Die Begegnung

Geschichten haben keine bestimmte Zeit. Sie passieren einfach, meist schnell und unverhofft. Wenn du wach bist. An jenem Morgen bin ich das nur aufgrund eines starken Kaffees vom Bäcker. Wir sind gegen unsere Gewohnheit zu früh am Bahnhof, und es wird ein Frühstück im Freien, vermutlich das letzte, bevor der Winter kommt. Mit Franzbrötchen und ein paar gefiederten Backgroundsängern.

Im Zug das übliche Rauschen, je näher wir Hamburg kommen. Der Alltagstrott, das Hamsterrad hat sie alle. Nur die zwei Strickerinnen in meinem Abteil fallen aus dem Rahmen. Jedes Mal, wenn ich unterwegs bin, frage ich mich, wo sind jene Menschen eigentlich? Die Menschen, die nicht wie ich mit Sicherheit und Plan unterwegs sind.

Die Haus und Hof verlassen mussten, ihre ehemals faszinierende Region am Mittelmeer, um ausgerechnet im kalten Deutschland Fuß zu fassen. Ströme von Menschen, die Medien sind doch voll davon, Tag und Nacht. Egal, ob in Cafés, Kneipen, sozialen Netzwerken – über welche Menschen wird eigentlich gesprochen? Dass jene Menschen enorme Kosten verursachen und die Gesellschaft verändern, sagen die Nachbarn, als orakelten sie über eine Erscheinung.

In welcher Welt lebe ich, dass ich bislang nicht einen Einzigen davon bemerkt habe, egal wo ich bin? Auch wenn ich nicht danach suche: Es müsste mir doch öfters mal einer von ihnen über den Weg laufen, wenn es so viele sind, wie die Berichterstattung und die Reaktionen darauf suggerieren. Genug griesgrämige Menschen gibt es hingegen schon, die ihr Lebensumfeld nicht zu schätzen wissen, es aber trotzdem nicht teilen möchten. Was treibt sie in derartige Wahnvorstellungen, dass sie sogar zu Waffen greifen?

Ich möchte endlich mit eigenen Augen sehen, wer so furchterregend wirken kann. Doch ich lebe auf dem Land, fahre hin und her, durch andere Länder, große Städte. Alles ist wie immer. Ich durchquere Hamburg per Bahn. Menschen unterschiedlicher Couleur steigen ein und aus, das Rauschen wird stärker. Doch keine Musik, kein schmissiges, schief gespieltes Lied dieses Mal.

Ich bin schon fast am Flughafen, da sehe ich den Mann. Am anderen Ende des Ganges, einen Pappbecher in der Hand. Mittelgroß, dünn, südliches Äußeres, Hut. Wortlos hält er den Sitzenden den Becher hin, mal rechts, mal links.

Ich weiß nicht warum, aber plötzlich denke ich an Marrakesch. An den Mann, der sagte, er gebe jeden Tag einem Bettler eine Münze. Ich denke daran, wie wir in Düsseldorf immer einen ganz bestimmten Obdachlosen unterstützt hatten, weil er uns sympathisch war.

Ich krame in meiner Tasche, fische zwei Euros aus dem Portemonnaie und werfe die Münze in den Becher, als der Mann mit dem Hut vor mir steht. Er redet immer noch nicht, wirkt steif, fast erschrocken. Doch mit einem Mal kommt Leben in ihn, er nimmt meine Hand, um sie aus Ehrerbietung zu küssen.

Mir ist das peinlich, schließlich bin ich keine Päpstin. Ich berühre seinen Arm, murmele „danke… nein…“. Irgendetwas Verwirrtes. Er steht schon an der Tür, verändert, von innen strahlend. Zum Abschied winkt er mir zu – wie einem alten Freund. Ich winke zurück. Froh.

Und wie sagte Antoine de Saint-Exupéry? Man sieht nur mit dem Herzen gut.

Ich weiß nicht, wo der Mann mit dem Hut herkommt. Welche Reise er hinter sich hat, und ob sie überhaupt übers Mittelmeer geführt hat. Ich weiß nicht, wie verzweifelt und hoffnungslos er war. Aber ich weiß, dass es reich macht, mit dem Herzen zu sehen.

Ich werde bald dort sein. Am Mittelmeer, in dem Leichen schwimmen, immer wieder, schon seit langem. Wie kann ich nicht daran denken, wenn ich an einem seiner Strände stehe. Dabei könnte alles so einfach sein, an meinem Mittelmeer, das genau so wenig meines ist, wie das Land, in dem ich aktuell lebe. Schließlich sind wir alle auf der Durchreise, und das Leben ist flüchtig.

Text und Foto: Elke Weiler

Blogger für Flüchtlinge

  1. Ich weiss nicht, ob ich deinen Artikel ernst nehmen kann. Du siehst die Flüchtlinge nicht? Du siehst keine Massen? Ich fahre jeden Tag mit der U-Bahn zum Hauptbahnhof. Und ich sehe sie. Sie fallen vielleicht nicht sonderlich auf, Südländer halt mit Plastiktüten und kleinen Kindern. Wenn Du die Massen sehen willst, dann schau mal in der Wandelhalle Ausgang Kirchenallee. Je nachdem, ob gerade ein entsprechender Zug angekommen ist, oder nicht, sind es dort manchmal Hunderte, die warten, lagern, sich für ein Wasser oder ein Butterbrot anstellen… Die wenigsten kommen auf die Idee zu betteln.
    Die, die betteln, sind meistens keine Flüchtlinge.
    LG
    Ulrike

    • Dan muss ich wohl noch genauer hinschauen, beziehungsweise einfach suchen, hingehen, nichts dem Zufall überlassen. Aber wie Claudia schon richtig sagte: Was passiert, ist nicht neu. Also ist es nicht egal, wer da vor mir steht, so lange er in Not ist? Immerhin hast du mich bzw. den Artikel so ernst genommen, dass du geantwortet hast! LG, Elke

      • Ja, Elke, ernst genommen habe ich Deinen Artikel. Ernst genommen, weil es mich aufgerüttelt hat zu lesen, dass manche Menschen die Flüchtlinge gar nicht wahrnehmen. Und wenn, dann als Bettler. Flüchtling = Bettler : auch das verstärkt Vorurteile. Vielleicht ist meine Wahrnehmung etwas geschulter durch meine ehrenamtliche Tätigkeit für die Bahnhofsmission. Auch weiß ich um die vielen Hilfsangebote.
        Noch einmal: Die Flüchtlinge, die zu uns kommen, sind in der Regel keine Bettler! Es ist auch nicht wirklich nötig, dass sie betteln.
        LG
        Ulrike

        • Ich finde es klasse, dass du ehrenamtlich tätig bist! Wie du vielleicht gemerkt hast, habe ich das Wort Flüchtling nicht benutzt. Für mich sind alle Menschen, egal ob ich jemandem in der Bahn begegne, der meine Hilfe braucht, egal ob es ein Obdachloser ist, der aus der selben Stadt stammt wie ich. Egal, ob es jemand ist, der vor zehn Jahren oder in diesen Tagen aus einem Land im Mittelmeerraum oder woanders gekommen ist. Ich wollte eigentlich nur sagen, dass die Kluft der Wahrnehmung zwischen medialer und gelebter Realität unglaublich groß ist. Und dass ich einfach die immensen Ängste, die vermutlich auch aufgrund der Intensität der Berichterstattung entstehen, nicht nachvollziehen kann. Ich wollte nur eine kleine Geschichte erzählen, die mir letzte Woche passiert ist. Für mich war sie wichtig. LG, Elke

          • Machst Du es Dir nicht zu einfach, wenn Du das „Kind“ nicht beim Namen nennst? Und wenn du im ersten Teil Deiner Geschichte nicht die Flüchtlinge meinst, was macht dann der 2. Teil für einen Sinn? So kann ich nur abschließend sagen: Ja, nette Geschichte, nett geschrieben, aber ohne Bedeutung.

          • Starker Tobak, Ulrike! Was treibt dich an?

  2. Ruhige, unspektakuläre Worte, die umso schöner sind! Das Mittelmeer ist seit vielen Jahren ein Grab, auch wenn wir zur Zeit unglaubliche Zahlen erreichen. Wie Du bereits schriebst, begann das Sterben im Mittelmeer schon vor über zwanzig Jahren. Beschämend ist es, wenn man sich heute jemand überrascht gibt. Die Routen der Flüchtlinge ändern sich. Und nun schwappt das „Problem“ (Anführungszeichen) auch bis über die Alpen. Mich erschrecken nur die Reaktionen so mancher Mitbürger, sowohl südlich als nördlich der Alpen. Unsere Kultur im Süden Italiens, in Griechenland wie auch in vielen anderen Anrainerstaaten des Mittelmeers würde es in dieser Form nicht geben, hätten Griechen, Römer, Araber, Osmanen, Normannen und viele andere Völker nicht ihre Spuren hinterlassen. Bacione aus dem Süden, Claudia

    • Danke, liebe Claudia! Es ist mir gerade wieder aufgefallen, wie lange wir eigentlich schon wegschauen, weil ich ein Buch von Gianrico Carofiglio gelesen habe „Eine Nacht in Bari“ – kennst du das? Und mir ist gerade noch in Malta aufgefallen, wie selektiv diverse kulturelle Einflüsse eingestuft werden. Alles nur Erziehungssache? Non lo so… Aber du hast in allen Punkten recht! Bacione zurück ins wunderbar kulturell gemischte Apulien! 😉

  3. Liebe Elke,

    ein schöner Beitrag, den ich als Aufforderung verstehe, die Relationen klar zu sehen und Panikszenarien ins Reich der bösen Phantasien zu verbannen. Obwohl mein Zuhause quasi das Gegenteil von Eiderstedt ist und in der Nachbarschaft zeitweise über 1.000 Flüchtlinge untergebracht wurden, verändern sie das Straßenbild nur unwesentlich. Dabei gibt es hier viele Veranstaltungen, die Ureinwohner und Flüchtlinge zusammenbringen. Auf meinen Reisen geht es mir wie Dir. Da sehe ich zu 99% gar nichts, das sich verändert hätte. Das restliche Prozent lässt einen demütig, dankbar und oft genug auch traurig werden.

    Liebe Grüße, Stefanie

    • Danke, liebe Stefanie! Manchmal denke ich, ich lebe in einer Parallelwelt. 😉 Was für Veranstaltungen denn, hast du mal daran teilgenommen? Erzähl‘ es bitte einer Durchreisenden! Liebe Grüße nach Hamburg!

      • Liebe Elke, hier gibts eine sehr gut organisierte Freiwilligen-Initiative. Fängt natürlich an mit Sachspenden und Infoveranstaltungen. Es gab aber auch schon gemeinsames Picknicken auf dem Vorplatz, Massen-Haareschneiden, Kinderfeste, Ausflüge uvm. Man kann auch spontan kommen, um in der Kleiderkammer zu helfen. Auch mal nur eine Stunde. Das ist für Berufstätige natürlich super. Es wird einem also wirklich leicht gemacht, einen Zugang zu finden. Total vorbildlich, wie ich finde. Liebe Grüße an die Nordsee, Stefanie

  4. Irgendwie, irgendwann oder irgendwo sind oder waren wir doch alle mal Flüchtling, ob unsere Eltern, Großeltern oder Urgroßeltern. Jeder normale Mensch sucht seinen Frieden und wenn das Haus zerschossen wurde, wird es Zeit aufzubrechen.

  5. Danke!
    Ein wundervoller Artikel zu einem Thema, welches nicht genügend thematisiert werden kann.

  6. Pingback: Museum der Westküste | Föhr

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