Manchester à la carte

In den Straßen von ManchesterIn den Straßen von Manchester

Es ist noch nicht allzu lange her, da habe ich zum ersten Mal englischen Boden betreten. Und zwar in Manchester. Mein erster Eindruck: Die Stadt im Nordwesten Englands ist wunderbar bunt gemischt und wirkt angenehm unaufdringlich. Manchester hat mich überrascht, gleich mehrfach.

Ja, das Wetter, das ist so eine Sache. Englisch eben. Aber man kann sich die Zeit wahnsinnig gut in Cafés vertreiben. Und ich muss zugeben: Am meisten habe ich mich im Northern Quarter aufgehalten. Nach Stavanger, Rotterdam und Antwerpen hier nun mein persönlicher Miniguide für Manchester.

Motel One Manchester Piccadilly

Music in the air

Motel One Manchester-Piccadilly
34 London Road

Mit einem der regelmäßig verkehrenden TransPennine-Expresse erreiche ich Piccadilly Station in 20 Minuten vom Airport aus, Kostenpunkt 4,90 £. Ich gehe aus dem Bahnhof heraus, folge nur kurz dem Menschenstrom in Richtung City, biege links ab und finde mein Hotel in Manchester auf der London Road, keine fünf Minuten vom Bahnhof entfernt. Man überreicht mir den Schlüssel für ein Zimmer mit wunderbarem Blick über die Stadt, der Lärm der Straßen ist nur aus der Ferne zu hören. Irgendwie erscheint mir Manchester weniger laut als andere Großstädte. Als hätte es eine natürliche Lässigkeit, etwas Unaufgeregtes und dennoch Geschäftiges. Die Biene im Wappen steht für den Fleiß der Menschen während der industriellen Revolution. Ich finde Bienen aus Metall als Zitat in der Lobby wieder. Denn das Hotel nimmt Bezug auf seinen Ort. In der Bar Schwarzweißfotos, Vintage-Gitarren und Schallplatten. Da fällt mir ein, dass Bands wie Oasis, Simply Red oder New Order aus Manchester stammen, und die Liste ist unendlich lang. Manchester, die Musikstadt. Vielleicht werde ich mich am Abend an die Bar setzen, mich unter der Diskokugel ein bisschen wie in den 80ern fühlen, bevor ich mich auf mein breites Bett mit Aussicht lege.

Frühstück im "fig & sparrow"

Frühstück im „fig & sparrow“

fig & sparrow
20 Oldham Street

Erst mal wach werden. Ich bin schon früh in Manchester angekommen, habe mein Gepäck im Hotel abgeladen, dort einen ersten Kaffee in einem der karibisch blauen Egg Chairs von Arne Jacobsen getrunken und mal wieder festgestellt: Türkis ist meine Farbe. Durch die Fensterfront fühle ich mich der Stadt schon in der Lobby nahe und erfahre: Alles ist fußläufig zu erreichen. Also nur ein Katzensprung von Piccadilly ins Northern Quarter, das sich rund um die Oldham Street ausbreitet. Mitten im Epizentrum der Studenten, Kreativen, Bohemians finde ich per Zufall das „fig & sparrow – lifestyle store & coffee bar“. Auch wenn ich mich quasi traumwandlerisch auf unbekanntem Terrain bewege, fällt mir der feine kleine Laden sofort ins Auge. Ich bestelle also einen zweiten Kaffee und ein Brot mit Lachs. Sehr lecker! Rundherum Witziges bis Praktisches und Schönes in den Regalen, teilweise von lokalen Designern. Ich mag allein die Einrichtung des kleinen Concept Stores, ein bisschen Industrial Chic gepaart mit Nordic Style und Beach Look. Volltreffer!

The John Rylands Library

Eine Kathedrale fürs Buch

The John Rylands Library
150 Deans Gate

Zumindest diesen einen Punkt habe ich auf der Liste: Ich möchte mir eine der berühmtesten Bibliotheken der Welt anschauen. Die Rylands Library ist nicht schwer zu finden, so mitten in der City. Ich habe das Backsteingebäude aus dem 19. Jahrhundert im viktorianischen Stil auf der Deans Gate schnell ausgemacht, doch es gibt einen historischen und einen modernen Teil, und im neuen Anbau um die Ecke sind Eingang, Shop und Café zu finden. Auch dieser neue Teil gefällt mir außerordentlich, nimmt er sich doch in minimalistischer Formensprache und neutralem Weiß zurück. Der Raum wird zum historischen Teil hin aufgerissen und schafft so einen idealen Übergang zum neogotischen Gebäude. Für Liebhaber von Buchraritäten und handgeschriebener Manuskripte ist die Bibliothek ein Muss, doch allein die Architektur fasziniert. Sakral wirkt sie in jeder Hinsicht, ein schwelgendes Fest gotischer Bögen, ein heiliger Ort des Wissens. Einmal im historischen Lesesaal der Rylands zu arbeiten, hätte mein kunsthistorisches Herz nicht nur zu Studienzeiten höher schlagen lassen.

Die besten Madeleines von Manchester

Die besten Madeleines von ganz Manchester

Teacup Kitchen
53-55 Thomas Street

Zeit für eine Pause, Zeit für einen Tee. Ich gehe zurück ins Northern Quarter, habe das Teacup Kitchen auf dem Schirm. Es würde ein bisschen dauern, gibt man mir gleich zu bedenken. Denn die Madeleines werden frisch gebacken. Also schlürfe ich derweil schlückchenweise meinen Rosenblüten-Tee. Der Laden ist voll, aber das scheint in Manchester ja Normalzustand zu sein. Vor allem im Northern Quarter, einst Viertel der Baumwolle-Industrie, heute Treffpunkt der Jungen und Kreativen. Daher gibt es überall WiFi für die digitale Bohème, man muss nur nach dem Passwort fragen. An diesem Tag heißt es sinnigerweise „drinkmoretea“. Dann schweben sie auch schon auf meinen Tisch, heiß und duftend, die besten Madeleines, die ich je gegessen habe. Mit Erdbeeren und „clotted cream“, ein Zwischending aus Sahne und Butter, sehr cremig, sehr gehaltvoll, eher wie Frischkäse im Geschmack. Die Madeleines haben eigentlich keine weiteren Zutaten nötig, doch gemeinsam mit den Erdbeeren ergibt sich ein harmonisches Miteinander.

Manchester Art Gallery

Kunst im Foyer

Art Gallery
Mosley Street

Kräuter, Farne und Palmen säumen meinen Weg zum Eingang des Kunsttempels in der City. Im Sommer lädt auch ein Innenhof zum Chillen ein, doch im Winter muss ich mir einfach mal vorstellen, was sich poetisch „The lost gardens of Manchester“ nennt. Und mich mit den Kunstwerken der Art Gallery begnügen. Sie ist bekannt für ihre Sammlung britischer Künstler des 19. Jahrhunderts, der sogenannten Präraffaeliten. Doch es ist vor allem William Turner, Romantiker und früher Impressionist, der mich hierher zieht. Und sogar das wilde Meer finde ich im Museum wieder: Turners Gemälde von bewegter See, einem Segelboot und verzweifelten Passagieren, die es mit einem Beiboot zu erreichen versuchen. Das Bild trägt den Titel: „Now for the Painter“, (Rope.) Passengers Going on Board (‘Pas de Calais’). Wieder ich habe ein Werk gefunden, in das ich mich vertiefen kann. Fast rieche ich die Seeluft, fast pfeift mir der Wind um die Ohren.

Fred Aldous Manchester

Do it yourself!

Fred Aldous
37 Lever Street

Zeit für Shopping? Mal schauen. Die Meisten zieht es ja in den muffig riechenden Vintagestore „Afflecks“. Der ist zugegebenermaßen ein Kuriosum, doch ich bin schnell wieder draußen. Auf der Lever Street werde ich fündig. Das bunte Schaufenster ist schuld, es hat fast etwas Psychedelisches. Ich gehe einfach mal hinein, obwohl ich nicht zur Bastelfraktion zähle. Fred Aldous scheint der Himmel für alle DIY-Fans zu sein und solche, die es werden wollen. Es gibt auch Bastelsets für Einsteiger, mal eben einen Teddybären selber nähen. Im Erdgeschoss einen nostalgischen Passbildautomaten sowie auf zwei Etagen Zubehör für alles, was man selber herstellen könnte oder als Künstler dringend benötigt. Darunter Rahmen zum Teppichknüpfen und Bienenwachs für Kerzenmacher. Selbst ich kaufe etwas bei Aldous, wenn auch nur ein Buch: „The Guerilla Art Kit“. Fortan bin ich bestens gewappnet für einen unkonventionellen, kreativen Lebensstil. Ich könnte nun eigene Prints erstellen oder Poster. Noch witziger und vielleicht auch eine Idee für den Blog: mal eine Sound Collage zu produzieren. Ermutigende Worte zum Schluss: „Start your own revolution!“ Manchester, du inspirierst mich.

Salford Quays Manchester

Abends am Wasser

Salford Quays
Salford, Greater Manchester

Last but not least muss ich ans Wasser. Um Manchesters Verbindung zum Meer kennenzulernen, genügt eine Investition von 2,60 £ für eine zirka fünfzehnminütige Busfahrt. Es geht mit dem Doppeldecker durch die Stadt zum Ende des Manchester Ship Canals. Das Leben an den einstigen Docks kam in den 70er Jahre des letzten Jahrhunderts zum Erliegen, als die Schifffahrt auf Container umgestellt und der Kanal zu klein geworden war. In den 80er und 90er Jahren begann man mit der Reurbanisierung, dem Projekt vom Viertel am Wasser. Wohnhäuser, die sich wie Segel im Wind zu blähen scheinen, eine Shoppingmall sowie Prestigeobjekte wie The Lowry Theatre und das Imperial War Museum North von Daniel Libeskind. Ich begnüge mich damit, einfach am Wasser entlang zu spazieren und mir vorzustellen, wie zu Zeiten der industriellen Revolution an den Docks Baumwolle, Getreide und Holz verschifft wurden. Nun ist es ruhig hier und doch voller Leben.

Und ein paar Impressionen:

Text und Fotos: Elke Weiler

Meine Übernachtung in Manchester wurde von Motel One unterstützt, hier mehr Infos zum Motel One Manchester-Piccadilly.

12 Kommentare

  1. Wow, Manchester hatte ich bisher gar nicht auf dem Schirm. Sieht toll aus, hört sich toll an! Das muss ich mir gleich einmal abspeichern. Sonnige Grüße, Jutta

    • Danke, liebe Jutta! Bei mir ist es fast per Zufall passiert, weil auf dem Weg nach Saint Lucia. So kann sich ein Stopover richtig nett entfalten. Grundsätzlich können ja Städte mit einer großen Café-Auswahl nicht falsch sein! 😉 Liebe Grüße! (Wir hatten schon Sonnenuntergang.)

  2. Die Salford Quays sind super schön bei Sonnenuntergang. Museum of industies n science fand ich sehr interessant und man kann sogar um Manchester herum sehr schön wandern. Infoblätter gabs bei der Buszentrale.

  3. Im April werde ich einen Tag in Manchester sein! wie praktisch gleich Deine Tipps zu haben 🙂 . eigentlich wollte ich gleich nach Chester weiterfahren, aber vielleicht sollte ich doch in Manchester bleiben! Danke!

  4. Du schaffst das wirklich immer wieder … – Allein wegen des Pfützen-Bildes am Anfang, in dem sich mein Blick endlos verfangen könnte, frag ich mich: Sollte ich auf dem Weg nach Schottland, später in diesem Jahr, vielleicht in Manchester anhalten?!? Dann noch Turner. Und jetzt auch noch der Manchester-Song aus Hair, der mir gerade in den Sinn gekommen ist … vielleicht wegen des wirklich krass psychedelischen Fotos. 😉

  5. Super. Ich muss ja gestehen, dass England das einzige Land ist, in dem mich das Wetter noch nie gestört hat. Ich liebe es dort sogar, im Regen durch die Straßen zu laufen und mir anzuschauen, was ich mir vorgenommen habe. Außerdem gibt es ja meistens Tee oder Sandwiches um sich wieder aufzuwärmen. 🙂

  6. Pingback: Búzios, la dolce vita und die Kunst | Brasilien

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