner Jugend schon zu touristischem Ruhm gebracht.

Nun hatte ich ja das unglaubliche Glück gehabt, noch vor ein paar Monaten eine Wahnsinns-Tour nach Kopenhagen mitzumachen und die Meerjungfer live zu erleben. Dagegen wirkt der Jüngling schon ein bisschen spacy. Trotzdem mochte ich ihn.

Luis begegnet Jüngling Han am Hafen.

Der Nackte mit der Spiegelhaut schien von einem anderen Stern zu kommen. Doch die Sehnsucht nach der Liebe verband uns. Wir radelten weiter, entdeckten eiszeitliche Anhöhen, und immer wieder hörte ich: „The Rastafari“. Ich blickte mich um: Weit und breit war ich der einzige Typ mit Dreadlocks. Es ging also um mich.

Ich freute mich sehr, zum Wiederkommen eingeladen worden zu sein. Doch bevor ich das nächste Mal nach Skandinavien reise, stehen weitere coole Trips an.

Stay tuned, amigos!

Besitos, euer

Luis Maria Fernando da Silva Santos

Fotos: Elke Weiler

Danke an die Reederei Scandlines, die diese Reise ermöglicht hat.

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