Der Herr der Bücher

Es gibt Dinge, die man nicht in Bildern erzählen kann. Eben noch war blaue Stunde in Porto. Ein Licht am frühen Morgen, das so nur in Meeresnähe scheint. Doch bevor sich die Sonne richtig zeigt, ist alles weg. Die ganze Stadt verschwindet, stattdessen nur dichtes Grauweiß vor meinem Fenster. Das Ende der Dreidimensionaltät.

Nur am entfernten Rauschen des Verkehrs ist Porto zu erahnen. Manchmal passt es, vor dem Wecker wach zu sein. Dinge festhalten zu wollen, die sich in die Erinnerung, aber nicht aufs Bild bannen lassen. Das Display der Kamera zeigt diffuses Nichts. Schemen einer Stadt.

Küstennebel
Küstennebel

Dann verschwindet der Spuk so schnell, wie er gekommen ist. Porto wird wieder sichtbar, zumindest der moderne Teil vor meinem Fenster im siebten Stock des Hotels. Gestern Abend sind wir angekommen und gleich nach Matosinhos gefahren. Ein Ort am Meer, der einzige für die nächsten Tage. Portos Hafen und Ausgehviertel, Portos Promenade und Strand.

Dabei ist Matosinhos etwa zehn Kilometer von Portugals zweitgrößter Stadt entfernt und durchaus eigenständig. Wie sagt man heute so schön? Es gehört zur Metropolregion. Wir steuern ein Restaurant mit dem klangvollen Namen „Os Lusíadas“ an. Was nach Literatur klingt, doch es sollen Meeresfrüchte und Fisch auf den Tisch kommen.

Matosinhos
Nachts am Meer

Die Lusiaden von Luís de Camões gelten als Klassiker portugiesischer Literatur, ein Werk aus dem 16. Jahrhundert, ein Nationalepos in Versen, dem ich später wiederbegegnen werde. An einem anderen Ort. Dass Fisch Poesie für den Gaumen sein kann, beweisen sie im Restaurant.

Ich muss dazu sagen, dass ich kein Freund elaborierter Küche bin. Ich liebe den Geschmack der Zutaten, nicht eine wirre Verschmelzung oder manierierte Komposition. Daher bin ich in Matosinhos goldrichtig. Nie habe ich bessere Venusmuscheln im Sud, selten einen köstlicheren Wolfsbarsch im Salzkleid gespeist.

Medusa in Matosinhos
Medusa in Matosinhos

Nach dem Essen laufen wir ein Stück die Promenade entlang. Die feuchte Luft kriecht in die Kleider, das Meer liegt im Dunkeln. Es riecht so intensiv, dass man es in der Luft fast spüren kann. Und klopft am nächsten Morgen an die Tür der Stadt. Der Nebel, der vom Atlantik kommt, erinnert mich an einen Begriff aus der Provence.

„L’entrée maritime“ nennen sie es am Mittelmeer, wenn feuchte Massen sich vom Meer über die Küste legen. Nach diesem Blick ins dichte Nichts drehe ich dem Meer den Rücken zu, sage „Adeus“, gezwungenermaßen. Wir wollen uns Porto anschauen, bleiben aber gleich bei Senhor Lello hängen. Das nimmt nicht wunder, zählt seine Buchhandlung doch zu den erklärten Lieblingen der Besucher.

Von außen zwängt sie sich zwischen zwei Architekturen, fällt jedoch durch ihre helle Fassade ins Auge. Neogotisch, mit durchbrochenen, aufgelösten Flächen, gepaart mit den floralen Formen des Art nouveau. Und spätestens als wir drinnen stehen, wissen wir, warum die Buchhandlung so beliebt ist. Sie swingt.

Buchhandlung Lello
Fassadenfreude

Durchgestylt bis ins letzte Regal, vor allem aber mit skulptural wirkenden Brücken und Treppen so inszeniert, dass der hohe Raum seine Eckigkeit verliert und mit fast musikalischer Leichtigkeit zu vibrieren scheint. Auch wenn wir es unter dem ganzen Holz nicht vermuten: Der Ingenieur Xavier Esteves hat mit dem Gebäude eine der ersten Stahl-Beton-Strukturen der Stadt geschaffen.

Während wir das tun, was man in der „Livreria Lello e Irmão“ immer als erstes macht, nämlich sämtliche Winkel ins Visier nehmen und ihre Schönheit für die Ewigkeit festhalten, schreitet José Manuel Lello geradewegs auf uns zu. 1881 wurde die Firma von seinem Ur-Ur-Großvater als Verlag mit Buchhandlung gegründet. 1906 entstand das Gebäude auf dem ehemaligen Grund des Karmeliterordens, heute steht es unter Denkmalschutz.

Buchhandlung Lello in Porto
Schwung im Raum

Senhor Lello erzählt mit Sorgfalt und ohne jede Hast. Pausen unterlegt er mit einem malerischen „Mhmm“. So vergessen wir die Zeit und beinah auch die ganzen Besucher, die sich in das schmale Gebäude drängen. Dabei haben die Buchhändler dem schon einen Riegel vorgeschoben: „Vor dem Sommer hatten wir 5.000 Besucher am Tag, die ihre Fotos und Selfies machten, aber keine Bücher kauften.“

Also wurde das Voucher-System eingeführt: drei Euro Eintritt, die man in den Buchkauf investieren kann. Auch mehrere Gutscheine zusammenzulegen ist möglich. Das reduzierte den Ansturm auf 2.000 bis 3.000 pro Tag und förderte den Absatz der Bücher. Wir sitzen vor der kleinen Kaffeebar im ersten Stock und lassen den Blick durch die Regale schweifen.

Die Bücher des Nobelpreisträgers José Saramago sind natürlich Bestseller, auch Fernando Pessoa ist gefragt. Die portugiesischen Klassiker in diversen Sprachen. Aber auch Koch- und Weinbücher sowie Guides. Büchereien sind ja zum Stöbern gedacht, man sucht nach Anregung, nach Inspiration.

Und so bitte ich Senhor Lello zum Abschied um Empfehlungen, was die Lektüre Saramagos angeht. Er erwähnt „Das Memorial„*, worin sich ein König, das Volk ausbeutend, eine enorme Klosteranlage als Denkmal errichten lässt. Oder, wenn es leichter und humorvoller sein soll: „Das steinerne Floß„*: Ein Riss durch die Pyrenäen trennt die iberische Halbinsel vom Festland ab, und eine Gesellschaft gerät aus den Fugen.

Es kommt, wie es zwischen lauter Lesestoff kommen muss: Wir vergessen die Zeit. Bevor wir in den Zug steigen, um ins Landesinnere aufzubrechen, kosten wir Bacalhau à Gomes de Sá – ein Stockfisch-Kartoffel-Auflauf mit Oliven. Und es ist gleich zu Beginn der Reise klar, dass Portugal mich wieder mit einer Breitseite erwischt hat.

Text und Fotos: Elke Weiler

Mit Dank an Nordportugal, Centro de Portugal und TAP Portugal, die diese Reise unterstützt haben.

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  1. Der Buchladen sieht ja wunderschön aus! Ich war schon in Porto, aber den Buchladen habe ich nicht besucht. Das ist ein Grund mehr, endlich mal wieder hinzureisen. Danke für den schönen Artikel!
    Viele Grüße, Meike

  2. Liebe Elke,
    Artikel wie diese lese ich hier am Schreibtisch ja gar nicht gerne. Sie halten mich vom Arbeiten ab, lenken die Gedanken in Regionen, in denen sie „genau jetzt“ nichts zu suchen haben. Herrlich! 😉
    Porto wird es nicht sein in ein paar Wochen, aber Lissabon. Deine Zeilen erhöhen die bereits große Vorfreude nochmals – Danke!
    Viele Grüße
    Hubert

  3. Ach … Elke wieder mal möchte ich gleich meinen Koffer packen. Olaf und ich wollen – kiddies sind ja jetzt fast erwachsen- Städtereisen unternehmen… endlich ein bisschen von der Welt sehen .Wenn es nach Portugal geht,werden wir dich nach Tipps löcherm
    LG Gela

  4. José Carvalho

    Olá Elke! Sono ansioso della tua impressioni della mia città Coimbra. 🙂

  5. Pingback: Castelo Rodrigo, ein Dorf in Portugal

  6. 🙂 La prossima volta devi restare piú tempo à Coimbra.

  7. Danke Elke, toller Artikel! Ich sehe den Buchhändler förmlich vor mir, wie er die Pausen mit Mhmmm überbrückt. Schlauer Kopf mit der Voucher Idee. Ich stelle fest ich muss unbedingt nach Porto. Bei der Durchfahrt habe ich nur die vielen Brücken in Erinnerung!
    Liebe Grüsse Britta

  8. Wunderbar <3 Wie immer: So schön geschrieben und stimmungsvolle Bilder.
    Porto steht ganz oben auf meiner Liste. Mal sehen, ob ich es dieses Jahr schaffe. Danke für Deinen inspirierenden Artikel.

    • Danke, liebe Tanja! Das freut mich sehr. In Porto war ich leider auch viel zu kurz. Aber es läuft ja nicht weg. 🙂

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