Morgenrot am Mont-Saint-Michel

Als der Wecker geht, ist es noch dunkel. Die rote, vom Atem der Nacht beschlagene Ente wartet vor der Tür zum Garten im Maison d’hôtes „Les Bruyères du Mont“, einem ehemaligen Bauernhof aus dem 19. Jahrhundert. Himmlische Ruhe. Die Polder der Bucht von Mont-Saint-Michel umgeben den Weiler Le Mezeray bei Ceaux.

Als ich den Koffer einlade, sehe ich einen dünnen Lichtschein im Wohnzimmer des Haupthauses. Schon vor sieben Uhr bereitet mir Madame Campain ein üppiges Frühstück zu. Ich wünschte, den Morgen in Le Mezeray länger genießen zu können. Doch wegen der Springflut muss ich los. Ein Spektakel, das in 2016 insgesamt 20 Mal eintrat: Der Klosterberg wird zur Insel.

Also wische ich noch das Wasser von den Scheiben und setze rückwärts aus dem Garten von Madame Campain, der so gehegt und gepflegt wirkt. Sie öffnet mir das Tor und winkt zum Abschied. Nur eine Viertelstunde dauert es, bis ich am legendären Mont-Saint-Michel ankomme, mich in den Weiten des Besucherparkplatzes verliere, auf den Shuttlebus zur neuen Brücke warte.

Startklar in Le Mezeray

Alles ist bis ins Detail organisiert und läuft wie am Schnürchen, Frankreich eben. Auf der Brücke hat sich schon eine Menschentraube gebildet, die Meisten wandern bis zu dem Punkt, wo die Brücke von der Polizei gesperrt wird. Auch weist ein Schild auf diesen Punkt hin. Das Wasser steigt, flutet den Weg, bald schon ist der Berg von der Umwelt isoliert.

Der höchste Tidenhub

In der anderen Richtung färbt sich der Himmel rot, der Morgendunst hat sich ausgelöst. In diesem wie bestellten Licht leuchtet der Klosterberg rosa bis golden auf. So fotografieren die Zuschauer, als gäbe es kein Morgen, gehen so nah wie möglich ans Wasser heran, ja, teilweise sogar ins Wasser. Ein vermutlich professioneller Fotograf steigt in vermutlich wasserabweisenden Hosen in die Fluten.

In der Bucht des Mont-Saint-Michel ist der Gezeitenunterschied mit 13 bis 14 Metern am höchsten von ganz Europa. Nur in der kanadischen Bay of Fundy kann der Tidenhub sogar 15 Meter betragen. Die Flut drängt als Welle in die Bucht des Mont-Saint-Michel, „mit der Schnelligkeit eines Pferds im Galopp“, beschrieb es Victor Hugo. Um diese erste Welle, la mascaret, live miterleben zu können, hätte ich zwei Stunden früher vor Ort sein müssen.

Nun stehe ich also mit vielen Anderen auf einer Brücke, die im Wasser endet. Wie die Pinguine rücken alle gegen die Kälte dieses Herbstmorgens zusammen, es ist der 18. Oktober 2016. Und natürlich, um die beste Sicht zu haben. Wir werden belohnt mit diesem fantastischen Licht. Das ist Glück, das ist gegen alle Vorhersagen.

Langweilig wird es auf der Passerelle, jenem Steg, keine Sekunde lang. So sortieren die Aufpasser die Menge nach links und rechts, um ein mit Militär bestücktes Amphibienfahrzeug durchzulassen. Mehrmals fährt es hin und her. Wen bringt es fort, wen holt es ab? Oder geht es hier um reine Sicherheitsmaßnahmen?

Hoch die Hosen!

Dann erregen Taucher die Aufmerksamkeit, als sie die Brücke umrunden, unter ihr hindurch schwimmen und am offenen Ende aus den Fluten steigen wie die Wassernixen. Mit der Zeit taucht der Weg zur Insel wieder auf, das Wasser ist auf dem Rückmarsch. Einige können nicht warten, ziehen sich die Schuhe aus, krempeln die Hose hoch und waten durchs Wasser. Ergebnis: Die Hose wird klatschnass.

Nur kurze Zeit später löst sich der Brückenstau auf, alles drängt zum Klosterberg. Wie eine immense Pfütze platscht das Wasser unter meinen Sohlen. Der Tidenhub ist ein faszinierendes Ding. Er hat die Macht, Landschaften zu verändern, er bildet Inseln und schluckt Strände, riesige Massen Sand, das Watt mitsamt allem Leben darin. Sechs Stunden später gibt er alles unverändert zurück.

Fast. Für nicht wenige Kenner ist die Ebbe nach der Springflut exakt der richtige Moment, um Muscheln zu sammeln, wie ich auf meiner Tour durch die Bucht des Mont-Saint-Michel bereits erfahren habe. Sie treffen sich bei den Felsen von Champeaux. Und sie bringen viel Ausdauer mit.

Immer höher, immer schmaler

Die Glocken läuten. Auch ich muss los, um Virginie zu treffen. Doch am vereinbarten Ort links vom Stadttor wartet niemand. Schließlich finden wir doch noch zueinander und machen uns auf den Weg hinauf in die Grand Rue. Sie klärt mich auf: 30 Bewohner hat die Gemeinde von Mont-Saint-Michel derzeit, darunter 12 Mönche und ein paar Landwirte in den umliegenden Poldern, die Salzwiesenschafe nicht mitgezählt.

Auch hätte bis vor ein paar Jahren noch eine Familie auf dem Berg gelebt, die dann fortgezogen wäre, als die Kinder ins Schulalter kamen. Wir stehen vor dem Büro des Bürgermeisters. „Man sieht ihn häufig“, meint Virginie, er sei Rentner. Obwohl so viele Menschen mit mir zusammen auf der Brücke gewartet haben, wirkt das mittelalterliche Dörfchen nicht von Gästen überflutet.

Das liegt wohl nicht nur an der Nebensaison, sondern auch an den fehlenden Touristen aus Asien. Der Klosterberg zählt aus guten Gründen zu den Topattraktionen Frankreichs, doch die unruhigen Zeiten schrecken wohl einige ab. Wir steigen immer schmaler werdende Gassen hinauf, die fast menschenleer sind. Als wir die dreistöckige Klosteranlage erreichen, füllt es sich wieder.

Taschenkontrolle, Eintrittskarte, alles im Fluss. Virginie führt mich durch die Räume, erzählt die Geschichte von der Entstehung, von der Legende, als der Erzengel Michael im Jahre 708 dem Bischof erschien – mit dem Auftrag, an genau dieser Stelle zu bauen. Das brachte ein paar Probleme mit sich, vor allem aus statischer und infrastruktureller Sicht.

Das Großprojekt

Aber mit dem prominenten Bauherren konnte man es sich schlecht verscherzen, und so wuchs im Laufe der Zeit ein Meisterwerk mitten im Watt. Zutaten aus diversen Epochen, vor allem romanische und gotische Formen. Fels und Architektur sind längst zu einer Einheit verschmolzen, die wie ein Fanal in die Höhe ragt und bei Flut über dem Wasser zu schweben scheint. Ein Symbol der Schönheit, der Willenskraft, des Aufhebens aller Gesetze der Schwerkraft – finanziert mit dem Geld der Pilger und des Königs.

Zurück im Mittelalter

Doch im 19. Jahrhundert wurde ein Damm vom Festland zur Insel errichtet, der zwar den Zugang erleichterte, jedoch den natürlichen Strömungsfluss im Watt unterband. Was mit der Zeit zur Verlandung der Fläche führte. Das Großprojekt, mithilfe eines Stegs die Strömung wieder zuzulassen und gleichzeitig mit einem Stausystem an der Einmündung des Flusses Couesnon unterstützend einzugreifen, konnte 2015 abgeschlossen werden. Sand- und Schlickmassen wurden abgetragen, der Mont-Saint-Michel wird seitdem in regelmäßigen Abständen zur Insel.

Die Ausführung des Stegs wirkt ebenso zurückhaltend wie elegant, sie ordnet sich dem Gesamtbild unter, dieser untrennbaren Einheit aus Landschaft und Klosterberg. Eine Symbiose von Natur und Kultur – an diesem Ort hat sie zur Perfektion zurückgefunden. Zwar zeigt Virginie mir die unbekannten Seiten des ehemaligen Klosterlebens auf, als wir durch die Stockwerke des Klosters ziehen.

Gesangseinlage im Refektorium

Auch ist ihre spontane akustische Kostprobe von gregorianischem Gesang so etwas wie Kunst aus dem Stegreif. Doch der schönste Moment nach der Flut am Morgen bleibt für mich die Aussicht vom Kloster. Die Ruhe des Wattenmeers, sein Duft, die Weite, das sublime Licht. Was muss das für ein Gefühl sein, hier oben bei tosender Brandung zu stehen, wenn die Wellen einer Sturmflut am Berg lecken?

Schon am Abend bekomme ich im gar nicht so weit entfernten Saint-Malo eine Kostprobe in punkto Brandung. Die Brandung schlechthin.

Text und Fotos: Elke Weiler

Im Garten der Mönche
Und weiter hinten… die kleine Nachbarinsel Tombelaine.
Aus der Zeit, als der Berg ein Gefängnis war.
Dunkle Wolken ziehen auf.

Bald auf Meerblog: Über einen Ausflug zu den Chausey-Inseln, wo wir Piraten treffen. Singende noch dazu.

Die nächsten Springflut-Termine findet ihr auf der Seite von La Manche Tourisme.

Mit Dank an Atout France und Normandie, die diese Reise unterstützt haben.

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