Mittsommerparty

Der Typ war völlig abgefahren. Er klebte quasi auf seinem Surfbrett, das Haar war pink gefärbt und stand in alle Richtungen. Trotz des Wetters – es herrschten ja nicht gerade karibische Temperaturen – trug er lediglich eine Bermudashorts.

Mich überraschte hier nichts mehr. Denn im dänischen Hvide Sande schienen ja alle zu Surfdudes zu mutieren. Beziehungsweise zu Surfchicks, siehe Chefin. Zunächst konnte ich sie mir in dieser Rolle schwer verstellen, doch dann überraschte mich das Leben.

No woman, no surprise, könnte good old Bob’s Song auch heißen. Da versuchte die Chefin also auf dem Brett zu stehen, und ich kriegte schon beim Zusehen Krämpfe. Nur fürs Foto legte ich mich auf so ein Surferteil, denn Sport ist Mord.

Luis auf dem Surfbrett? Ein Witz!

Und als dann auch noch jener Pink Hair Gnom auftauchte, kam ich mir endgültig vor wie in einem skurrilen Skandinavien-Film. Dabei galt ich gewiss nicht als Spießertyp, believe me.

Aber die Chefin auf dem Surfbrett, das überforderte mich. Wenn nun etwas passierte? Wer bezahlte dann mein Honorar? Ich sah meinen schönen Job schon flöten gehen. Absaufen in den Wellen des Ringkøbing Fjords.

Dann versackte ich vermutlich hier und musste mich mit dem Gnom arrangieren, der nicht vom Surfbrett herunterkam. Aber die Chefin überlebte wie durch ein Wunder, mir fiel ein Stein vom Herzen, und der Verrückte schloss sich uns an.

No sails please! Luis hängt in den Seilen.

Wenn ich es richtig verstanden hatte, sollte er an einen Newsletter-Abonnenten weiter vermittelt werden. Ein herzliches „Skål“ an den Glücklichen. Der Wind fegte über Jütland und brachte nicht nur meine Rastalocken in Aufruhr. Wir fanden uns auf einem alten Segler namens Maja wieder.

Die nächste Überraschung, ich traute meinen Augen kaum: Auch hier musste die Chefin Hand anlegen? Die Segel hochziehen? Dafür war sie doch rein körperlich gar nicht ausgestattet. Ich zog mich ein bisschen zurück, damit niemand auf dumme Gedanken kam und mich ebenfalls anheuerte.

Da ich rein geistig arbeitete und sportliche Hobbys mied wie der Teufel das Weihwasser, konnte ich auch keine Muckis vorweisen. Mir war eh ziemlich übel von dem Geschaukel auf dem Schiff. Eine freundliche Kollegin stützte mich, als ich mich über der Reling erleichterte.

So schnell kann man seekrank werden...

Zur Sicherheit legte ich mich für den Rest der Fahrt mit dem Bramsegelschoner auf ein paar Seilen ab. Wollten wir nicht Mittsommer feiern? An Land? Mit einem wärmenden Feuerchen? Ich döste und träumte vor mich hin.

Abends gab es eine Grillparty in unserem Ferienhaus mitten in den Dünen, das wir uns mit wirklich netten Kollegen teilten. Alle waren begeistert vom Bio-Fleisch – nur mir als Veganer blieb schon beim Anblick das Gras im Hals stecken.

Ich brauchte dringend ein Bier. Zur Krönung setzte mich die Chefin auf den Babystuhl. No problem, Hauptsache die Atmosphäre war locker, people joking and laughing. Ich war in der Regenerationsphase, dabei stand weitere wilde Action auf dem Programm.

Entwürdigend? Luis auf dem Babystuhl im Ferienhaus.

Schon am nächsten Morgen stieg ich in einen Fahrradkorb, und die Chefin strampelte los – against all odds. Beziehungsweise gegen die Windgeister. Ich breitete meine Arme aus: Freie Fahrt für freie Schafe! Unser Ziel war noch neun Kilometer entfernt, und die Chefin pausierte für meinen Geschmack zu häufig.

Zur Belohnung durften wir auf den coolen Lynvig Leuchtturm kraxeln, durch eine Luke hinaus klettern und dem Wind in luftiger Höhe trotzen. Ein Stunt war unumgänglich, jetzt bloß nicht abwärts schauen. Just smile and sing a little song. Nebenbei erfuhr ich, dass es manchmal im Leuchtturm Konzerte gab, und mir ging das Herz auf. Jammin‘! I hope you like jammin‘, too…

Am Abend war es dann endlich soweit: Die Dänen Mydtjyllands sangen ihr Mittsommerlied, und wir mittendrin. Natürlich hatte ich erwartet, dass sie den Song auswendig konnten, den sie jedes Jahr zum Besten gaben. Doch sie lasen den Text von Blättern ab.

Just smile and sing a little song.

Netterweise gaben sie auch uns einen Zettel, so dass wir ein bisschen Dänisch lernen und mitsingen konnten. Irie, man! Das Feuer war warm, all people happy, und es war Sommer! Mittsommer. Ab jetzt wurden die Nächte wieder länger. Schade irgendwie, ich mochte diese Helligkeit am Abend.

Doch am meisten liebte ich Beaches. So legte ich mich bei den ersten Sonnenstrahlen in die Dünnen von Søndervig, lauschte dem Meeresrauschen und beschloss, ein Weilchen zu bleiben. Just relax, take it easy. Wikinger? Wir sollten Wikinger besuchen und dann wieder nach Hause fahren! Ich war wohl im falschen Film.

Dabei hatte ich als ausgewiesener Beachblogger noch so viel vor. Eine Abhandlung über die Weitläufigkeit des Dünengebietes von Hvide Sande schreiben oder die Stärke der Nordseewellen optisch ausloten. Die Feinheit des Sandes messen, wenn er über die Klauen rieselte.

Luis und seine Kernkompetenzen.

Ich musste meine Kernkompetenzen mehr in den Vordergrund stellen. Sun is shining… Stattdessen Fotoshooting mit diesen kräftigen Guys vom Wikingerhafen Bork. Dunkle Stimmen, beeindruckende Figürchen. Veganer waren die hier nicht, soviel stand fest. Sie erzählten von alten Zeiten.

Sogar ein Nasenzwicker kam zum Vorschein, wenn auch nicht so penetrant wie der Skipperhund von Samsø – auf meiner ersten Pressereise! Ich schwebte immer noch im siebten Himmel, der Job war der Hammer. Zwar hatte mich bereits Don Quichote in La Mancha mit dem Speer bedroht, und ich musste am Walkiefer freeclimben sowie mich von zweifelhaften Kollegen einbuddeln lassen, doch im Großen und Ganzen hatte ich in den letzten zwei Jahren top Erfahrungen gesammelt.

Umso glücklicher war ich, als die Wikinger auf die üblichen Scherze verzichteten und ihre Schwerter beim Shooting stecken ließen. Es war mir sogar möglich, bequem auf ihren Bäuchen zu posen. Love, peace & happiness! Yeah, ich war ein Kind dieser Zeit, wenn auch ein Spätgeborenes.

Posen auf den Bäuchen der Wikinger.

Stay tuned, my friends! Ich schulde euch noch die Stories aus Genua und Fjordnorwegen…

Euer

Luis Maria Fernando da Silva Santos

Fotos: Elke Weiler

Mit Dank an die dänische Region Hvide Sande, die diese Reise ermöglicht hat.

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