Himmel über Nordfriesland

Amrum, StrandHimmel über Nordfriesland

Ich stehe vor einem Bild, ich habe es gefunden. Eigentlich mag ich Bilder am liebsten an dem Ort, für den sie geschaffen wurden, an dem sie einzigartig sind. Etwa die „Mariä Himmelfahrt“ von Tizian in der Kirche Santa Maria Gloriosa die Frari in Venedig. Der Ort schafft hier eine Bühne für das Bild.

Wenn ich eine Ausstellung besuche, folge ich der Taktik, erst einen Überblick zu gewinnen und mich dann in ein bis zwei Lieblinge zu vertiefen. Bei „Nolde in Hamburg“ ist es keine der schönen Tuschzeichnungen (siehe Bild unten) geworden, die der dänisch-deutsche Maler am Hamburger Hafen kreiert hat. Schiffe, Rauch, Wasser. Linien, die wie Gedanken schwingen. Motive, die Noldes Sehnsucht nach dem Meer beschreiben.

Den Zuschlag erhält dieses Mal ein Bild, das mir vertraut ist, ohne dass ich es kannte. Und diese Vertrautheit rührt nicht nur vom Motiv her. 1932 hat Emil Nolde den „Hülltoft Hof“ gemalt, das Nachbarhaus des Ehepaars Nolde im nördlichen Nordfriesland. Hier hatten sie ein Haus gekauft und es Seebüll getauft, heute Platz der Nolde Stiftung.

Für mich steckt im „Hülltoft Hof“ genauso viel Nordfriesland wie in „Der Schimmelreiter“ von Theodor Storm – siehe auch meine Lesetipps. Es ist der Himmel, der immer in Bewegung ist. Das Licht, das pointiert, spaltet, verändert, hypnotisiert, einlullt oder betört. Ein Licht, das es so nur am Meer gibt.

In Noldes Kopf lässt es die Farben tanzen, die er von dort unverfälscht auf die Leinwand bringen will. Wie einst die Impressionisten und darüber hinaus. Nolde akzentuiert, vereinfacht die Formen, schafft Farbflächen, die gegeneinander gesetzt eine spannungsgeladene Einheit ergeben.

Kleiner Dampfer, Nolde in Hamburg

Emil Nolde (1867–1956)
Kleiner Dampfer, Hamburg, 1910
Tuschpinselzeichnung, aquarelliert
Nolde Stiftung Seebüll
© Nolde Stiftung Seebüll
Foto: Dirk Dunkelberg, Berlin

Die Unmittelbarkeit des Ausdrucks. Der emotionale Moment. Ein einsames Haus, eine flache Landschaft – vom Unwetter bedroht. Im roten Haus leuchtet das Licht, das menschliche Leben. Die saftgrünen Wiesen wie lebendige Natur, der schwarzgraue bis gelbe Himmel das bedrohliche Element der Natur, ihre Kraft, die zerstören und neu ordnen kann. Fast zu drei Vierteln bestimmt der wilde Himmel das Bild.

Wie winzig der Mensch, der unter diesem Himmel wohnt, wie unbedeutend. Genau so fühlt sich das Leben an der Nordseeküste an. Wer einmal im Sturm gestanden und sich in den Wind gelehnt hat, wer einmal in der Nordsee geschwommen ist und ihre Kräfte gespürt hat, das Hin und Her der Tiden, das Wegziehen und Heranbrausen, der weiß es. Der spürt genau hier den ewigen Zyklus des Lebens.

Je länger ich das Bild anstarre, desto heimeliger wirkt es. Desto mehr sehe ich im Innern des Hofs das Licht, höre das Knistern der Holzscheite im Ofen und atme die leicht verräucherte Luft der Katen und Haubarge in Nordfriesland ein. Ein Feuer scheint auch vor dem Haus aufzulodern, da, beim Stall. Hat der Bauer nicht gesehen, dass das Wasser bald in Sturzbächen vom Himmel kommen wird?

Im Winter triefen die Fennen Nordfrieslands vor Nässe, der Boden quatscht unter jedem Schritt und gibt nach, die Marsch scheint sich aufzulösen. Es sei denn, es wird kälter, und die Böden gefrieren. Dann ist die Luft trocken und klar. Aber auf Noldes Bild ist nicht klar zu erkennen, zu welcher Jahreszeit es gemalt wurde. Vielleicht im Frühjahr oder Herbst. Oder eine Gewitterstimmung im Sommer.

Nolde stammte aus einer Fischerfamilie, er wurde nicht weit entfernt von dem Ort geboren, den er später gemeinsam mit seiner Frau aussuchte und bezog, Seebüll in Nordfriesland. Zeit seines Lebens liebte er die Natur und das Meer.

„Träume sind wie Töne, Töne wie Farben, Farben wie Musik.“ Emil Nolde

Text und Himmelfoto: Elke Weiler


Service-Infos:

Das Bild ist noch bis zum 10. Februar in der Sonderausstellung „Nolde in Hamburg“ der Hamburger Kunsthalle zu sehen. Ich hatte überlegt, eine Postkarte mit einer Reproduktion des Bildes zu kaufen, doch von der Kraft des Bildes und seiner Lebhaftigkeit ist darauf nichts zu spüren, die Farben verändert, alles anders. Man sollte es im Original sehen. Da der „Hülltoft Hof“ zur Sammlung der Kunsthalle gehört, wird er auch nach dem Ende der Ausstellung wieder zu sehen sein. Im Frühjahr 2016 werden die Sammlungen im alten Gebäude neu eröffnet.

Das Museum der Nolde Stiftung in Seebüll eröffnet nach seiner Winterpause erneut am 1. März. Hier lohnt sich, nicht nur die Ausstellungsräume, sondern auch Garten und Café zu besuchen. Ich werde berichten!

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17 Kommentare

  1. Liebe Elke,

    wunderschöner Bericht über meine alte Heimat. Nolde hat es verstanden, das Licht und die dadurch entstende Magie der Gegend einzufangen. Und jaaaaa, den Garten und das Café von Seebüll unbedingt in wärmerer Jahreszeit ausprobieren. Mein Favorit bleibt aber http://meerblog.de/vogelkiek-und-eiergrog/ 😉

    Liebe Grüße aus dem Exil,

    Sven

    • Danke, lieber Sven!!! Seebüll steht auf meiner Frühjahrsagenda. Als nächstes habe ich Lübeck im Programm, da war ich noch nie! Und was Kating angeht, hast du mich auf eine Idee gebracht… Liebe Grüße von Eiderstedt! Elke

  2. …Wie winzig der Mensch, der unter diesem Himmel wohnt, wie unbedeutend. Genau so fühlt sich das Leben an der Nordseeküste an. Wer einmal im Sturm gestanden und sich in den Wind gelehnt hat, wer einmal in der Nordsee geschwommen ist und ihre Kräfte gespürt hat, das Hin und Her der Tiden, das Wegziehen und Heranbrausen, der weiß es. Der spürt genau hier den ewigen Zyklus des Lebens

    Liebe Elke , ja ja das trifft es genau. Wenn wir oben an der Küste sind -ist der Kopf ruck zuck frei und der Wind fegt den Alltag-zumindest für ein paar Tage- weg.
    Liebe Grüße
    Gela ,Olaf und Bo

          • Wo ist noch nicht ganz klar aber wahrscheinlich im unteren Teil , wann das hängt von meiner Wiedereingliederung ab.
            Ich sag Bescheid sobald wir gebucht haben -wir hoffen auf euren Besuch.

  3. der Marschmensch

    ich trage das Hülltoft Tief als Tattoo über meinem Herzen, so habe ich meine Heimat immer dabei. Nolde als Tattoo ist kaum umsetzbar 🙂

  4. Wie klein und unbedeutend der Mensch im Angesicht der Natur ist – das hast du wunderschön geschrieben. Leider kenne ich das beschriebene Bild nicht, aber deine Worte haben ein wunderschönes Bild in mir herauf beschworen. Mal schauen, ob wir es in die Ausstellunf schaffen können, jetzt bin ich doch neugierig geworden. Und eine Zeit am Meer lohnt den Weg aus Brixen Südtirol doch immer. 😉

    • Hallo Dani, du kannst dir das Bild im Netz anschauen, aber sämtliche Reproduktionen wirken eher unscheinbar… Wie gesagt, es gehört zum Bestand, daher vermute ich, dass es auch nach der Ausstellung wieder auftauchen wird. 🙂 Herzliche Grüße!!

  5. Pingback: Zu Besuch in der Nolde-Stiftung | Seebüll, Nordfriesland

  6. Liebe Elke, ein wunderbarer kleiner Text! Bitte mach solche Artikel öfter mal, so schön zu lesen. Viele Grüße aus dem Süden

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