Vom Strampeln und Schieben

Kopenhagen – Mozambique. So weit wollen wir nicht radeln. Doch viele der Bikes, die das „Baisikeli“-Team in der dänischen Hauptstadt fabriziert oder recycelt, lassen diesen Weg hinter sich.

Der Fahrradverleih an der Ingerslevsgade hat sich eine Mission auf die Fahnen geschrieben: zur Mobilität, Infrastruktur und Lebensqualität in Afrika beizutragen. Leihe ich mir nun eines der Räder in Kopenhagen, nehme ich automatisch daran teil.

Der Gründer Niels Bonefeld steckt jeden verfügbaren Euro aus dem Verleih und Verkauf seiner Räder und aus dem Erlös des im Laden betriebenen kleinen Cafés in sein Projekt.

Die Transporträder
Die Transporträder

Für umgerechnet weniger als sieben Euro gibt es ein Zweirad, mit dem man dann sechs Stunden lang durch die Stadt düsen kann. Und das ist in der europäischen Fahrradhauptstadt quasi ein Muss. Der Ausgangspunkt unserer Tour liegt im hippen Viertel Vesterbro.

Recycelte Fahrräder

Rund um den ehemaligen Schlachthof riecht es nicht mehr nach Tod und Tierteilen – hier verströmen Kunst und Kultur ihre Signale. Avantgardistische Events, schmucke Cafés, industrielles Ambiente – „Kødbyen“, die Fleischstadt, ist angesagt, und „Baisikeli“ fühlt sich in dieser Nachbarschaft wohl.

Alle fahren Rad.
Alle fahren Rad.

Also steigen wir auf unsere recylcelten Räder und testen die vielbeschworenen Radwege von Kopenhagen. Erst im Mai wurde der C99 eingeweiht, einer von 26 geplanten Cykelsuperstis. Dass wir in übersetzt von Fahrradautobahnen sprechen, sagt schon wieder alles.

Autos haben auf diesen Schnellwegen nämlich überhaupt nichts zu suchen. Vielmehr sollen die Fahrrad-Superwege die Bahn frei machen für die wackeren Pendler, die werktäglich auf zwei Rädern ins Zentrum strampeln. Jene Leute durch reibungsfreie Strecken belohnen, die vom Auto auf die sportliche Alternative umgestiegen sind.

Für jedes Wetter gerüstet.
Für jedes Wetter gerüstet.

Jetzt gilt Kopenhagen ja nicht gerade als Schönwetterhochburg, deswegen ist der Radfahreranteil von 35 Prozent natürlich umso erstaunlicher. Und die Stadt ist auf dem besten Weg bis 2025 die 50-Prozentmarke zu knacken. Das erklärte Ziel: der Titel. Die fahrradfreundlichste Stadt der Welt.

Rücksichtsvolle Autofahrer

Damit die Entwicklung in diesem Sinne weitergeht, baut die Stadt neue, komfortable Wege. Und der dänische Cyklistforbundet holt die Leute mit seinen Kampagnen an die frische Luft. Jesper Pørksen vom Verband begleitet uns auf den Radwegen durch die Stadt.

Es kann losgehen.
Es kann losgehen.

Als erstes fällt uns auf: Eigentlich düsen die anderen viel schneller wir. Aber wir pflegen halt unser Gruppentempo. Zweitens: Die Fahrradwege sind keine mit den Fußgängern geteilten Strecken. „In Dänemark werden Radfahrer nicht als schnellere Fußgänger betrachtet“, meint Jesper, und das macht wohl den Unterschied. Mal ganz abgesehen von der fehlenden Autolobby.

Drittens: Die Motorisierten agieren rücksichtsvoller. Schließlich hat man sich an den stetig ansteigenden Fahrradstrom gewöhnt – die Entwicklung begann schließlich vor mehr als zehn Jahren.

Von Carlsberg bis Fredriksberg

Nachdem wir uns an unsere Räder, die Umgebung und das Fahren in der Gruppe gewöhnt haben, kann die Stadtbesichtigung per Rad so richtig losgehen. Aus Kødbyen düsen wir in Richtung Gamle Carlsberg. Das einstige Brauerei-Gelände hat eine ähnliche Umfunktionierung erfahren wie die Schlachterhallen, dient nun als Besucherzentrum und steht auch kulturellen Events zur Verfügung.

Sightseeing per Rad: Gamle Carlsberg
Sightseeing per Rad: Gamle Carlsberg

Wir fahren über ein enormes Gelände – größtenteils aus dem 19. Jahrhundert. Die Architekturen varieren, zitieren Romanik, italienische Renaissance und Barock. Alles mit Backstein interpretiert. Die lebensgroßen Elefanten, die das gleichnamige Tor tragen, gehen auf Berninis Obelisken in Rom zurück. Kurios das Ganze.

Von hier aus ist es nicht mehr weit bis zum Frederiksberg Park, einer enormen Gartenanlange westlich von Vesterbro. Dass wir noch ins Schwitzen kommen und die dänische Hauptstadt über solche Anstiege und Ausblicke verfügt – wer hätte das im flachen Dänemark gedacht?

Der ist echt: Elefant im Zoo auf dem Frederiksberg
Der ist echt: Elefant im Zoo auf dem Frederiksberg

Im Park ist allerdings Schieben angesagt – Entschleunigung in der grünen Oase. Das ist nicht bei jeder Grünfläche so. Unser nächstes Ziel ist nämlich das Multikultiviertel Nørrebro in nördlicher Richtung. Und der dortige Assistens Kirkegård, eine gelungene Mischung aus Friedhof und Park, verfügt doch tatsächlich über ausgewiesene Fahradwege.

Das Highlight: Nørrebro

Wir sind begeistert. Auch über diese Möglichkeit, hier zu picknicken oder einfach nur kurz auszuspannen, wie es der Kopenhagener gerne macht. Rundherum die Gräber bekannter Musiker, Maler, Schriftsteller etc. – zum Beispiel das von Hans Christian Andersen.

Jogger sind unterwegs, Kinder tollen herum – viel Leben auf dem alten Friedhof. Aber Nørrebro ist überhaupt ein Highlight der Tour. Hier wird Kopenhagen ganz bunt, nicht nur, was die Bevölkerung angeht.

Kopenhagen hat viele Gesichter.
Kopenhagen hat viele Gesichter.

Wir sind nun auch auf dem neuen Superweg C99 gelandet, der sich auf den ersten Blick wie ein normaler Fahrradweg ausnimmt. Schneller fahren wir nicht, und auch nicht lange genug, um von der grünen Welle zu profitieren.

Am sogenannten Landschaftspark Superkilen steigen wir ab und schauen uns erst einmal um, hier im Kreuzberg Kopenhagens. Buntgemischt die Bevölkerung um uns herum, knallbunt der Boden unter unseren Füßen. In diversen Rottönen leuchtet er, gemischt mit Orange und Pink.

Lebhaft und unkonventionell

Angrenzend ein schwarzer Platz mit hellen Wellenlinien auf dem Boden. Überall Spielbereiche für Kinder, Raum für Skater, Sitzgelegenheiten für alle. Und etliche Anspielungen auf die multiethnische Zusammensetzung des Kiezes. Ausgesuchte Mitbringsel aus Jamaika, Palästina, Thailand, Texas und Spanien machen den Mix – zusätzlich zu den 57 Objekten, die stellvertretend für die 57 Kulturen von Superkilen stehen.

Auf nach Nørrebro!
Auf nach Nørrebro!

Wir trinken einen Kaffee in einer der Straßen Nørrebros, die so wirken wie das ganze Viertel: jung, lebhaft und unkonventionell. Richtung Zentrum geht es zurück, am Samstagnachmittag vielleicht nicht die beste Entscheidung für Radfahrer.

Über der Haupteinkaufsstraße Strøget strömen die Menschen in alle Richtungen, hier sind die Räder nur ein Hindernis, die wir nun wieder schieben müssen. Die ganze Zeit an der frischen Luft, mit gleichmäßiger Bewegung und vielen neuen Eindrücken – wir fühlen uns topfit.

Die Lust ist da.
Die Lust ist da.

Und da ist sie wieder, die Lust am Radfahren. Fängt man einmal damit an, entfaltet es eine Art Suchtwirkung. Kopenhagen wirkt langfristig: Auch zu Hause will ich wieder mehr in die Pedale zu treten.

Text und Fotos: Elke Weiler

Danke an die Reederei Scandlines und die Danish Cyclists Federation für die Unterstützung dieser Reise.

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  4. Eine tolle Mission, die der Fahrradverleih ins Leben gerufen hat. Dank Deines Blog-Beitrags bin ich darauf aufmerksam geworden und habe ihn bei meinem letzten Besuch in Kopenhagen ebenfalls unterstützt. Bei der Gelegenheit möchte ich mich auch mal für die vielen tollen Inspirationen, die man aus Deinem Reiseblog ziehen kann, bedanken! 🙂

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