Hummel am Morgen

„Er hechelt wie ein Hund“, findet mein Kopilot. Es stimmt. Wir stehen an der Ampel, und was hechelt, ist Cali, unser Begleiter für die nächsten Tage. Wagen und Wohnung in einem. Hübsch ist er auch noch.

Ein VW-Bulli, Baujahr 89, einer der letzten T3-Modelle. „California“ steht vorne groß drauf, dazu dieses leicht versalzte Rotorange. „Vermutlich halten sie uns für Surfer“, meine ich.

„Du musst cool gucken. Locker. Als hättest du Shorts mit Blumenmuster an, original auf Hawaii gekauft. Der Rest sonnengebräunt, denn Surfsaison ist immer.“

Passt wie angegossen.

Wir entspannen uns auf den Sitzen, das Lächeln ein bisschen breiter. Der Kopilot legt den rechten Arm lässig im Fenster ab. „Stimmt ja auch“, kommt es von der Seite. „Wir surfen viel und ständig.“ Im Netz.

Aber die Gänge!

Die Ampel schlägt auf Grün um, und ich stochere uncool in der Gangschaltung. Der Erste macht mir Probleme. Ich gebe Gas. Der Bulli ächzt und knarrt, rappelt und klimpert. Charakter nennt man das. Charme. Die Bremsen sind einwandfrei, auch die Lenkung.

Alles drum und dran

Nur mit der Gangschaltung stehe ich auf Kriegsfuß, das artet in körperliche Anstrengung aus. Für den Rückwärtsgang starte ich jedes Mal eine neue Suchaktion.

Erst nach Damp klappt es reibungslos. Frohgemut grüße ich andere Camper. „Nein, den doch nicht! Das war ein Mercedes!“, der entrüstete Aufschrei des Kopiloten. Ach so.

Kein Victory-Zeichen?

Was fehlt, ist der Bulli-Blick. Bei der Ente liegt die Sache ganz anders. Döschwo-Fahrer grüßen sich mit einem unmissverständlichen Victory-Zeichen. Immerhin ist der Wendekreis der beiden vergleichbar: der eines Traktors. Die Wirkung auch. Neugierige Blicke, Bewunderung, Freude.

Ein Plätzchen für Cali

In Damp haben wir die Räder aufgeladen und einen sehnsüchtigen Blick auf die Badenden am Strand geworfen. Müde Hunde, plantschende Kinder, und alle wollen Eis. Wir pausieren mit Fischbrötchen. Direkt bei Cali natürlich, unglaublich locker angelehnt. Ein bisschen Angeben gehört dazu, wenn du Bulli-Urlaub machst. Außerdem parken wir nicht ganz legal.

Bei den Fischerhütten

Jetzt aber los. Die Musik des urigen Kassettenradios erschallt laut aus den Boxen, wir könnten sogar ein Smartphone anschließen. Aber wozu? Solange es noch Kassetten gibt. Das Maximum wäre, jetzt noch auf das Navi zu verzichten.

That’s Langholz.

Als wir in Langholz ankommen, sind wegen des Bombenwetters alle Plätze belegt. Zum Glück habe ich reserviert: „bei den Fischerhütten“. Klingt gut und stellt sich als zentral heraus. Direkt bei besagten Holzhütten, die Bestandschutz haben. Denn vor den gemütlichen Tourismuszeiten ließen die Fischer von Waabs hier ihre Boote zu Wasser.

Ein paar alte Kähne liegen noch malerisch im Gras, und die Spulen rosten stumm vor sich hin, mit deren Hilfe die Holzboote einst an Land gezogen worden. Die Hütten sind heute als Lagerplätze und Litfaßsäulen in Gebrauch. Veranstaltungen der Region, Hinweise auf Museen, alles erfährt der werte Gast hier.

Wo einst die Fischer…

Ich parke unser Schätzchen hinter einer der Hütten mit dem Po zum Meer. Instinktiv. Als hätte ich geahnt, welche Möglichkeiten Cali uns noch bieten wird.

Durchdacht bis ins Detail

Kati und Kai von Cruising Campers haben uns in Kiel eine ausführliche Gebrauchsanweisung für den T3 und sein Inventar gegeben. Trotzdem soll uns das Leben noch überraschen. Schon jetzt, da wir langsam anfangen, in dem hübschen Ding zu wohnen, erstaunt uns die Durchdachtheit der Einzelteile. Platzmanagement bis ins I-Tüpfelchen, auch für die letzte Schlaufe gibt es einen Knopf, und jeder Haken findet seine Öse.

Vorhänge zu, gute Nacht!

Der Kühlschrank wird mit Gas betrieben, der Herd sowieso. Der Tisch ist schwenkbar, das Sofa können wir mit zwei Handgriffen in ein Bett umwandeln, sogar eine Leselampe existiert. Zufällig an der Seite, die ich mir ausgesucht habe. Nur mit dem Platz müssen wir ein wenig haushalten: 1,25 Meter Liegefläche – das wird kuschelig.

Erschlagen vom Schlager

Mitten in der Nacht. Zeit, um Schlagerlieder zu analysieren: Liebe, Sterne, Betrug. Und vor allem viel Ich. Die Antipoden? Sind im Punk, da bin ich mir sicher. „Der Punk wurde nachts auf einem Campingplatz erfunden, irgendwo in Deutschland“, schaltet sich der Kopilot ein.

Kopilot und Held

Pure Verzweiflung. Ich dachte, ich hoffte, ich höre das Meer, hier am Meer. Es ist der Tag der Ozeane, weltweit. Und so steht mein Held mitten in der Nacht auf, geht zum Bistro, wo fünf Restpartyleute lallend Erfahrungsaustausch betreiben. Der Schlager im Hintergrund erschlägt nur die Wachen. Und dann… himmlische Ruhe.

Am Morgen lauschen wir dem Regen, der sachte aufs Dach trommelt. Ich blicke durch das Fenster zum Himmel, das schräge Dachfenster des Bullis. Wir haben die Gardinen hier nicht zugezogen, sonst überall, einmal rundherum. Doch den Himmel, den wollen wir immer sehen.

Draußen klappert etwas, wer schleicht da herum?

Die Nachbarschaft

Es dauert noch eine Nacht, bis wir es merken, bis wir die Bügel entdecken. Es gibt nämlich eine Art Schrank neben dem Bett. Und die Holzbügel darin bewegen sich, wenn der Wagen sich bewegt. Und der Wagen bewegt sich, wenn wir uns bewegen. Nur wenn es ganz still ist, hört man sie. Nur, wenn es leicht regnet wie jetzt, und sonst kein Laut ringsherum.

Wir frühstücken draußen, eingefleischte Camper eben. Am Strand mit Filterkaffee wie zu Omas Zeiten. Nur mit Bio-Kaffee, den wir von zu Hause mitgebracht haben. Das Angebot im Shop des familiären Campingplatzes ist etwas eingeschränkt. So gibt es auch keine Milch von glücklichen Kühen.

Wird es regnen?

In den Tiefen der Inventarschränke machen wir eine kuriose Entdeckung. Das Toaster-Wunder aus Kanada! Zusammengefaltet ist es platt wie eine Flunder. Doch auf dem Gaskocher aufgestellt, funktioniert das filigrane Teil wie ein Toaster, der seine Zeit braucht.

Mit dem Rad nach Eckernförde

Wir freuen uns auf die Radtour nach Eckernförde, und ahnen beim Losfahren noch nicht, wie heiß es wird. Die Regensachen hätten wir getrost im Koffer lassen können. Die Sonne lacht, und die wellige Landschaft sieht zwar liebreizend aus, mit ihren wogenden Weizenfelder. Doch dieses Auf und Ab bringt uns aus der Puste.

Und die Croissants vom Campingplatz waren zwar lecker, halten jedoch nicht lange vor. So überkommt uns schon nach wenigen Kilometern ein untrügliches Hungergefühl. Just an der Stelle, wo ein Schild auf das Hofcafé von Gut Ludwigsburg hinweist.

Ab ins Wasser!

Wir sind nicht die Ersten. Der NDR mit dem roten Fahrrad sowie vier Wagen für Mensch und Equipment sind bereits eingetroffen. Doch bei warmem Rhabarberkuchen und Apfelstreusel suchen wir vergeblich nach laufenden Kameras.

Kurs auf Eckernförde

13 Kilometer weiter. Eckernförde scheint an diesem Pfingsttag aus allen Nähten zu platzen. Party an der Schlei mit Riesenrad, Fischbuden und Massen von Menschen. Softeis am Hafenkai, offene Geschäfte, alles, was das Herz begehrt. Zuviel Rummel, deshalb radeln wir wieder zurück, ohne die Sprotten probiert zu haben.

Aber nicht ohne die selbstgemachte Himbeermarmelade im Hofladen von Gut Ludwigsburg fürs Frühstück zu organisieren. Mit puterroten, ja himbeerroten Köpfen vor Anstrengung landen wir wieder an unserem Strand. Cali wartet schon, unter einem kleinen Hitzestau leidend.

Die große Pfingstparty

Nach so einem Tag willst du nur noch ins Wasser. Doch wieso ist die Ostsee so kalt? Und warum sind die Steine auf dem Boden so spitz? Vielleicht hätte ich doch in Damp baden sollen.

Ein VW-Bulli wird zum Zelt

Nach dem Abendessen sieht alles ganz anders aus. War die See tagsüber bewegt und hat sich in die Bucht gedrückt, so wirkt sie jetzt glatt wie ein Spiegel, die Farben changierend zwischen türkis und himmelsrot. So wandern wir hinaus aus der Bucht, setzen uns zum Sonnenuntergang auf dicke Steine.

Immer schön.

Unsere zweite Bulli-Nacht ist ohne Party, ohne Schlager, ohne Philosophie und ohne Regen. Dieses Mal weckt mich die Helligkeit. Ich laufe über den leeren Campingplatz, die Vögel zwitschern, da kommt mir eine Idee. Wieso nicht Calis Hinterklappe öffnen? Jetzt mutiert der Bulli also zum Zelt, hinter unseren Köpfen das Meer.

Erst später werde ich wieder geweckt. Von einer Hummel. Wachgeküsst von der Morgensonne, die unsere Gesichter kitzelt. Schade, dass wir bald schon den letzten Kaffee im Bulli kochen, die Campingstühle ein letztes Mal an den Strand stellen. Und noch einmal Calis Rumpeln und Rattern zuhören wie einer unendlichen Geschichte.

Der Bulli, ein Zelt

Dieses Mal grüßen sie alle. Doch dann passiert etwas. Ein „Ploingploing“ links neben uns. Ich zucke zusammen. Die Polizei? Was habe ich falsch gemacht? Zwei Bullifahrer winken wie verrückt auf der Überholspur, sehr witzig! Und genau so habe ich mir das vorgestellt. Cali und das pralle Leben.

Text und Fotos: Elke Weiler

Ganz lieben Dank an Kati und Kai von Cruising Campers, die uns den VW-Bulli zur Verfügung gestellt haben.

  1. Liebe Elke,
    welch schöne Geschichte!! Eckernförde und Umgebung sind die Orte meiner Kindheit! Aber was haben wohl Julchen und Janni dazu gesagt??
    Viele Grüße
    Martina

    • Danke, Martina! Julchen und Janni sind begeisterte Ferienhaus-Urlauber! Aber vermutlich sind sie für alles zu haben. 😉 Wie sieht es denn bei Suri und Dayo diesbezüglich aus???

  2. Toller Bericht! Da bekomme ich glatt Lust, unseren T3 vollzustopfen und ans Meer zu fahren. 🙂

    Liebe Grüße
    Jessi

    • Danke dir!!! Ihr habt einen T3??? Dann macht das doch, kommt ans Meer. 🙂 Ihr könnt euch Ost- und Nordsee anschauen und dann entscheiden, was euch besser gefällt. 😉

      • Gute Idee, wenn da nicht die Klausurphase meines Freundes und kaum Resturlaubstage auf meiner Seite wären… Mit 50 PS kommt man leider nicht schnell voran und von Aachen aus ist das eine ganz schöne Strecke. Vielleicht fahren wir nächstes Jahr mal wieder nach Holland! 🙂

  3. Campingausflug im VW-Bulli ist immer toll. Kann die Provence empfehlen (Lac de Sainte-Croix). Ist zwar ein wenig vom Meer entfernt, aber das Wasser ist türkis und schöner als das Mittelmeer. 😀

  4. Schöner als das Mittelmeer, City Sea Country? 🙂 Bin ab morgen in der Provence, aber mehr Richtung Küste. Und nicht mit einem Bulli, sondern mit einer Ente. 🙂

  5. Sag gerade Du fährst von Dir aus mit der Ente nach Frankreich? Und ja, liebe Meerbloggerin, da fehlt ein Monster oder zwei. Grund für uns, ein etwas größeres WoMo zu fahren – da ist Ian immer dabei.

  6. Fabelhaft! Hatte ich schon erzählt, dass meine Lieblingsfarbe Rot ist? Mit dem Bulli würde ich mich gut verstehen. Und mit dem Meer sowieso. Klasse Geschichte. Ich greif schon zum Telefon, um mir „Cali“ zu reservieren! Jutta

    • Zugegeben, ich habe ihn nach der Farbe ausgesucht. Eigentlich gefiel mir der Cream sehr gut. aber da ist weniger Platz, da der obere Teil für die Kiddies ist. Gut für Familien also, aber dein Sohn passt da vermutlich nicht mehr rein, oder? 😉

  7. Die gute alte Ente – haaaach, mir wird ganz warm um’s Herz!

  8. Ne, Nicolai, die Ente wartet dort schon. 😉

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  10. Nur einfach fabel fabel fabel haft …. das Foto mit dem Blick von der Bettdecke ist der Hammer. Lust haste Du nun geweckt, liebe Elke.
    Liebe Grüsse sendet Dani

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  13. Toller Artikel und beeindruckende Bilder!

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