Blau ist die Reise

„Good morning!“, meint einer der jungen Kellner. Eigentlich haben wir schon Mittag im türkischen Bodrum, deswegen das breite Grinsen zum Gruß. Alles Scherzkekse!

Nach einem ersten Erkundungsgang im Hotel stellen wir fest: Wir sind im Schlaraffenland gelandet. Das Buffet, die Sünde in Reinform! Allein der Pidebäcker holt die Versuchungen in Form von dampfendem Schafskäse auf Teigfladen ständig frisch aus dem Ofen.

Ganz zu schweigen von einer Armada an Desserts. Und der tägliche Kampf um die leckersten Kirschen der Welt hat bereits begonnen. Meine anfänglichen Bedenken gegen „All inclusive“ sind zunichte gemacht, dem Pidebäcker sei dank.

Atemberaubend. All inclusive.
Atemberaubend. All inclusive.

Die kubischen, weißen Häuser der Anlage sind über den Hügel verteilt. Ebenfalls „all inclusive“: der gigantische Ausblick auf die Ägäis. Nach Bodrum-City ist es nicht weit, und so beschließen wir nach einem tagesfüllenden Programm mit Yoga, Meditation und Tai Chi endlich den Ort kennenzulernen.

Nach dem Abendessen düsen wir mit dem grasgrünen Minibus los, einem echten Dolmuş. Ganz stilecht, mit einem gut gelaunten Busfahrer und kichernden Gästen auf karierten Sitzbezügen. Bezahlt wird auf Zuruf und teuer ist es auch nicht.

Außen grün, innen kariert.
Außen grün, innen kariert.

In Bodrum geht’s rund, Leben in allen Gassen. „Soll ich dir ’ne fette, geile Jeans zeigen?“, meint ein smarter Verkäufer in akzentfreiem Deutsch. Wir sind tief beeindruckt. Auch von dem bonbonsüßen, kalten Apfeltee zur Begrüßung. „Ein uraltes Ritual.“ Der junge Mann feixt.

Dann geht’s um die Jeans. Woher soll ich wissen, ob das potentielle Mitbringsel dem Liebsten passt? Kein Problem. Der Hosenspezialist lädt kurzerhand seine besten Freunde ein, über den imaginären Laufsteg seines Ladens wandeln.

Darf es etwas Typisches sein?
Darf es mal etwas Typisches sein?

„Ok. Also kleiner als Serdar und schlanker als Murat. Das macht Größe 33/30.“ So funktioniert präzises Maßnehmen alaturka. Hätte der gute Mann auch noch einen Freund mit der passenden Größe gehabt, hätte man noch den Sitz und die Wirkung checken können. Aber ich werde auch so fündig.

Die Nacht ist jung, als wir – mit Tüten beladen und zufrieden bis leicht erschöpft – in einem schicken Club am Meer auf bequeme Sessel niedersinken und den echten Halbmond über dem alten Johanniterkastell bewundern. Noch einen Raki mit Eis und Wasser, oder lieber einen Tee?

Im Club mit Burgblick
Club mit Burgblick

Und wer hat eigentlich den Fünf-Uhr-Tee erfunden? Am nächsten Tag gehen wir dieser Frage nach. Tülin ist eigentlich in Hamburg geboren, lebt aber seit 1985 in Bodrum. Sommers wie winters übrigens, auch wenn das Städtchen grau und leer ist. Wir schlendern über die Kale Caddesi, die zentrale Einkaufsstraße.

Tülin winkt ab, als die aufmerksamen Händler locken und rufen. Jetzt nicht. Unser Ziel ist der Yachthafen, dem die Stadt den überbeanspruchten Beinamen „türkisches Saint-Tropez“ verdankt. Dort wartet ein Gulet zwecks Blauer Reise auf uns.

Saint Tropez auf Türkisch?
Saint-Tropez auf Türkisch?

Wäre nicht einst der Dichter und Maler Cevat Şakir gewesen, der die Schönheiten Bodrums in der Verbannung entdeckt und gepriesen hat, Bodrum wäre wohl heute nicht der selbe Ort. Er liebte es, in den Booten der Schwammtaucher die Küste entlang zu segeln. Dafür prägte er den Begriff „Blaue Reise“.

Der Zweimaster steuert mit uns an Bord die Halbinsel entlang. Nicht allzu weit entfernt liegt Griechenland, die Insel Kos ist zum Greifen nah. Das Meer so türkis, so durchsichtig und verlockend, dass ich sofort hineinspringen möchte. Das dürfen wir dann auch in einer kleinen Bucht, die nur auf dem Wasserweg zu erreichen ist. Wir schnorcheln und observieren Steine und Fische.

Blau ist die Reise.
Blau ist die Reise.

Auf der Rückfahrt gibt’s nicht viel zu tun, außer konzentriert zu relaxen. Während der Fahrtwind uns um die Ohren pfeift, spritzt die Gischt bis ans Deck. Die Nachmittagssonne taucht Inseln, Meer, Küste und alles ringsherum in betörende Farben, während uns das schaukelnde Boot in eine andere Welt trägt. Und die ist blau.

Da! Ein knurrender Magen, welcher? Fast zeitgleich mit einem bimmelnden Glöckchen. Es sei Zeit für „beş çayı“ (sprich: besch dschei), findet Tülin. Meint: Fünf-Uhr-Tee mit Plätzchen. Das haben sich die Engländer vermutlich hier abgeguckt. Oder umgekehrt?

Geht es noch schöner?
Eine Stadt hat sich fein gemacht.

Die Nacht legt sich über den Hafen: Zeit für ein Dinner an der Marina Yacht. Vom Minarett der kleinen Moschee erschallt der Ruf des Muezzin. Mit einem erstem Sunflash auf der Haut sitzen wir rund um den Tisch, tauschen uns eifrig aus und probieren gemischte Vorspeisen.

Spinatcreme und eine leicht scharfe rote Paste, dicke Bohnen in Gemüse. Linsen und Salat, der in einem gebackenen Schälchen serviert wird. Später gibt’s gegrillten Grouper und hausgemachtes Kartoffelpüree. Zum Nachtisch Crème brûlée mit integriertem türkischen Mokka.

Wenn ich ein Maler wär...
Wenn ich ein Maler wär…

Tanzen? Tanzen. Schon am Yachthafen wie auch am Weg entlang des Meeres finden sich zahlreiche Clubs. Halikarnas ist nicht nur der alte Name für Bodrum, so nennt sich auch die berühmteste Diskothek des Ortes.

Inmitten einer klassizistischen Architektur, die sich zum Meer und zur Burg hin öffnet, tanzt sich die Meute Abend für Abend warm. Drei Säulen trennen Innen- und Außenwelt – leicht surreal wirkt dieses Tempel-Ambiente schon. Die Tanzfläche an der tiefsten Stelle des Gebäudes füllt sich samstags abends gerne hüfthoch mit Schaum. Aber das ist heute nicht zu befürchten. Musik? Mainstream. Alles, was einheizt – von Madonna bis Tarkan.

Fischlein gibt's nicht nur im Wasser.
Klimper-Fische

Ein Stück weiter legt der Riesen-Katamaran ab, so zwischen 1 und 2 Uhr nachts. Sprüht Nebel auf die Tanzfläche, die nichts anderes ist als ein Glasboden über dem Meer und den Fischen und Algen heimleuchtet.

Internationale DJs spielen auf und im Gegensatz zum „Halikarnas“ geht’s musikalisch wesentlich elektronischer zu. Erst um 5 kommt das Dancing Boat wieder zurück. Doch wer zwischendurch genug hat, kann eines der Shuttle-Boote nehmen.

Das alles gehört zum Sommergesicht von Bodrum. Im Winter, das weiß die hier lebende Tülin am besten, normalisiert sich die Lage. Einige würden vielleicht sagen: Nix mehr los im ‚türkischen Saint-Tropez‘.

Dann ist es einfach nur noch: das schöne Bodrum, das der Schriftsteller und seine Freunde so liebten.

Text und Fotos: Elke Weiler

Aus der Reise „Archivgeschichten“: Im Juni 2005 flog ich nach Bodrum. Es ging um Yoga am Meer, doch dazu mehr im nächsten Bodrum-Post.

Mit Dank an Jahn Reisen, die diese Reise unterstützt haben.

  1. Pingback: Der Sound des Bosporus

  2. So ein schöner Bericht, ich krieg gleich Hunger und will in die blaue Ägäis hineinhüpfen. Das erinnert mich sehr an meine Blaue Reise vor 2 Jahren, ein Traum! http://www.unterwegsunddaheim.de/2013/06/tuerkische-agais-blaue-reise/

    Ich war im Winter in Bodrum, da ist es wirklich menschenleer, aber ich war damals auf einer kulturellen Rundreise durch die Schönheiten der Türkei. Ein absolut tolles Stückchen Erde, wie ich finde.

    Liebe Grüße
    Nicole

    • Da hast du absolut recht! Im Winter, ja das war bestimmt toll! Muss ich gleich mal lesen!! LG, Elke

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  4. Wie heisst das Hotel wo Sie waren?

  5. Blaue Reise haben wir bisher keine unternommen, wir chartern uns ein eigenes Boot und segeln damit die Küsten entlang, das Revier ist ein Traum, die Menschen hilfsbereit…das Essen unbeschreiblich. Bodrum ist halt sehr groß und touristisch – auch mal schön, aber kaum eine Tagesreise mit dem Boot entfernt sieht die Welt ganz anders aus – viel schöner!

    Hoffentlich haben wir noch lange die Möglichkeit dies zu tun.

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